Sprudel Bomben in besetzten Gebieten

Neben der Espressomaschine in der Firmenküche steht ein Trinkwassersprudler. Im Schrank darunter finde ich Espresso Kapseln und natürliche Geschmackssirups für den Sprudeler. Ich trinke Sprudel lieber natur, obwohl es im Sommer ganz gut ist etwas Süßes zu trinken. Dann trinkt man einfach mehr. Während ich die Blasen, die in die Flasche explodieren und sich dort wild tummeln beobachte, schweifen meine Gedanken zu dem Tag, an dem ich zu einem Vorstellungsgespräch bei der Firma, die diese Geräte entwickelt hat und herstellt, geladen war. Damals hieß sie noch Soda Club. Ich lebte 15 Minuten südlich außerhalb Jerusalems. Die Anfahrt dauerte lange. Ich musste durch den gesamten Stadtverkehr und dann auf der östlichen Seite Jerusalems in Richtung Totes Meer wieder raus. Nach kurzer Fahrt wird man am Kontrollpunkt, der die Einfahrt in die „besetzten Gebiete“ signalisiert, kurz von Soldaten gecheckt und nach weiteren 15 Minuten gelangt man zum Industriegebiet Mishor Adumim.

„Besetzte Gebiete“ diese Bezeichnung ist mir zuwider. Nicht, weil sie einen unangenehmen Teil der israelischen Realität beschreibt, nein, damit habe ich kein großes Problem. Schließlich war das Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan so gut wie nie etwas anderes, als ‚besetzt‘. Vor den Israelis waren es die Britten, die die Ottomanen nach mehreren Jahrhunderten ablösten. Davor waren die Besetzer Mameluken, Kreuzfahrer, Byzantiner, Römer, zwischendurch die verschiedensten Caliphate und die Liste geht weiter über Perser und Babylonier bis tief in die vorchristliche Zeit. Womit ich ein Problem habe ist, dass zu Viele diesen Begriff zu oft benutzen, ohne sich dieser und vieler anderer Tatsachen bewusst zu sein. Jeder hat eine Meinung, aber niemand weiß wirklich wozu. Hand aufs Herz, liebe/r Leser/in, kennst Du genau die historischen und politischen Ereignisse, die zu dieser Besetzung geführt haben? Wessen Land hier eigentlich besetzt wird? Und was die Bedeutung der sogenannten Grünen Linie ist? Ist die 67er Grenze überhaupt eine Grenze? Welche Gebiete genau zählen zu den ‚besetzten Gebieten‘? Die Antworten hängen davon ab, wen man fragt. All diese Fragen sind umstritten, weshalb ich die Bezeichnung „umstrittene Gebiete“ vorziehe. Eigentlich ist alles, was diese Gebiete betrifft umstritten. Sobald das Thema in irgendeiner Weise auftaucht gibt es Streit.

Soda Club war also in Mishor Adumim, was in den umstrittenen Gebieten liegt. Auf dem Parkplatz der Firma standen gerade einige Minibusse, aus denen sich Leute herausdrängten. Eine Gruppe sprach Arabisch, eine andere Russisch, auch Äthiopier waren dabei und natürlich ‚Sabres‘ (das ist der Name der Kaktusfrucht und damit sind die gebürtigen Israelis gemeint). Ich erinnere mich gut an diese Szene, weil sie mich beeindruckte – Multikultur in Aktion. Die Firma unterschied sich von den super modernen, innovativ anmutenden Hi-Tech Firmen, bei denen ich mich normalerweise vorstellte. Bei den Hi-Techisten hat man das Gefühl sie seien auf einer Zukunfts-Mission. Den Blick etwas gehoben in die Ferne, um ständig auf ihr Ziel fokussiert zu bleiben, der Schritt immer fest und entschieden, als sei jeder der wichtigste Schritt für die Zukunft der gesamten Menschheit, so reden sie über ihr Produkt oder ihre Technologie als hänge davon die Existenz des Universums ab. Nicht, dass ich etwas gegen Hi-Tech habe, im Gegenteil, die Israelischen Hi-Tech Firmen sind absolut faszinierend und bringen wirklich immer wieder bahnbrechende Entwicklungen hervor. Es war einfach erfrischend meinen Fuß einmal in eine nicht-ganz-so-intensive Arbeitsumgebung zu setzen.

Bei Soda Club hätte ich gern gearbeitet, dort schaute mir die Personal Chefin in die Augen, als sie mit mir sprach. Nicht zu tief um zu prüfen, ob ich dem Stand halte, nicht von oben herab um zu sehen, ob ich mich dem füge. Sie fragte, sie hörte zu, es war ein angenehmes Gespräch. Der Einkaufschef, der mein Boss hätte werden sollen sprach von den Mitarbeitern und der Arbeitsatmosphäre mehr als von dem Produkt. Von ihm erfuhr ich auch, dass es „Hassaot“ für die Angestellten gab. Das waren die Minibusse, die ich bei meiner Ankunft auf dem Parkplatz gesehen hatte. Das bedeutet die Firma bietet ihren Angestellten die Möglichkeit sich von der Firma zu bestimmten Zeiten abholen und nach Hause fahren zu lassen. Die Firma hat quasi ihre eigenen Buslinien für Mitarbeiter. Er erzählte mir auch über die Schichtarbeit in der Produktion und die Pausenregulation. Die Zeiten waren so angesetzt, dass jüdische religiöse Mitarbeiter zu ihren Gebetszeiten pausierten und muslimische Mitarbeiter zu den Ihren. Die Fabrik stellte einen Gebetsraum für Juden und einen für Muslime zur Verfügung. Wenn es genügend Christen gegeben hätte, hätten sie wohl eine Dritten Gebetsraum eingerichtet. Multikultur sagte ich schon?

Während er mich nach draußen begleitete wechselte er ein paar Worte mit einem Produktionsleiter. Er war Araber, oder, wie sie sich heute selber bezeichnen: Palästinenser. Dies war ein Traumjob für ihn. Wir verabschiedeten uns am Eingang bevor ich in meine Knatterkiste stieg um den Berg nach Jerusalem hoch zu keuchen. Dieser alte Opel war mir schon viele Jahre treu gewesen, aber die Auffahrt von hier in die Heilige Stadt machte ihm wirklich zu schaffen. Ich konnte den Job nicht annehmen. Der Weg war einfach zu lang und beschwerlich für mich und „Hassaot“ gab es nur innerhalb Jerusalems oder in den umstrittenen Gebieten. Schade. Aus dem Job, den ich stattdessen annahm wurde ich ein halbes Jahr später wegen Kürzungen wieder entlassen. Es war der große Fall Ende 2009 und ich, inzwischen über 40, fand keine Arbeit mehr. Als alleinstehende Mutter einer Teenagerin (damals kannte ich Nun noch nicht), ohne Familie in diesem Land war meine Situation äußerst beunruhigend. Das Arbeitslosengeld machte etwa 80% meiner Fixkosten aus, mein Opel brach bald darauf zusammen, ich zog in eine kleine, billige Wohnung in die Stadt und fing an mich als Freelancer wieder hoch zu rappeln.

Soda Club hingegen bekam einen neuen Manager, wurde umbenannt in Sodastream und entwickelte sich zu einer erfolgreichen, international bekannten Marke. Aber wie gesagt, in diesen Gebieten muss es um alles Streit geben, so auch um Sodastream. Ich weiß nicht, warum die Fabrik in Mischor Adumim dieser Tage geschlossen wird und die Produktion in die Negev verlegt wird. Die Firmenleitung behauptet es habe nichts mit den Boykotten zu tun. Aber das ist eigentlich auch egal. Das Resultat ist, dass fast 500 arabische Familien aus den umstrittenen Gebieten nun ihr sicheres Einkommen verlieren. Die Wahrscheinlichkeit eine gleichwertige Alternative zu finden ist für diese Menschen gleich null, denn es gibt keine gleichwertigen Alternativen in den umstrittenen Gebieten. Niemand wird diesen Leuten auch nur annähernd so viel Gehalt zahlen und niemand wird ihnen die Konditionen, einschließlich Nationale Versicherung (eine Art Sozialversicherung), staatliche Krankenversicherung usw. bieten können, denn bei nicht-israelischen Arbeitgebern gibt es all das nicht.

Mir geht das gerade jetzt, beim Füllen meiner Sodaflasche durch den Kopf, weil letzte Woche die EU entschieden hat alle Produkte aus umstrittenen Gebieten besonders zu markieren. Es macht mich wütend. Die EU sagt zwar, es habe nichts mit den Boykotten zu tun, aber eigentlich ist das vollkommen egal. Das Resultat ist dasselbe. Die Einzigen, die darunter leiden werden sind diejenigen, deren Rechte eigentlich dadurch geschützt werden sollen. Dem Otto-Normalverbraucher wird diese Markierung wohl kaum auffallen, und selbst wenn, dann ist sie für ihn bedeutungslos. Bedeutung hat so ein Label nur für die Boycottierer Israels. Die EU macht ihnen das Leben leicht. Von nun an kann Jeder, der seine einseitige, auf Gerüchte und Vorurteile gestützte Meinung über Israel mit Taten bekräftigen will, dies tun, ohne sich viel anstrengen zu müssen. Die EU zeigt diesen selbstgerechten Verbrauchern auf den ersten Blick wovon sie die Finger zu lassen haben, damit sie gottbehüte ja nicht ausversehen etwas konsumieren, was in diesen … Gebieten hergestellt wurde, wo Juden und Moslime gemeinsam friedlich arbeiten.

Betroffen sind davon etwa 1% der von Israel exportierten Produkte. Mit anderen Worten, die Aktion ist wirtschaftlich relativ irrelevant. Sie hilft jedoch die Fronten zu verhärten und den Hass zu schüren. Sie treibt Israelis und Palästinenser auseinander, spaltet unsere gemeinsamen Interessen und stärkt die Extremisten. Es wird genau die Produkte treffen, die in Zusammenarbeit hergestellt werden und die Arbeitsplätze, die Koexistenz fördern, werden dadurch gefährdet. Für die Palästinenser bedeutet es Verlust der besten Arbeitsplätze, sollten die betroffenen Hersteller ihre Geschäfte nicht weiterführen können oder verlagern. Nicht nur erreicht die EU genau das Gegenteil von dem, was sie anzustreben erklärt, auch mischt sie sich in etwas ein, was in anderen Regionen lieber ignoriert wird. Oder hat jemand davon gehört, dass die EU bezüglich der Produkte aus den von Marokko besetzten Gebieten in der Westsahara oder dem von der Türkei besetzten Teil Zyperns oder von Iran besetzten Balochistan dieselbe Transparenz verlangt?

Tief einatmen! Langsam wieder ausatmen! Kühle Soda trinken. Meine Wut macht einer gewissen Verzweiflung Platz, die sich dann in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit verrinnt. Dies sollte ein positiver Blog werden. Ich wollte hier schöne Geschichten und gute Erfahrungen aus Israel erzählen. Eigentlich bin ich von Natur aus ein optimistischer Mensch. Im Moment fällt mir das jedoch sehr schwer.

P.S. Hier ein Link für Alle, die Antworten auf die obeigen Fragen suchen (Englisch). 

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Ein Gedanke zu “Sprudel Bomben in besetzten Gebieten

  1. Die Kennzeichnung „Made in Germany“ ging für ihre Erfinder damals auch nach hinten los – dasselbe wird auch diesmal mit der bekloppten EU-Richtlinie passieren. Ich für meinen Teil gebe israelischen Produkten schon aus Prinzip den Vorzug, und jetzt erst recht, wenn sie aus den sogenannten „besetzten Gebieten“ kommen sollten.

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