Was ist eigentlich normal hier?

Die Mittagssonne brennt mir auf den Kopf – endlich sommerliche Temperaturen! Ich schlendere gemütlich über das Deck – dort, wo einst die Eisenbahnschienen lagen – zwischen den verschiedenen Ständen mit Schmuck, Kunst, Spielsachen, Kleidung auf den Naturkostladen zu, um einen frisch gepressten Saft-Mix zu mir zu nehmen. Dann setze ich mich zwischen andere Freizeitler irgendwo auf eine Holzbank vor die temporäre Bühne, auf der am Abend sicherlich eine moderne Kabbalat Shabbat mit Live Musik gehalten wird. Vor Jahren war hier der Jerusalemer Bahnhof, heute ist das Gelände auf nostalgisch-sentimentale Art restauriert und bietet Genuss für Augen und Gaumen.

Dort warte ich auf Amy, eine Freundin aus den USA. Amy ist Journalistin. Sie leitet jeden Sommer einen 5-wöchigen Kurs für Auslandskorrespondenten in Israel. Letztes Jahr habe ich Amy während des Programms auch ein paar Mal getroffen. Sie war allerdings immer sehr beschäftigt gewesen. Ständig tippte sie Whatsup Nachrichten oder telefonierte. Wenn sie nicht gerade ein Interview in der Knesset organisierte oder ein Treffen mit einem palästinensischen Repräsentanten, dann erzählte sie über einen Besuch an der Grenze mit Gaza oder in einer umstrittenen Siedlung, oder in einem Flüchtlingslager. Sie nimmt Ihre zu meist amerikanischen Studenten überall dort hin, wo ich noch nie gewesen bin. Und ich lebe schon 30 Jahre in Israel. (Stimmt nicht ganz, durch Gaza bin ich einmal mit dem Bus gefahren, vor mehr als 20 Jahren und damals sind wir mit Steinen beschmissen worden und eine solche Siedlung habe ich auch schon besucht).

Und dann steht Sie auch schon vor mir. Amy fragt sofort nach Mann und Kindern, nach dem Job, der Wohnung, die wir planen, dem Garten, dem Hund, den Eltern usw. So ist sie, interessiert an Menschen und deren Geschichten. Deshalb ist sie wohl die geborene Journalistin. In einem der Cafés, die jetzt das ehemalige Bahnhofsgebäude füllen, setzen wir uns zum Mittagsimbiss. Keine Whatsup Nachrichten unterbrechen uns, was ist los dieses Jahr? „Keine Ahnung“ sagt Amy „die Studenten sind langweilig  und uninteressiert. Gestern waren wir in Netiv HaAsara, einem Ort direkt an der nördlichen Grenze mit Gaza, um uns anzusehen, wie es ein Jahr nach den letzten militärischen Auseinandersetzungen dort aussieht und zu hören wie es den Bewohnern dort ergangen ist. Niemand hat etwas gefragt.“ Sie erzählt von einem Treffen mit Saeb Erekat, dem früheren PLO Chef und auch an ihn hätten die Studierenden keine einzige Frage gerichtet. „Kann man ohne Neugierde als Journalist überhaupt erfolgreich sein?“ Nun, die meisten seien Fotografen verteidigt Amy ihre Studenten. Trotzdem scheint es merkwürdig. Sie befinden sich inmitten einer der umstrittensten Konflikte der Welt und haben die Chance aus erster Hand die Lage geschildert zu bekommen. Sie können eigene oder allgemeine Unklarheiten hier vor Ort beseitigen. Ihnen wird die Gelegenheit geboten die Situation mit den Augen der Betroffenen auf den verschiedenen Seiten zu sehen und vielleicht zu verstehen. Kann es sein, dass sie her gekommen sind und sich keine Gedanken gemacht haben, über das, was hier vorgeht? Es ist mir ein Rätsel, wie jemand, der etwas über diese Gegend weiß keine Fragen haben kann.

Weiter erzählt Amy, wie eine Gruppe Ihrer Studiosus‘ gerade zu dem Zeitpunkt an einem Kontrollpunkt angekommen waren, als eine Soldatin mit dem Messer angegriffen und verletzt worden war. Sie konnten die ganze Scene mit eigenen Augen aus einiger Entfernung beobachten, blieben jedoch mit Ihren Kameras auf dem Schoss im Taxi sitzen. Sie waren nicht daran interessiert sich in eine potenziell gefährliche Situation zu begeben. Wenn es nicht genau das ist, was Journalisten her bringt, was ist es dann?

Einige Tage später treffen wir uns wieder. Der Kurs ist vorbei, die jungen Lernenden sind wieder daheim. Amy zeigt mir einen Teil der Abschlussarbeiten, die auf der Webseite veröffentlicht wurden. In der Tat sind dort viele, sehr hochwertige und stilvolle Fotoreportagen zu sehen. Die Berichte handeln von Kunst und Künstlern in Israel, von Restaurants und von Architektur. Es sind Artikel, die in jedem Land hätten geschrieben werden können. Vielleicht mehr in ein Feuilleton passend, als in die aktuelle Sparte, angenehm zu lesen und anzuschauen. Das ist nicht der Journalismus, den man von Israel gewöhnt ist. Eigentlich sollte ich mich darüber freuen. Es ist nicht immer nur der Konflikt, der Menschen nach Israel zieht. Ich sollte zufrieden sein, dass diese jungen Leute nicht wegen, sondern trotz des Konflikts her kommen und über „normale“ Angelegenheiten schreiben. Israel ist viel normaler als die meisten Menschen denken.

Jerusalem Mall

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