Coexistenz im Jerusalemer Familien-Garten

Solltest Du einen Garten haben, so bin ich sicher, dass Du grosse Freude daran hast. Selbst wenn Du nicht der ergebenste Gärtner bist, oder von chronischer Grill-Sucht befallen, so wirst Du trotzdem die Freuden Deines eigenen kleinen Freigeländes zu schätzen wissen. Die Zeit, die Du dort drauβen verbringst mag zwar gering sein im Verhältnis zu dem Aufwand, den es bedarf es ansehnlich zu halten, aber das ist nicht, was wichtig ist. Wichtig ist, die Möglichkeit zu haben. Ein Garten bedeutet ein bisschen mehr Platz und wesentlich mehr Freiheitsgefühl zu Hause. Normalerweise ist man drauβen im Transit, entweder auf dem Weg irgendwohin oder irgendwoher. Ein Garten ist der einzige Platz an dem man in Ruhe drauβen sein kann.

Ich lebe im zweiten Stock eines Wohnhauses in einem relativ eng bewohnten jerusalemer Viertel. Kein Platz für einen eigenen Garten. In Jerusalem jedoch, hat man die Möglichkeit die Vorteile eines Gartens trotzdem zu genieβen, solange es einem nichts ausmacht ihn zu teilen. Eine riesige Wiese zieht sich von einer der Hauptkreuzungen in der Nähe der Stadteinfahrt, den breiten Ben-Tsvi-Boulevard auf der einen Seite und dem Knesset Gelände auf der anderen Seite bis fast in das Stadtzentrum hinunter. Sie ist talförmig angelegt und mit Bäumen und Büschen eingerahmt. Spazierwege führen darum herum und kreuzen das Grün an einigen Stellen. An der breiten Nordseite befindet sich ein Skatepark, sowie Basketball- und Fussballplätze, auβerdem sind Schaukeln, Klettergerüste und alles, was Leute für die Unterhaltung ihrer Sprössling in den Garten stellen, zu finden. Auch für die Fitnessfans ist gesorgt, unter schattenspendenden Bäumen gibt es Kraftsport-geräte. Des Menschen bester Freund, der bekanntlich das Leben im Freien besonders mag, wird nicht vernachlässigt. Für ihn gibt es eine eigene, abgetrennte Wiese, etwas weg vom Schuss.

Dieser Platz heisst „Gan Sacker“, was so viel wie Sacker Garten bedeutet. Offiziell wird er als Park Sacker bezeichnet, aber ich finde Garten wesentlich passender.

Wir verbringen dort gern den Samstag Nachmittag. Wir, das bin ich, eine in Deutschland aufgewachsenen Blondine aus einer Familie von Geschäftsleuten, mein Partner, siebente Generation in Jerusalem, aus einer Musikerfamilie mit jemenitischer Orientierung und usere weisse Hündin Kika, die den Groβteil ihres Lebens in einem Hundeasyl verbracht hat. Unsere erste Station ist die Hundewiese. Nachdem wir Kika frei lassen machen wir es uns auf einer, der am Rand aufgestellten Bänke gemütlich und beobachten Hunde aller Arten, Gröβen und Farben wie sie umher toben. Andere sitzen selber auf dem Rasen oder den Bänken, quatschen oder lesen, wir trinken unseren Tee.

Als nächstes machen wir uns auf zum Tischtennis, gleich neben den Sportanlagen. Dort sind immer eine Menge Leute und Kika zieht viele neugierige Kinder an. Besonders die Haredim (jüdisch-orthodoxen) kommen um unsere gleichmütige Gefährtin zu streicheln während die Eltern aus der Ferne wachen. Auβer Hebräisch hört man Russisch oder Arabisch, einige Kinder sind farbig. Wir spielen ein paar Spiele Ping-Pong und normalerweise finden sich rasch Mitspieler. Da ist der Typ, der ununterbrochen israelische Folkslieder singt oder redet und nur dann den Mund hält, wenn er am Verlieren ist. Oft kommt der nigerische Fremdarbeiter, der alle mit einem freundlichen Lächeln besiegt, oder die amerikanische Dame, die nicht will dass ihr Mann erfährt, dass sie hier spielt. Neben uns macht immer irgendein muskulöser Jüngling seine Liegestützen und sobald er damit fertig ist kommt sofort der nächste.

Danach gehen wir eine Runde um den Garten, bevor wir uns auf dem Rasen ausruhen. Ich bin immer wieder erstaunt über die enorme Diversität der Menschen und derer Aktivitäten hier. Auf den Sportplätzen ist immer etwas los, aber damit ist es nicht genug. Ganze Gruppen von Leuten spielen alle möglichen Ballspiele, auch solche, die ich noch nie gesehen habe und deren Regeln ich nicht auszutüfteln vermag. Jung und Alt spielen Baseball oder Frisbee, einige machen Yoga oder Tai Chi, manche ringen sogar oder machen Akrobatik. Der neuste Trend ist ein spezielles Seil in etwa einem Meter Höhe von Baum zu Baum zu spannen und darauf zu balancieren.

Kinder radeln auf ihren Fahrrädern die Wege entlang und Erwachsene joggen, junge Paare laufen Hand in Hand oder schieben ihre Kinderwagen, ältere Paare laufen ebenfalls Hand in Hand oder mit ihren Laufstühlen.

Die Meisten feiern das Drauβen-Sein mit gastronomischen Genüssen. Paare bevorzugen ein romantisches Picknick. Aber auch ganze Sippen sammeln sich um Grills und Tische voll mit hausgemachten Köstlichkeiten. Würde man von einem zum anderen gehen und überall einen Happen probieren, so käme das einer kulinarischen Reise um den Globus gleich. Die aufsteigenden Gerüche vereinen sich über dem lebendigen Treiben. Einige gehen sogar so weit die Geburtstage ihrer Kinder im Garten zu feiern. Entweder machen sie selber Musik, oder sie bringen kleine Lautsprecher mit, damit sie singen und tanzen können. Wem diese Art von Freizeit-Fun nicht zusagt kann sich fern halten. Der Garten ist groβ genug für Alle.

Jerusalem ist eine multikulturelle Stadt und das ist hier in natürlichster Weise reflektiert. Coexistenz ist nicht nur ein Wort.

Arabisch sprechende Jugendliche sitzen unter einem Baum während kleine jüdisch-orthodoxe Mädels in ihren halblangen Röcken drumherum Fangen spielen. Eine junge Äthiopische Frau bringt ihr Kind um sich das Baby eines Europäischen Missionärpaars anzuschauen. Ein alter Herr, dessen Familie vor 40 Jahren aus der Wüste Iraks gekommen war und der jetzt mit seiner phillipinischen Pflegerin spazieren geht, ruht sich auf der Bank neben einem Intellektuellen, der ein Buch über Philosophie in französisch liest aus. Jerusalem ist das zu Hause für all diese Leute und sie bewegen sich mit Selbsverständlichkeit in ihrem Garten. Wenn sie einander begegnen lächeln sie, machen einender Platz und wenn nötig helfen sie einander aus. Und dann sprechen alle Hebräisch (mehr oder weniger) im Garten der Jerusalem Familie.

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