Was Ich über die Zwiespälte einer jungen arabischen Israelin lernte

Drei  Impressionen während des Ramadans um Jerusalem – Teil 2

face graffitti

Die Atmosphäre bei unseren Arabischen Freunden in Jabel Mukaber ist heiter und eigentlich locker. Es ist der Familie wichtig Offenheit zu zeigen und ich nehme ihnen die Liberalität ab. Ich fühle mich willkommen und umsorgt. Nach einer Weile frage ich die Tochter, ob sie Hebräisch in der Schule lernt. Sie lächelt und sagt freundlich, dass sie schon nicht mehr zur Schule geht, sondern im College studiert. Ihre Haare sind unter der traditionellen Kopfbedeckung versteckt, und es fällt mir schwer einzuschätzen, ob sie ein junges Mädchen oder eine junge Frau ist. Ich versuche daraus ein Kompliment zu machen, indem ich betone, wie jung sie aussieht und hoffe, dass das hier genauso positiv ankommt wie bei uns.

Sie erzählt mir, dass sie nach der Oberschule einen speziellen Hebräisch Kurs gemacht hat, um im College lernen zu können. In der Schule wird Arabisch gesprochen und Hebräisch als Fremdsprache gelehrt. Genauso wie bei uns Hebräisch gesprochen wird und Arabisch die erste Fremdsprache ist. Auch gibt es ein anderes Abitur für arabische Israelis, da sich die Inhalte des Geschichts- , Religions- und Literaturunterrichts unterscheiden. Und um in einem College zu lernen hat sie das „Bagrut“ (das israelische Abitur) zusätzlich gemacht. Sie findet das unfair. Ich denke noch Tage lang darüber nach. Auf der einen Seite ist es schwieriger für einen arabisch-israelischen Studenten sich zu integrieren, auf der anderen Seite wahren sie so ihre eigene Sprache und Kultur und das ist für viele von grösserer Wichtigkeit.

Nachdem wir uns die Mägen vollgeschlagen haben gibt es Kaffee auf der Terrasse. Der ältere Sohn verabschiedet sich. Er geht mit seinen Freunden in die Jerusalemer Altstadt, wo sie die ganze Nacht herumhängen werden. Er wird erst gegen Sonnenaufgang, zum letzten Essen vor dem Fasten zurückkommen. Sein kleiner Bruder verzieht sich mit seinem Tablett auf sein Zimmer, wo er die ganze Nacht mit Computerspielen verbringen wird.

Die junge Studentin erzählt von Ihrem neuesten Verehrer – oder genauer gesagt Bewerber. Ein Amerikaner hat um Ihre Hand gebeten und sie muss jetzt entscheiden ob sie annimmt. Sie gefällt mir mit Ihrer Unkompliziertheit und wie sie mit Selbstbewusstsein und Offenheit spricht. Sie ist scharfsinnig und neugierig. Außerdem gehört wohl einiger Ehrgeiz und Mut dazu von dem normalen, konservativen Weg einer Muslimischen Frau abzuzweigen und den Karriereweg einzuschlagen. Sie war dem jungen muslimischen Amerikaner, der ursprünglich aus Israel stammt, wohl empfohlen worden. So war ein Besuch der Familien arrangiert worden. Das ist natürlich eine relativ formelle  Angelegenheit, eher eine Art Bewerbungsgespräch. Die Eltern der jungen Dame sprachen mit dem Bewerber und seinen Eltern während sie dabei war. Jetzt muss sie eine Entscheidung treffen. Unter vier Augen reden oder direkten Kontakt ohne Beisein der Eltern ist den Beiden untersagt. In Kürze kehrt er nach Amerika zurück und möchte sie mitnehmen. Sie spricht offen und natürlich darüber, verschweigt ihre Ängste und Bedenken nicht. Er gefällt ihr schon, bietet das, was sie in einem Mann sucht. Amerika ist ein großer Anreiz aber auch viel zu weit von der Familie. Wir sitzen etwas sprachlos dabei. Was soll man dazu sagen? Es scheint eine unmögliche Aufgabe für eine junge Frau so etwas zu entscheiden. Die Eltern geben sich liberal und werden das unterstützen, was die Tochter entscheidet. Ich habe fast das Gefühl sie wollen, dass ihre Tochter zu diesem Mann nach Amerika geht, obwohl es ihnen das Herz brechen würde. Es scheint als warten sie auf eine Erleichterung und erhoffen sich ein leichteres Leben für die Tochter.

Sie ist schon 24. Vor vier Jahren war sie schon einmal eine Verlobung eingegangen, hatte diese allerdings ziemlich schnell wieder abgebrochen. Nun gilt sie als geschieden, für immer mit diesem schwarzen Fleck behaftet. Sie war damals beschimpft worden und die ganze Familie hatte gelitten. Wer weiß, was das für Auswirkungen gehabt hat und noch hat. Die sozialen Strukturen in diesen Dörfern sind eng und wichtig für tägliche Angelegenheiten. Die einzelnen Sippen halten fest zusammen. Wenn einer Streit oder Probleme mit jemandem von einer anderen Sippe hat, so ist die gesamte Sippe betroffen, steht aber auch dahinter. Die Leute sind auf die Gunst Anderer angewiesen, wer Ansehen hat bekommt alles mit Leichtigkeit, kann sich vieles erlauben. Aber mit einem solchen ‚Schandfleck’…..
Vieleicht fühlt sich die junge Frau deshalb wohl mit Israelis offen darüber und über andere sensible Themen zu reden. Sie trifft auf Verständnis für ihre Entscheidung und für ihren Eigenwillen. Weniger verstehen können wir, dass sie so an den Traditionen festhält.

Wir wollen wissen, wie Kataief gemacht wird und die Mutter bringt eine Schüssel mit runden Teig Stücken. Sie sehen aus wie dicke amerikanische Pancakes. Eine andere Schüssel ist mit weißen Käse Flocken gefüllt. Dann zeigt sie uns genau wie sie den Käse auf die poröse Seite des ‚pancakes“ legt und dann zu einem Halbkreis faltet und die klebrigen Enden zusammendrückt. Ganz einfach. Sie fragt, ob ich es versuchen wolle. Bei so ‚was bin ich sofort dabei. Ich gehe mir die Hände waschen, was Mutter und Tochter zum Kichern bringt.
Da sitzen wir und füllen Teigtaschen wie unter guten, vertrauten Freunden, ohne überhaupt dieselbe Sprache zu sprechen, oder uns je zuvor begegnet zu sein. Ich bin froh, dass ich die Einladung angenommen habe.

Danach werden die Teigtaschen noch mit Sirup aus Honig und Wasser bestrichen; bevor sie in den Ofen kommen. Gegen 22 Uhr ertönt eine enorm laute Stimme über unseren Köpfen und über den Dächern. Der Moasin ruft zum Gebet auf. Er muss direkt über dem Haus von Ismail sein, denn wir können uns kaum weiter unterhalten. Es ist die Stimme eines Jungen und das erstaunt uns. Die Tochter ist auch ein wenig empört. Er sei viel zu jung, noch nicht einmal im Stimmbruch. Das sei überhaupt nicht erlaubt, dem Islam zufolge. Auch im Judetum ist das so. Wahrscheinlich will seine Familie ihn zum Imam machen oder Ansehen verschaffen oder irgendwas und hat Beziehungen, sonst wäre das gar nicht möglich. Nun, der aus einer Musikerfamilie stammt verzerrt das Gesicht, als hätte er in etwas Saures gebissen. Mit den orientalischen Klängen hat er keine Probleme, er ist damit aufgewachsen, aber es klingt alles schief und der Junge hat keine Stimme. Wir sind uns alle einig, dass dies der Religion keine Ehre macht – egal welche Religion.

Um dem Lärm zu entgehen setzen wir uns in das Wohnzimmer. Es ist ein relativ großer Raum, rundum mit eingebautem Sofa versehen. Es zieht sich die ganze Wand entlang von einer  Zimmerecke zur nächsten, nur unterbrochen von der Eingangstür und vom Übergang in die Küche. In einer Ecke steht ein großer, antique aussehender Couchtisch und als die Mutter uns Tee und Kataief serviert stellt sie weitere kleine Tischchen dazu. In einer Wand ist ein Glasvitrinen Schrank mit heiligen Büchern und etwas altem Geschirr. Der Raum ist freundlich und gemütlich und wird ausschließlich für Gäste benutzt. Hier muss auch die erste und einzige Begegnung mit dem vermeintlichen Verehrer stattgefunden haben. Zum Fernsehen oder täglichen Aufenthalt hat die Familie ein normales Wohnzimmer. Tee und Kataief sind köstlich, aber eigentlich schon viel zu viel. „Nein danke“ sagen wäre jetzt aber sehr unhöflich.

Fortsetzung folgt…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s