Warum „Linie 101“?

Ein ganz normaler Morgen in der Linie 101.

Das geht so: Nach meiner ersten Tasse Kaffee auf der ruhigen Terrasse in meinem grünen Garten und einer Runde durch den langsam erwachenden Ort mit dem Hund mache ich mich auf den Weg zum Büro. Dies befindet sich etwa 60 km entfernt im Herzen von Tel Aviv. Unser Ort Har Adar liegt in den Jerusalemer Bergen, etwas ab von der Schnellstraße Nr. 1, die die beiden größten Städte des Landes verbindet.

Meine Anfahrt geht in drei Phasen. Erst mit meinem Auto die kurvige Straße den Berg hinunter. Nach dem ersten bewaldeten Kilometer öffnet sich der Blick in Richtung Westen und dort tut sich in leichtem morgendlichen Nebel schläfrig verschleiert vor mir das Land auf. Unter einem noch nicht ganz blauen Himmel ziehen sich die Hügel wie Wellen in das Land und werden in der Ferne kleiner und niedriger. Mein Weg führt mich durch Abu Gosch (ein arabisches Dorf) an Kiriat Yearim vorbei (ein orthodoxes Städtchen) auf die Schnellstraße und gleich an der nächsten Ausfahrt wieder runter. Dort parke ich, gehe unter der Brücke durch zu der etwas verlassen anmutenden Bushaltestelle direkt an der Autobahnauffahrt. Die erste Phase endet hier.

Normalerweise treffen ich bekannte Gesichter, wenn auch jeden Tag andere. Heute ist der junge Mann mit den krausen Haaren da, der nie weiß, wann der Bus kommt. Eigentlich weiß das keiner genau, es hängt halt vom Verkehr ab. Er nickt mir freundlich zu. Dann ist da die vollschlanke Amerikanerin und der dünne religiöse Typ, der immer so in schnellem Schritt dahin schlendert und im Bus Zeitung liest. Meine junge Freundin, die mit den schwarzen Haaren habe ich in letzter Zeit etwas vermisst. Schade, mit ihr konnte ich mich sogar ganz nett unterhalten. Manchmal kommt ein bulliger Typ voller Tattoos, der mit seinem Handy noch intensiver beschäftigt ist als der Rest der Fahrgäste. Heute ist ein Neuer da, frisch rasiert und smart gekleidet mit spiegelnder Sonnenbrille: „Die 101 hält hier?“ fragt er und setzt sich dann mit seiner Finanzzeitung hin. Auch die Busfahrer kenne ich inzwischen. „Guten Morgen!“ – „Wie geht‘s heute?“ – „Gute Fahrt“ – usw.

Der Bus ist nie voll. Die Fahrt verläuft ruhig in dem modernen Bus mit Wifi und allem. Ich habe meinen Stammplatz in der dritten Reihe hinter dem Fahrer. Dies ist meine Schreib- und Lesezeit. Morgens, wenn ich frisch und konzentriert bin schreibe ich und auf dem Heimweg, wenn mein Gehirn nicht mehr ganz so leistungsfähig ist lese ich aktuelle Artikel oder ein gutes Buch. Es ist wie eine kleine Oase, die ich für mich allein habe. Ich schaffe es mich von persönlichen Angelegenheiten loszulösen, muss mich aber noch nicht der Arbeitsroutine hingeben. Die Strasse ist voll und oft gibt es Staus. Ich merke es kaum. Im Gegenteil, manchmal freue ich mich, wenn die Fahrt länger dauert. Der Bus kommt nach dreissig bis vierzig Minuten an dem riesigen P&R Parkplatz an. Hier endet die zweite Phase.

Dieser Parkplatz bietet Abstellmöglichkeit für 3000 Wagen. Inzwischen ist er ein Verkehrsknotenpunkt zwischen Tel Aviv und Jerusalem geworden. Ungefähr in Höhe des Flughafens, außerhalb des Stadtgebietes von Tel Aviv gelegen, kann man hier nicht nur frei parken, sondern auch kostenlos weiterfahren. Shuttlebusse bringen die Passagiere an Ihr Ziel im Zentrum der Großstadt. Es gibt zwei verschiedene Linien. Zur Hauptverkehrszeit verlassen sie alle 5 Minuten die Station. Sobald ein Bus voll ist, fährt er los und der nächste steht schon da. Die Leute strömen von allen Richtungen zur Station. Es ist ein unaufhörlicher Fluss von Menschen, der einen Wagen füllt bevor die Tür geschlossen wird und er sich auf den Weg macht. Trotzdem geht es hier immer freundlich zu. Autos parken, Busse fahren, Menschen eilen, in einer Entfernung von wenigen hundert Metern rollt der Schnellzug von Beit Shemesh lärmend vorbei, obendrüber startet dröhnend ein Flugzeug in die Ferne.

Hier beginnt für mich die Hektik des Arbeitstages. Der Bus ist immer voll besetzt. Das Radio plärrt Aktualitäten in die Gegend, die Mobilphons dudeln, piepsen, blupsen, Leute führen ihre ersten Arbeitsgespräche oder wickeln irgendwelche Angelegenheiten ab: sie versichern sich das die Kinder untergebracht und versorgt sind, lassen die Ehepartner wissen, was von ihnen erwartet wird, Arztbesuche oder andere Termine werden gemacht, verschoben, gecancelt, Geldangelegenheiten geklärt oder angekurbelt. Dies ist die dritte Phase, die mich in die Atmosphäre des 49-stöckigen Bürohochhauses über dem Einkaufszentrum versetzt, in dem ich die nächsten 9 Stunden verbringen werde.

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7 Gedanken zu “Warum „Linie 101“?

  1. Hallo Ruth, ich finde deinen Blog super. Es ist interessant Alltaggeschichten aus verschiedenen Teilen des so vielfältigen Israels zu lesen. Ich wohne seit 5 Jahren in Downtown Haifa in einem bunten Mischmasch von Menschen. Ich lerne Fremdenführerin und war mit meinem Kurs in Har Adar. Sehr interessant.
    Alles Gute für dich!
    Evelin

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    1. Dankeschön. Ich finde es ist sehr wichtig das Alltagsleben in Israel so vielen Leuten wie möglich nahe zu bringen. Wenn ich darf, verlinke ich Deinen Blog mit einem meiner nächsten Beiträge.
      Wenn Du ‚mal wieder in Har Adar bist, komme vorbei 😉

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Ruth, da stimme ich dir zu, der Alltag in Israel ist so vielseitig und hat jede Menge Unterhaltungswert. Israel ist mehr als nur der Tempelberg, Kamele und Hummus. Es gibt so viel zu erzählen. Ich verlinke auch gerne deinen Blog. Wenn es sich ergibt, besuchen wir euch gerne mal in Har Adar! Wenn du mal in Haifa bist, sag Bescheid! Liebe Grüße

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  2. Danke, dass Du mich auf Deinen Blog aufmerksam gemacht hast! 🙂 Schön! (Darf ich fragen, wie Du mich gefunden hast?)

    Habe mich soeben ein bisschen „durchgewühlt“! Ich finde es sehr interessant hier und bin gespannt auf das, was noch kommt! Liebe Grüße!

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