PIGUA oder Alltag der Attentate


Eine kleine Traube von Menschen hat sich vor dem Fenster unseres Bueros im 25. Stock des Geschäftszentrum Azrielli in Tel Aviv angesammelt. Man drückt sich die Nasen platt um zu sehen, was sich etwa 90 Meter unter uns auf der Autobahnbrücke abspielt. Vor wenigen Minuten hatten wir Schüsse gehört. Wir waren uns aber nicht sicher gewesen, ob das, was unsere konzentrierte Arbeitsstille gestört hatte wirklich Schüsse gewesen waren oder nur unsere überspannte Sensibilität. „Geht das hier jetzt auch los, oder was?“ Hatte einer meiner Kollegen gefragt und wir wussten alle, was er meinte. Seit vor drei Tagen das Ehepaar Henkin während der Autofahrt kaltblütig vor den Augen seiner vier Kinder erschossen worden war gibt es keine Ruhe. Alle paar Stunden wird irgendwo irgendjemand auf offener Straße wahllos angegriffen, meistens mit Messern.

Kaum eine halbe Minute war nach dieser Frage, die niemand zu beantworten versucht hatte, vergangen, da hatte ein Kollege aus dem Nachbarbüro in der Tür gestanden: „Pigua“. Dieses gefürchtete und doch fast alltägliche Wort! So schwerwiegend wie der Tod selber und doch so leicht von den Lippen gehend, als sei es ein gewöhnlicher Bestandteil normalen Lebens. Es bedeutet so viel wie „Attentat / Terroranschlag“ und lässt einen jeden Israeli zusammenzucken und zur gleichen Zeit hell aufmerksam werden. „Pigua“ dieses Wort löst einen Schwall von Assoziationen aus. Sofort rasen tausende Gedanken durch den Kopf, wenn man dieses eine kurze Wort vernimmt: „Pigua“. Wir hatten uns also nicht getäuscht.

Jetzt hatten sich die Mitarbeiter um unser Fenster versammelt, denn von dort konnte man den Tatort sehen. Es dauerte kaum eine Minute, da waren schon Polizisten auf Motorrädern gekommen, Leute rannten oder standen herum, Autos blieben auf der Fahrbahn stehen und um die Kreuzung bildete sich ein Stau. Dann kamen Krankenwagen angebraust, ein Teil der Straße wurde abgesperrt. Sanitäter liefen und schoben Baren hin und her. Mehr konnte man aus dieser Höhe nicht erkennen. Ein junges Mädchen in IDF-Uniform war am helllichten Tage mitten in der Stadt auf offener Straße von Menschen umgeben angegriffen und durch Schraubenzieher-stechen schwer verletzt worden. Sie hatte es aber geschafft sich ihre Waffe nicht entreißen zu lassen und so Schlimmeres verhindert. Vier andere Passanten waren ebenfalls durch das wilde Um-sich-stechen des Angreifers zu Schaden gekommen. Dieser war nach kurzer Verfolgungsjagd erschossen worden, bevor er noch mehr Leute verletzen oder gar ermorden konnte, was ja sein offensichtliches Ziel gewesen war.

Eine halbe Stunde später kehren wir zur Arbeit zurück. Die Handys summen, Familien und Bekannte wollen wissen, dass man in Sicherheit ist. Die Personalmanagerin geht von Büro zu Büro, spricht mit jedem ein wenig und haut sich zur Beruhigung noch einen Schokoladenriegel rein als sie in ihr Büro zurückkehrt. Manche Kollegen werden heute mit dem Taxi nach Hause fahren, andere werden sich abholen lassen. Yogi, der in den umstrittenen Gebieten lebt und jeden Tag den Bus mit arabischen Mitbürgern teilt, hat sein Pfefferspray bereit. Auch ich mustere jeden einzelnen Fahrgast, der den Bus besteigt. Auf der Straße schaue ich in alle Richtungen und überlege mir womit ich mich wohl verteidigen würde im Falle eines Falles. Meine Hand in der Plastiktüte umgreift ein kleines Glasfläschchen, in dem ich Joghurt mitnehme. Wie soll man sich gegen so etwas schützen? Kann man überhaupt irgendwo davor sicher sein? Das Gefühl der Hilflosigkeit steckt einem in den Knien. Der nächste Pigua kommt bestimmt, es ist nur eine Frage der Zeit bis der nächste radikale Hitzkopf mit einem Messer willkürlich auf den nächstbesten Mitmenschen lossticht. Oder vielleicht rammt einer wieder sein Auto in die nächste menschengefüllte Bushaltestelle. Jeder fühlt, er könnte selber das nächste Opfer sein.

Es gibt wohl kaum einen Menschen in Israel, der kein Pigua-Opfer kennt oder gekannt hat oder selber ist. Ich erinnere mich an Zeiten, bevor es Smartphone gab, da hörte man zur vollen Stunde auf zu arbeiten um die Nachrichten im Radio zu hören. Wenn etwas passiert war rief jemand „Pigua“ und dann standen alle um das Radio herum und lauschten, wie im Krieg. Das ist schon 20 Jahre her. Damals war ich im Kibbutz und es schien relativ weit weg von mir zu geschehen. Bis eines Tages Familienangehörige von einem Kibbutz-Mitglied betroffen waren. Plötzlich war diese Realität auch meine eigene.

Später, in der Stadt, bevor überall Sicherheitskontrollen stattfanden und bevor die Mauer gebaut wurde, sprengten sich die Selbstmordattentäter in vollen Bussen und Restaurants reihenweise in die Luft. Sie nahmen Dutzende von zufälligen Opfern mit in den Tod und ließen Hunderte körperlich oder geistig verstümmelt. Daraufhin waren Restaurants und Einkaufszentren leer geblieben. Wer konnte, fuhr mit dem Auto und hielt sich von öffentlichen Verkehrsmitteln fern. Die Kinder brachte man selber in die Schule und holte sie wieder ab. Morgens kam man zur Arbeit und erkundigte sich als erstes. Und wieder ein Pigua in der Linie 18. Diese Linie war bei den Selbstmordattentätern besonders beliebt. Sie fuhr durch die Innenstadt von Jerusalem und war von arabischen Wohngebieten leicht zu erreichen. Dann griffen alle zu den Telefonen. Waren alle Familienmitglieder heil am Ziel angekommen? Und waren alle Kollegen auf der Arbeit angekommen? Wenn nicht, dann stieg einem das Blut in den Kopf.

Jedes Mal, wenn es ein Pigua gab brachen die Telefonnetze wegen Überlastung zusammen. Abends saß man fiebernd vor dem Fernseher und hörte sich die Namen der Opfer an. Israel ist ein winziges Land, man hat überall Verwandte und Bekannte, Freunde und Freundes-Freunde. War da jemand dabei, den man kannte? Immer wieder dieselben Berichte und jedes Mal die Hoffnung es wäre das letzte Mal und das Wissen, der nächste Pigua kommt. Jedes Mal die Angst und der Schrecken, der einem durch den Körper fährt und alle Gedanken überwältigt. Und danach die relative Erleichterung dass es mich auch dieses Mal nicht erwischt hat und auch niemand, der mir nahe steht. Aber was wird beim nächsten Mal?

Eines Morgens fehlte einer meiner Kollegen, nachdem ein Bus mitten auf einer voll befahrenen großen Straße von einem Selbstmord Terroristen auseinander gesprengt worden war – morgens früh, wenn alle zur Arbeit und die Kinder zur Schule fahren. Wir wussten, es lag auf seinem Weg. Er antwortete nicht auf dem Handy. Mit Grauen hörten wir die Berichterstattungen. Sein Name war David. Er war Vater von zwei Mädchen. Ein ernster und verlässlicher Ingenieur. Etwa eine Stunde nachdem die Pigua-Stelle geräumt war erschien er unversehrt im Büro. Wir fragten, ob alles o.k. sei. Er nickte nur. Tagelang sprach er über nichts. Dann eines Tages fing er an zu reden und er erzählte bis er vor zittern nicht mehr sprechen konnte. Er hatte seine Töchter an dem Morgen zur Schule gefahren. Nur ein PKW hatte sich zwischen seinem Auto und dem Bus befunden, als er explodierte und die Fetzen bis zu seinem Wagen flogen. Seinen Töchtern hatte er gasagt sie sollen im Auto bleiben, er selber war ausgestiegen um zu helfen.

Er war ein ruhiger, liebenswerter Kollege. Von diesem Tag an lief er oft hastig und nervös durch die Flure. Wenn man mit ihm sprach kam das Gespräch immer irgendwann auf den Pigua und dann redete er und redete, beschrieb grausame Szenen und erschütternde Bilder, manchmal ekelhaft, manchmal tragisch. Sein Gerede wurde dann allmählich wirr, er senkte den Blick und trat von einem Fuß auf den anderen. Dann lief er mitten im Satz fort. So ging es über Wochen, vielleicht Monate. Er wurde dünner und blasser, bis er wie ein Hungerleidender aussah. 

Eigentlich wollte ich über solche Themen hier nicht schreiben. Attentate gehören zum bekannten Teil der Israelischen Realität. Aber sie sind Teil unseres Alltags. Und wenn ich genauer darüber nachdenke stelle ich schnell fest, dass niemand, der diesen Alltag nicht erlebt hat, sich eine Vorstellung davon machen kann, was das bedeutet. Denken wir selber darüber nach? Nicht wirklich. Genauso wie wir jeden Morgen ins Auto steigen und uns keine Gedanken darüber machen wie gefährlich der Straßenverkehr ist, in den wir uns begeben. Haben wir Angst? Nicht wirklich. Nur für eine Weile, dann denken wir nicht mehr darüber nach. Es wird schnell zum Alltag. Irgendwann ebbt die Welle ab. Bis zur nächsten Terrorwelle hat man viel verdrängt.

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33 Gedanken zu “PIGUA oder Alltag der Attentate

      1. Das wiederum freut mich! Und ich war mir schon unsicher, weil ich Dich nicht vorher gefragt hatte! …
        Kaum jemand kann sich vorstellen, wie es sich mit dem alltäglichem Terror lebt und ich fand, dass möglichst viele Leute Deinen Artikel lesen sollten.
        Ich bin sehr froh, bei Dir „gelandet“ zu sein! 🙂
        Ich danke Dir sehr!

        Gefällt 2 Personen

  1. Darüber auch weine ich und das passiert schon seit Monaten immer wieder. Dessen schäme ich mich nicht.
    Danke für diesen Bericht Ihres Alltags.
    Darf ich das rebloggen? Viele Menschen wissen nicht, wie gut es ihnen geht.
    Solche Berichte können so manchem die Augen öffnen. Zumindest ist das ein Teil meiner Hoffnung.

    Herzlichst
    Sylvia Kling

    Gefällt 6 Personen

    1. „Gefällt mir“ ist da eigentlich nicht die richtige Taste, aber ich Danke Dir für Deine Berichte, die man hier bei uns aus sog. „öffentlichen Medien“ nicht erhält.

      Werde Dir hier folgen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

      Gefunden habe ich Dich übrigens über Silvia Kling.

      Beste Grüße

      Ulrich Esser

      Gefällt 3 Personen

  2. Danke für diesen berührenden Bericht, liebe Ruth.
    Ich gebe Sylvia recht, uns geht es sehr gut. Und ich fürchte, die Menschen gehen nach ein paar Tagen wieder zum normalen Leben zurück. Paris ist weit weg und Israel auch, sogar noch weiter. Gerade die Nachrichten aus Israel, wo Terror schon leider an der Tagesordnung ist, macht viele hier mittlerweile unempfindsam.
    Ich kann es mir nicht vorstellen, wie ihr mit dieser täglichen Bedrohung umgehen könnt und trotzdem ein normales Leben führt.
    Gott schütze dich!

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank Anna-Lena. Die Wahrheit ist, dass wir keine Wahl haben, wir müssen damit umgehen und wenn man das muss, dann findet man Wege. Man darf sich auch von diesem Terror nicht die Freiheit und die Lebensfreude rauben lassen. Wenn das passiert hat der Terror schon gewonnen.

      Gefällt 2 Personen

  3. Liebe Sylvia,

    ein sehr trauriger Artikel, der einem wirklich sehr nahe geht.

    Wir waren im letzten Jahr auch in Israel, ich hatte sehr eigenartige Vorstellungen von diesem Land, eigentlich kannte man ja immer nur Gaza und Krieg.

    Auf dem Flughafen in Tel Aviv angekommen, hatte ich Soldaten mit angeschlagenen Gewehren erwartet..aber nichts da. Ein gewöhnlicher Flughafen wie überall…Die Kontrollen wie in den USA, eigentlich fast einfacher…Israel ist ein wundervolles und interessantes Land, man spürt viel Leben, Jugend und Intelligenz. Wir hatten einige interessante Treffen mit Israelis, die alle ihr Land bedingungslos lieben und es auch verteidigen würden.
    Ein Ausflug führte uns ins wunderschön gelegene Haifa. Auf dem Weg dahin kamen wir an einem völlig unscheinbaren Lokal vorbei. Unser israelischer Freund Moshe erzählte uns, dass dort vor einiger Zeit ein Attentat verübt wurde….Das war ein wirklich komisches Gefühl, warum gerade da, jetzt ist doch alles so friedlich dort, junge Menschen, die dort Kaffee trinken waren zu sehen…
    Später fuhren wir auch zu den Golanhoehen, auf einer Art Aussichtsplattform konnte man nach Syrien schauen (dieses Land verbindet Steffen und mich, aber das ist eine andere Geschichte)….Und in der Ferne hörten wir Detonationen….Das war so völlig surreal, wie im Zoo….Wir konnten aus (jedenfalls vermeintlich) sicherer Entfernung zuschauen, wie „dort hinten“ der Krieg tobt….Diese Momente haben mich sehr mitgenommen und zutiefst beeindruckt.
    Was können wir tun, um diese Welt friedlicher zu gestalten? Es fängt im Kleinen an, in der Familie, mit Freunden. Man kann scheinbar winzige Dinge tun, in seiner Umgebung. Man kann seine Kinder zu starken, friedliebenden, aufrechten und auch weltgereisten Menschen erziehen. Wir können die grosse Weltpolitik nicht ändern, das habe ich mittlerweile verstanden. Aber man kann versuchen, im eigenen Umfeld daran mitzuwirken, dass Menschen wieder friedliebender, gütiger, verständnisvoller und einfach menschlicher miteinander umgehen. Ich glaube, liebe Sylvia, mit Deinen wundervollen Gedichten und Erzählungen trägst Du schon viel dazu bei und viele Menschen in Deiner Umgebung sind dafür sehr dankbar. Ich auch.

    Sei lieb gedrückt von Deiner
    Katrin

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Katrin, ich freue mich so, dass Dir Israel gefallen hat. Das Land sieht aus der Ferne vollkommen anders aus; nur wenn man hier ist, kann man die Schönheit sehen und die einzigartigen Energien spühren. Ich hoffe ein bischen was davon kommt in meinem Blog ‚rüber. Ruth

      Gefällt 1 Person

    2. Du hast das auf dem Blog von Ruth hinterlassen – deshalb sehe ich es erst jetzt 😯. Aber ich sehe es :-). Auch ich Danke Dir für Deine Worte. Israel würde ich so gern besuchen. Ich hoffe, es ist mir bald vergönnt.
      Lieben Gruß von Sylvia

      Gefällt mir

    1. Ja, Verdrängung ist Überlebensnotwendig.
      Der Mensch ist ein emotionales Wesen und somit subjektiv und unlogisch. Wir kalkulieren schliesslich nicht die Gefahren, denen wir uns mehr oder weniger freiwillig aussetzen, sonst würden wir viele Dinge nie tun. So schützen wir uns durch Verdrängung vor Gefahren.
      Was ich jedoch schlimm finde ist, dass viele Menschen sich auf die selbe Weise vor der Wahrheit „schützen“, sobald sie unangenehm wird oder nicht in das Weldbild passt.
      Ich freue mich, dass Dich meine Worte erreicht haben. Danke für die Offenheit.

      Gefällt 3 Personen

    1. … dann solltest Du auch meine andere Beiträge lesen (z.B. Coexistenz im Jerusalemer Familiengarten und die drei Posts zum Ramadan) und hier öfter ‚mal vorbei schauen 🙂 Ich denke Du wirst es manchmal erstaunlich finden. Viel Spass beim Lesen!
      herzlichst, Ruth

      Gefällt 2 Personen

  4. Pingback: Feuer | Linie 101

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