Wie Fasten zum Feiern wird und was Feuer damit zu tun hat

Drei Impressionen während des Ramadans um Jerusalem – Teil 3

Unsere Gastgeber sind ein wenig enttäuscht, als wir uns „schon“ um 23:00 Uhr verabschieden. Die Familien sitzen bis ein oder zwei Uhr morgens zusammen, die Kinder rennen von Hof zu Hof und spielen mal hier und mal dort. Auf den Straßen fahren größere Kinder mit Fahrrädern herum,  Jugendliche sitzen an Ecken oder laufen irgendwo hin, hören Musik und lachen. Plötzlich wird irgendwo Feuerwerk gemacht, es knallt und zischt, dann wieder nur die Menschenstimmen und Gelächter, Motorräder oder Autos. In den Wohnzimmern und auf den Terassen sitzen die Grossfamilien und schwatzen bis in die Morgenstunden. So geht es jede Nacht durch, einen ganzen Monat lang.

Ismail fastet nicht und er muss morgens früh zur Arbeit aufstehen. Er zieht es vor zu arbeiten, damit er es besser verbergen kann, dass er nicht fastet. Aber der Trubel der Nacht lässt ihn nicht schlafen. Dasselbe gilt für seine Tochter. Sie fastet zwar, aber sie muss morgens trotzdem früh raus und zum College. Sie kann nicht wie Andere den ganzen Tag schlafen. Morgens vor dem ersten Gebet um etwa vier Uhr isst sie noch einmal und dann geht der Tag los. Andere gehen dann schlafen. Sie erzählt, wie ihr kleinerer Bruder in der vorigen Nacht um drei oder halb vier Uhr morgens lärmend durch die Straßen gerannt war um die Leute zum Gebet (oder zum Essen vor dem Gebet) aus den Häusern zu rufen.

Nicht, dass es ihm wichtig sei, dass die Leute beten, nein, einfach so. Vieleicht weil es Spaß macht, weil es cool ist, weil es ihm Aufmerksamkeit bringt oder gar Ansehen. Es zeugt von Stolz auf seine Religion. Dabei ist ihm die Religion selber nicht wirklich wichtig. Vieleicht ist es die Identität, das Dazugehören zu einer bestimmten Gruppe, ob es nun Nationalität ist oder Volk oder Religion. Das Muslim-sein unterscheidet sie von den anderen Israelis und vereint sie. Es bezeugt das Palästinenser-sein. Es gibt keine christlichen Palästinenser oder buddhistische oder gar jüdische Palästinenser, obwohl die jüdische Bevölkerung in dieser Gegend schon lange vor dem Staat Israel groß war. Auch Christen gab es schon immer hier, heute jedoch nur noch im von Israel regierten Gebiet und nicht in dem unter Palästinensischer Authorität oder Hamas.

Ich frage mich ob es genau diese selbe Triebkraft ist, die andere junge Leute während des Ramadans dazu gebracht hat immer wieder ziellos Molotow-Cocktails über Zäune und Absperrungen zu werfen und so teilweise großflächige Waldbrände auszulösen.

Zwei Tage nach unserem Besuch in Jabel Mukaber kreisen über den Dächern unserer Häuser plane over Har Adarstundenlang die Löschflugzeuge  Die Luft schmeckt nach Rauch. Unser Hund verkriecht sich tief hinten im Vorratsraum unter der Treppe. Erst gegen Abend wird es allmählich wieder ruhig.
Am Morgen ist alles normal, das arabische Dorf, durch das ich morgens fahre ist ruhig, keine Lieferwagen und keine Ladeninhaber auf den Straßen. Man schläft. Nur die Lichtergirlanden an einigen Häusern funkeln.

Wenige Tage darauf, Auf dem Weg nach Hause am frühen Abend sehe ich sie schon wieder von weitem: die Löschflugzeuge; auch den Rauch, der unseren Berg einzuhüllen scheint. Das ist schon beängstigend. Was ist wenn das Feuer die Häuser erreicht? Es gibt nur eine Zufahrtsstraße und die ist jetzt zu.

road to Har Adar in smokeEtwa zwei km vor dem Ort ist Schluss. Die Polizei hat die Straße abgesperrt. Wie lange wird es dauern? Vieleicht sollte ich umkehren und die Zeit bei einer Freundin in einem nahe gelegenen Ort abwarten. Auf der Facebook Seite von unserem Dorf bietet ein Kibbutz in der Nachbarschaft Aufenthalt im Clubraum an, bis die Straße wieder geöffnet wird. Als hoffnungsloser Optimist bleibe ich in der Autoschlange stehen. Zum Glück habe ich noch ein halbes Brötchen und eine Wasserflasche.
So vergeht eine halbe Stunde. Und dann noch eine halbe Stunde bis ich ein Megafon brummen und knacken höre. Eine junge, energische Männerstimme weist die Autofahrer an in Kolonnen von 10 Wagen hinter dem Polizeiwagen her zu fahren, nicht überholen, nicht aus der  Reihe fahren, keinen Abstand aufkommen lassen und bloß nicht anhalten. Es dauert noch eine halbe Stunde bis meine Kolonne an der Reihe ist. Langsam und diszipliniert schleicht sie sich den Hang hoch. Oben, kurz vor der Ortseinfahrt tauchen wir in den Rauch ein, der von der linken Seite hochgeblasen kommt. Auf der selben Strassenseite stehen in einer Reihe fünf oder sechs Löschfahrzeuge, die Fahrbahn ist nass, Feuerwehrmänner laufen herum, rollen Schläuche auf oder ab. Viel kann ich nicht sehen, aber ich bin froh die Schranke des Orts zu durchfahren. Kurz danach höre ich den Polizisten ins Megafon brüllen: „Weiterfahren, weiterfahren! Nicht stehen bleiben! Was machen Sie? Fahren Sie endlich weiter!“ Irgendeiner wollte sich wohl das Feuer von Nahem ansehen.

Zwei weitere Male passiert es während des Ramadans, dass an derselben Stelle Feuer ausbricht und immer sind es Mollotow-Cocktails. Mehr weiss man nicht, es wird auch nicht weiter investigiert.
Die meisten Einwohner dieses nahe gelegenen arabischen Doerfes arbeiten bei uns im Ort oder in Jerusalem. Aber jetzt ist Ramadan, sie fasten und feiern. Ich sitze im Auto und warte, dass die Strasse geöffnet wird, denke an die leckeren Kataief und an die beeindruckende Tochter mit mollotow cocktail at Har Adardem Anwerber aus Amerika. Ob sie wohl mit ihm geht? Ich habe das Gefühl sie wird eigenwillig bleiben und nicht das tun, was von ihr erwartet wird. Und ich denke sie wäre über die Brandstifter mindestens genauso verärgert wie ich.

 

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7 Gedanken zu “Wie Fasten zum Feiern wird und was Feuer damit zu tun hat

  1. Das wirbelt schon eine ganze Menge Gefühle auf in mir…

    Wenn ich hier in Europa um mich schaue wo die Welt hingeht, gibt mir Deine Geschichte einerseits Hoffnung dass es doch auch anders gehen könnte… und dann holt die Realität uns wieder ein…

    Danke für deinen Beitrag… ich komme bald wieder.

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    1. hi Nil, I am totally flattered !!! Du hast ja wirklich alles gelesen 🙂
      Ich weiss nicht genau, was Du mit anders meinst, aber Ich denke es gibt fuer alles eine Loesung. Alles muss sich staendig veraendern, sonst fault und modert es, auch menschliche Gesellschaften. Aber Menschen haben Angst davor.
      Ich wuensche Dir einen schoenen Tag.
      Uebrigens finde ich Deine Fotografien fantastisch. Es macht viel Spass bei Dir durchzublaettern.
      Ruth

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