Als die Nachbarskinder mit Medaillen nach Hause kamen

Ori

Auf dem Medaillenspiegel ist Israel auf dem Xysten Platz, irgendwo ziemlich weit auf dem unteren Teil der Liste. Der Teil eben, der schon nicht mehr ausgedruckt wird, weil ihn sowieso niemand liest. Aber immerhin, wir haben Medaillen. Letzte Woche sind die beiden israelischen Bronzemedaillen Gewinner in Ben Gurion Flughafen gelandet und was sich dort abspielte war genug um die Augen wässerig zu machen.

Die großräumige Empfangshalle war voll mit Leuten, jung, alt, religiös, säkular, Ashkenazi und Sephardim… Sie standen mit Fahnen und Plakaten, mit Ballons, mit Blumen und vor allem mit erhobenen Handys. In dem Moment, wo Yarden Jerbi und Or Sasson mit dem gesamten Judo Team Arm-in-Arm am Ausgang erschienen, ging das Gejubelte los. Als ob ein berühmter Rockstar gerade auf die Bühne getreten wäre. Sicherheitspersonal musste die Menschen zurück halten. Trotzdem schafften es viele mit ihren Blumen und Glückwünschen auf ihre Helden zuzulaufen. Viele sangen, klatschten, alle wollten ein Selfie mit den Heim-kommenden. Sie wurden umarmt, geküsst, fotografiert, als wären sie lang vermisste Familienmitglieder. „Nach meinem Weltmeisterschafts-Sieg 2013 habe ich fünf Heiratsanträge bekommen, diesmal nur zwei. Das finde ich schon ein bisschen enttäuschend“ lachte die charmante Yarden spaeter.

Und dann begann der Kampf durch die jubelnde Menge. Von Angehörigen umringt drängelten sich die Angekommenen langsam und geduldig durch die begeisterten, neu gewonnenen Fans. Die meisten sind vollkommen Fremde, sie wissen zum Teil überhaupt nichts über Judo, aber sie haben jetzt echte Vorbilder gefunden. Es gibt jemanden, den sie bewundern und verehren können, an dessen Erfolg sie sich orientieren und messen können. Das ist wichtig. Außerdem sind sie aus der Nachbarschafft, so nah, dass einem ein solcher Welterfolg plötzlich ganz menschlich und plausibel erscheint. Was für junge Leute sonst so weit wie die Sterne selber erscheint, ist in greifbare Nähe gerückt

Sheen schaut sich das Spektakel auf Ihrem Handy an. „Das ist ein ganz lieber Kerl“ sagt sie. „Der ist so ein Riese, aber eigentlich total sanft“. Or Sasson kommt aus Jerusalem und ist nur ein Jahr älter als sie. Nach ihrer Armeezeit hatten sie für eine Weile gemeinsame Freunde. Für Jugendliche ist Jerusalem wie eine Kleinstadt: wer in derselben Altersgruppe ist, kennt sich. Der Anteil der religiösen Bevölkerung ist groß und sie verkehren unter sich. Nachtleben genießen nur die Nicht-religiösen. Man sieht sich, kennt irgendjemand, der jemand kennt, der mit dem anderen befreundet ist. Man befreundet sich auf Facebook, vielleicht redet man, vielleicht trifft man sich, vielleicht nicht. Man kennt sich halt, so wie man in dem Alter Dutzende kennt. „Er ist mich manchmal in dem Laden besuchen gekommen, wo ich gearbeitet habe, weil er in der Nähe trainiert hat. Ich war die Freundin von einem seiner besten Freunde. Weißt du noch, der Schwimmer?“ Ja, ich erinnere mich. „Ori war immer total lieb“ Und jetzt hat er eine Olympiamedaille um den Hals hängen und wird bejubelt. Er ist Weltklasse, er gehört zu den Besten der Besten in der ganzen Welt. Diesen freundlichen Riesen, der bisher kaum jemandem bekannt war, wird von nun an jedes Kind in Israel auf der Straße kennen. Für die nächsten Monate wird er nirgends in Israel unerkannt bleiben. Sobald er sich in die Öffentlichkeit begibt wird jeder schauen, denn jeder erkennt ihn. Jeder Mensch hier kennt jetzt seinen Namen, jeder weiß, was er errungen hat. Jeder weiß auch, dass er der ist, dem sein Ägyptischer Rivale den Handschlag verweigerte, weil er Israeli ist.  Aber wichtiger ist, dass er eine Medaille gewonnen hat, der nette Junge aus der Nebenklasse.

Sport ist in Israel leider noch immer ziemlich vernachlässigt. Wer Ambitionen hat auf internationaler Ebene erfolgreich zu sein ist zumeist auf eigene Ressourcen angewiesen. Die erste olympische Medaille erkämpfte 1992 die Judoka Yael Arad. Sie gewann die bisher einzige Silbermedaille, die ein Israeli je in olympischen Spielen errungen hat. Oren Smadja, der heute die israelischen Judoka trainiert, holte im selben Jahr in Barcelona Bronze. Judo ist seitdem eine der beliebtesten Sportarten, neben verschiedenen Wassersportdisziplinen und natürlich Fußball, aber dass lieben die meisten eher auf dem Bildschirm.
Insgesamt haben israelische Sportler in olympischen Spielen 9 Medaillen gewonnen. Gal Friedmann ist  der bislang meist gekrönte und der einzige, der es auf die oberste Stufe des Treppchens geschafft hat. Nachdem er 1996 in Atlanta eine Bronzemedaille im Windsurfen geholt hatte, schaffte er 2004 in Athen das Gold. Sein Heimatland war damals in Euphorie. Die israelische Nationalhymne „Hatikva“ (=die Hoffnung) bei den olympischen Spielen zu hören war einfach ein Traum.
Zwischendurch, im Jahr 2000 holte Michael Kolganov in Sydney für Israel eine weitere  Bronzemedaille als Kanufahrer. Die Spiele in Athen in 2004 waren für den israelischen Sport die bisher erfolgreichsten. Außer dem Gold des Surfers Friedmann erkämpfte wieder ein Judoka eine Bronzemedaille. Diesmal war es Arie Zeevi. 2008 dann war es Shahar Zuberi, der im Windsurfen eine Bronzemedaille aus Peking nach Hause brachte.
In den folgenden Spielen in 2012 blieb Israel medallenlos, obwohl es vielversprechende Turner, Schwimmer, Judoka und Leichtathleten gegeben hatte. Welche Plätze diese letztendlich belegten, weiß heute niemand mehr. Auch an die Namen erinnert man sich nur dunkel. Am Ende zählen nur die Medaillen und aus irgendeinem mysteriösen Grund auch nur die, die bei olympischen Spielen gewonnen werden. Die in Weltmeisterschaften erzielten Goldenen erwecken irgendwie nicht die Aufmerksamkeit und schon gar nicht den Stolz der Israelis.
In den letzten Jahren haben sich die israelischen Mädels in der Kunstgymnastik einen Namen gemacht. Leider schafften sie es nach dem zweiten Platz in Europa nur auf den sechsten in Rio. Eine weitere Hoffnung auf Medaille hatte man mit Hanna Knjasnjeva-Minenko, die letztendlich „nur“ den fünften Platz im Dreisprung belegte. Übrigens war sogar eine Golferin in dem 47 Sportler umfassenden, bisher größten Israelischen Olympiateam.

Ich denke zweimal Bronze ist für dieses kleine Land, in dem die jungen Leute mehr damit beschäftigt sind zu trainieren, wie man es verteidigt, schon ein Grund stolz zu sein. Für die nächsten vier Jahre gibt es wieder Stars, die man sich als Vorbild nehmen kann. Wie aufm Dorf wird man sie bewundern und über sie tratschen. Sonst muss man sich mit Pseudo-Sternchen aus Reality Shows begnügen. Bei denen gibt es nicht viel zu bewundern, aber umso mehr zu tratschen.

 

Foto: http://www.juedische.at/pages/sport/gerbi-und-sasson-holen-medaillen.php

Der Poltergeist ist ins Netz gegangen

Poltergeist

Die Straße ist leer und dunkel. Nur die Scheinwerfer meines Kleinwagens strahlen auf den Asphalt der kurvigen Waldstraße und schweifen gelegentlich über die nächtlich schwarzen Bäume. Sie fangen kurz ein vorbei huschendes Tier ein, ich trete erschreckt auf die Bremse, vielleicht war es  ein Schakal, vielleicht ein Stachelschwein. Mein Herz klopft. Der Wald lichtet sich auf einer Seite des Berges als ich mich Har Adar nähere. Dünne Wolken schleichen schnell dicht über dem Boden entlang und verschwinden zwischen den Bäumen auf der anderen Straßenseite.

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Stolz in Jerusalem

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Die Hündin Nala schaut aufgeregt vom Balkon des Zimmers in der Studenten-WG. Was da unten wohl los ist? Wie spannend, die vielen Menschen, die da gemeinsam laufen, singen und trommeln, manche tanzen sogar. Sie halten Schilder und Plakate hoch, schwängen Fahnen in Regenbogenfarben, einige sind verrückt gekleidet. Alles ist sehr farbenfroh und fröhlich.

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Foto: Straßenmusik

Seit Monaten sind die kleinen Straßen der Jerusalemer Fußgängerzone auf originelle Weise geschmückt, indem sie mit verschiedenen Artikeln überhengt wurden. Erst waren es Regenschirme, dann ballonartige Glaskugeln, an anderer Stelle chinesische Laternen, hier Sombreros…..

abseits vom mainstream - heplev

The Jewish Press, 20. Juli 2016 – Straßenmusiker auf der Ben Yahuda-Straße (Fußgängerzone) im Zentrum von Jerusalem:

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Krankenhaus

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Wenn eine Krankenschwester durch den Flur im Krankenhaus rennt, dann ist das nie ein gutes Zeichen. Wenn kurz darauf ein Arzt spontan die Abteilung mit den Worten „ich muss schnell zur Notaufnahme“ verlässt, dann kann man sich schon vorstellen, was passiert ist.

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Jerusalem Street Art im Gemüsemarkt

Im Machane Yehuda Markt schlägt das Herz von Jerusalem. Seit je her kaufen Jerusalems Einheimische hier ihr Obst und Gemüse, Käse und Fleisch, aber auch alles andere, was in Küche und Haushalt gebraucht wird. Vor dem Sonnenaufgang geht es los, Obst- und Gemüsehändler kaufen als Erste ihre Ware und von hier bringen sie sie in ihre Läden anderswo in Jerusalem. Für die alt eingesessenen Jerusalemer beginnt das Wochenende nicht ohne einen Gang zum ‚Shuk‘. Wer nicht am Donnerstag oder Freitag kommt, der hat einen anderen Wochentag zum ‚Shuk‘-Tag gemacht.
In den letzten Jahren haben sich hier auch verschiedene Restaurants und Bars einen Namen gemacht und Machane Yehuda hat sich für die jungen Jerusalemer – vor allem Studenten – zu einem trendigen Ort entwickelt. Eine Alternative zu überteuerten Lokalen im Zentrum. Ein Ort mit viel Charakter, Geschichten und einem ganz besonderen Ambiente.
Jetzt ist Machane Yehuda obendrein zu einer außergewöhnlichen Kunstgalerie geworden, die ihrerseits viele Geschichten erzählt. Bewundern kann man diese allerdings nur nach Ladenschluss. Ich hoffe es wird mir am Samstag gelingen, denn nachdem ich das hier bei faehrtensuche gesehen habe bin ich einfach begeistert: