Wo ich beim Kleiderkauf von Erinnerung ergriffen wurde

Verträumt wandle ich zwischen den Kleiderständern umher. Die verschiedenen Stoffe der Blusen und Schals streifen mir sanft über meine Schultern und mit den bloßen Händen erwidere ich  zögernd ihre neugierigen Berührungen. Ich darf hier nicht alles anfassen. Diese Sachen gehören mir nicht. Und was einem nicht gehört darf man nicht ohne zu fragen anfassen. Außerdem könnten die edlen Kleider in dieser Boutique schmutzig oder kraus werden vom vielen Anfassen.

Ich muss wohl um die 8 oder 10 Jahre alt gewesen sein,
als ich so Stunden in der kleinen Lieblingsboutique meiner Mutter in Berlin verbrachte und ihr beim Auswählen der Garderobe für besondere Anlässe zusah. Wie diese Boutique hieß weiß ich nicht mehr und auch nicht wo sie genau war. Aber ich erinnere mich gut an das Gefühl wenn wir gemeinsam dort waren, meine Mama und ich. Dort war sie die schönste Frau, die wichtigste Person in ihrem Leben, nicht Mutter und nicht Ehefrau, nicht Hausfrau und nicht Sekretärin. Sie war dort ganz Frau in all ihrer sanften und unbestechlichen Weiblichkeit, in all der Schönheit der Schöpfung, die nur einer Frau innewohnen kann.

Sie drehte sich vor dem Spiegel, mal in diese Farbe gehüllt und mal in eine andere, mal mit dieser Kette beschmückt und mal mit einer anderen. Gemeinsam bewunderten wir sie, die Inhaberin der Boutique und ich. Alle Aufmerksamkeit galt meiner Mama und die Inhaberin brachte ihr immer wieder neue Kleider oder Röcke mit passenden Blusen, dazu Tücher, Taschen und allerhand Accessoires, die ihre Erscheinung noch vollkommener machen sollten. Sie hatte unglaublich viel Geduld, diese Inhaberin. Sogar ich als kleines Mädchen konnte spühren, wie sie auf alle Wünsche meiner Mutter einging und sie zufrieden zu stellen suchte. Sie selber fand Genugtuung darin. Und sie hatte ein Auge und Gefühl dafür, wie die weibliche Schönheit in ihrer Kundin hervorzubringen sei.

Deshalb liebte meine Mutter gerade diese Boutique. Nicht nur fand sie dort immer das, was sie suchte, sie fühlte sich auch in guten Händen. Sie fühlte sich im Mittelpunkt, alle Aufmerksamkeit gehörte ihr. Ich schaute zu und sie war die vollkommenste Frau auf der Welt.

Letzten Monat suchte ich ein Kleid für eine Hochzeitsfeier. Der blosse Gedanke an die lärmenden Einkaufszentren mit ihren riesigen Kleidungsketten und überlaufenen Klamotten-Boutiquen ermüdete mich. Der Markenwahn, der die globalisierte Menschheit ergriffen hat lässt mich kalt. Bis zu den letzten Tagen vor der großen Feier – es war die Hochzeit von Nuuns Nichte, also eine nahestehende Person – schob ich die Angelegenheit hinaus. Bis zum letzten Samstag vor dem Ehrentag der Familie drückte ich mich vor dem Gedanken.

An diesem Tag kam Nuuns erwachsene Tochter stolz zu uns ins Haus gelaufen. Sie kam mit einer großen Tüte voll Kleidern, die sie uns vorführen wollte. Sie hatte alle im einem Zweite-Hand-Laden in Abu Gosh, dem arabischen Nachbardorf gekauft. Die Vintage Boutique ‚HANUTKA‚ ist eines der ganz wenigen jüdischen Geschäfte in Abu Gosh und gehört einer selbstbewussten Individualistin aus Jerusalem. Eine Stunde später waren wir gemeinsam auf dem Weg dorthin.

Hier, inmitten der mir so fremden Mentalität, zwischen Humus Restaurants und Baumaterial Handlungen fand ich eine kleine feine Boutique mit einer großherzigen Inhaberin, die in mir die Erinnerung an die Lieblingsboutique meiner Mama wiedererwachen lies. Hanita sprach mich mit meinem Vornamen an und fragte nach meinen Vorlieben bevor sie anfing mir ein Kleid nach dem anderen zu bringen. Sie ließ sich Zeit, suchte passende Stücke, betrachtete sie an meinem Körper und fügte Accessoires hinzu. Sie zeigte sich begeistert, sagte aber auch wenn ihr etwas nicht gefiel. Dies sei nicht weiblich genug oder jene Farbe mache mich blass. Sie findet Genugtuung darin und sie hat ein Auge und Gefühl dafür, wie die weibliche Schönheit in ihrer Kundin hervorzubringen ist.

Ich musste dort wohl zwei Stunden verbracht haben. Irgendwann hatte sie uns Kaffee bereitet und wir plauderten über dies und das; Über innere Schönheit und Zufriedenheit und deren Zusammenhang, über Weiblichkeit und das unbezwingbare Bedürfnis der Frau ihre wahre Schönheit zu zeigen und gleichzeitig zu schützen. Dinge, die uns als Frauen berühren und verbinden, durch die wir einander und uns selbst verstehen. Hier in einem second-hand-shop in einem winzigen Dorf im konfliktanfälligen Jerusalemer Umland, sowie in einer exklusiven Edelboutique in der riesigen, kulturreichen Weltmetropole Berlin.

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HANUTKA Vintage Boutique in Abu Gosh bei Jerusalem

 

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Dies ist Hanita, die ‚Mutter‘ der Vintage Boutique HANUTKA in Abu Gosh
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Nach langem Anprobieren brachte mir Hanita Kaffee
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4 Gedanken zu “Wo ich beim Kleiderkauf von Erinnerung ergriffen wurde

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