Normalisierung?

Gestern war der erste Tag seit über zwei Monaten, der nicht mit Nachrichten über Terroranschläge oder die Beerdigung derer Opfer begonnen hat. Auf der Webseite der Tageszeitung stand etwas über das skandalöse Verhalten eines Knesset Mitglieds und über Demonstrationen gegen die Wirtschaftspolitik. Zur Abwechslung befasst man sich mal wieder mit normalen Dingen.

Wir befassen uns beim Frühstück mit dem bevorstehenden Winter. Dieser macht sich langsam bemerkbar. Die Temperaturen schwanken zwischen 8 Grad in der Nacht und 22 Grad am Tag. Mir macht das zu schaffen, mein Kreislauf streikt da ab und zu und dann plagt mich die Migräne. Auch heftigen Regen hat es schon gegeben, was in den Küstenregionen sogar zu überraschenden Überschwemmungen geführt hat.
Wir müssen Wohnung und Garten auf die Stürme, den Regen und den Schnee vorbereiten. Die Wohnung ist, wie fast alle Wohnungen, in denen ich in Israel gewohnt habe, nicht ausreichend isoliert und daher dringt Feuchtigkeit ein. Hier ist es besonders schlimm. Die Wände schimmeln nicht nur, sondern die Farbe blättert an manchen Stellen von ihnen ab. Viel können wir daran nicht ändern. Die Wohnung ist gemietet. Aber darüber will ich mich nicht auslassen. Wir lieben diese Wohnung aus anderen Gründen.

Auch der Wind pfeift durch die Ritzen unter Türen und an den Fensterrahmen. Aber auch das ist nichts Aussergewöhnliches. Was uns Gedanken macht ist der Schnee. In und um Jerusalem, gibt es jedes Jahr einige Tage Schnee. Har Adar liegt 825m hoch auf einem Berg mit einer einzigen Zufahrtsstrasse und schneit leicht mal für ein oder zwei Tage ein. Dafür muss man gerüstet sein. Zentralheizungen sind unüblich und wo es sie noch gibt, werden sie wegen der hohen Heizkosten kaum genutzt. Man heizt mit Klimaanlage, modernen Gasöfen oder -Heizanlagen oder alten Elektroheizern. Wir haben von jedem Einen. Eine Klimanalage für die Wohnräume, Elektroheizer für das Schlafzimmer und einen Gasofen, für den Fall, das der Strom ausfällt. Die Öfen müssen wir aus dem Abstellraum holen, säubern und einschalten, um sicher zu gehen, dass alle funktionieren.

Vor zwei Jahren war man hier in Har Adar drei Tage lang ohne Strom. Schnee und stürmische Winde hatten enormen Schaden angerichtet. Bäume waren umgefallen, entwurzelt, oder zerbrochen. Die Wälder sahen aus wie Schlachtfelder. In der Stadt war es noch schlimmer. Hochspannungsleitungen waren gerissen und Masten umgefallen. Abgebrochene Äste und Baumstämme hatten Autos, Dächer und Bushaltestellen zerstört. Letztes Jahr war der Winter milder. Unser eigener Garten jedoch, den wir mit viel Liebe und Eifer von einem braunen Feld voll trocknem Gestrüpp in eine blühende Augenweide verwandelt hatten, litt unter der Last des Schnees.

Es ist höchste Zeit Bäume und Sträucher herunter zu trimmen, damit sie das diesmal besser überleben. Deshalb soll heute der Gärtner kommen. Das heisst, Nun wird ihn von der Hinterpforte des Ortes abholen, da er aus den „Gebieten“ kommt. Er wohnt im benachbarten arabischen Dorf Bidu, auf der anderen Seite der Grünen Linie. Viele Einwohner von Bidu arbeiten in Har Adar. Die meisten im Bau oder anderen handwerklichen Berufen. Sie dürfen aber nicht ohne ihre Arbeitgeber im Ort herumlaufen. Diese Regelung wurde vor vielen Jahren eingeführt, da es zu viel Diebstähle gab. Ich habe mir erzählen lassen, dass man in den Anfangsjahren nichts draussen liegen lassen konnte. Alles wurde aus den Gärten geklaut und Einbrüche gab es auch nicht wenig. Aber das ist lange her.

Achmed ist kein wirklicher Gärtner, er ist ein junger Mann in den 20ern, der sich sein Geld mit Gartenarbeit verdient. Er arbeitet bei vielen Familien in Har Adar und ist bekannt. Im Frühjahr war er schon einmal bei uns und hat die Beete von Unkraut gesäubert, den Rasen gemäht und alles, was halt so gemacht werden muss. Er kennt diesen Garten, denn auch bei unseren Vormietern hat er schon gepflanzt und gejätet. Da ich an diesem Tag zuhause war, hatte ich uns zum Mittagessen Falafel aus Abu Gosh geholt und wir hatten auf der Terasse gemeinsam Pause gemacht. Es war ein sonniger Tag gewesen.

Gestern Abend hat Nun ihn angerufen und sie haben sich um 7Uhr am Tor verabredet. Von dort muss Nun ihn abholen und herbringen, bevor wir beide zur Arbeit fahren. Um zwanzig nach sieben sind die Beiden noch immer nicht zurück, obwohl die Fahrt nur wenige Minuten dauert. Und schon ist sie wieder da, diese Angst. Was ist, wenn es irgendwelche Ausschreitungen an der Pforte gab, wo alle Arbeiter aus Bidu morgens abgeholt werden? Es wäre nicht das erste Mal. Aber bevor ich selber zum Handy greifen kann, klingelt es schon. Achmed kann nicht kommen. Niemand wird heute rein gelassen, sagt Nun.

Über zwanzig Tote hat es in den vergangenen zwei Monaten durch Terroranschläge in Israel gegeben. Ich weiss nicht wie viele Verletzte. Die Armee schliesst Gebiete ab, die aufgrund von Geheimdienst Informationen als gefährlich gelten. Das kann ein Paar Tage andauern, aber auch Wochen. Wenn der Terror nicht weniger wird, dann werden Leute wie Achmed darunter leiden, während die Palestinensische Führung die Mörder als Martyrer feiert und auf Militärfriedhöfen feierlich und ehrenhaft beisetzt.

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12 Gedanken zu “Normalisierung?

  1. Ruth, für viele unter uns ist es kaum vorstellbar, unter welchen Bedingungen Ihr lebt. Ich bin Dir sehr dankbar, dass wir von Dir mehr erfahren dürfen.
    Die Ängste kann ich Euch leider nicht nehmen. Ich bewundere Euren Mut und Eure Kraft. Auch das hilft Euch nicht weiter.
    (Ich senke den Kopf demütig!)

    Herzlichst und eine innige Umarmung!
    Sylvia

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke für die lieben Worte, Sylvia. Unterstützung ung Verständnis helfen sehr. Das ist das, was Hoffnung gibt, denn was mich gerade dieser Tage so deprimiert ist die fehlende Rückendeckung der demokratischen, frei denkenden Welt. Es werden so viele Lügen verbreitet in den sozialen Medien – das ist beängstigend.
      Israel ist ein sehr vielfältiges und faszinierendes Land mit wunderbaren Leuten. Ich hoffe, dass ich bald wieder in der Laune sein werde über die wunderbaren Leute und die Besonderheit des Landes erzaehlen zu können.
      Alles Liebe
      Ruth

      Gefällt 2 Personen

  2. vor 3 Jahren, da war ich in Frankfurt, ohne Schnee. Dafuer hatten meine Kinder die Schneeprobleme. Meine Tochter zeigte mir mit dem Skype mein eingeschneites Auto – das hatte sie fuer unser Shabbaton jahr bekommen. Bei den 3 schlimmen Tagen, da hatte erst die Tochter Stromausfall, ging dann in unsere Wohnung. Da ging es dann auch los, da wanderte sie zum Sohn. Der hatte dann auf einer Phase ausfall, d.h. Licht war da, aber keine Heizung. Da ging dann die Tochter zu ihren Schwiegereltern, die 3 Haeuser neben dem Sohn wohnen und sowohl Licht, als auch Heizung hatten. Der Sohn ging zu seinen SchwEltern, die etwas weiter unten wohnen, die auch Licht und Heizung hatten.
    Bei uns im Haus wird immer noch das ganze Haus beheizt. Die 12 Parteien wollen auch diesen Winter weiterhin die Heizung behalten. Sie sagen, das waermt immer noch am Besten. Da ich Vaad Bait bin, ist das halt wieder Arbeit fuer mich. Auch bei uns ist nicht alles dicht, und die Waende sind nicht isoliert. Fuer die paar Stunden, die wir hier heizen, heizt man in Deutschland 24 Stunden durch. Das haelt bei uns der Ofen nicht aus. So zahlen wir mehr und bekommen weniger. Aber Abends ist es dann warm.
    Hoffen wir mal, dass diesen Winter es nciht so schlimm wird.

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    1. Wow, das war ja ein schönes Hin-und-Her. Der Winter vor zwei Jahren war wirklich aussergewöhnlich schlimm. Wir hatten Glück und der Strom blieb uns erhalten (wir wohnten noch in Jerusalem). Aber die vielen zerbrochenen Bäume und das Eis…!
      Ich finde Zentralheizung auch am angenehmsten, aber die meisten Leute wollen das Heizen selber kontrollieren. Ich bewundere, dass Du Vaad Beit machst. Das muss sehr stressing sein. Gerade in diesem Land, wo die Leute nicht immer so sanft miteinander umgehen wie in Deutschland.
      Auf einen milden Winter 🙂
      Ruth

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      1. dann hattest du nicht in unserer Gegend gewohnt, denn da war der Strom ja immer wieder weg, je nachdem, auf welcher Phase die Wohnung lag. Vaad Bait mache ich seit ca 20 Jahren. Wir haben aber auch nette Nachbarn und selten jemanden, der Probleme macht.

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  3. Solche Stürme kennen wir in Hamburg auch. Letztes Jahr hatte es einen Apfelbaum entwurzelt… es fühlt sich sicherlich furchtbar an in einer Atmosphäre von Mistrauen und Gewalt zu leben… ich hoffe inständig, dass sich die Situation wieder entspannt!!! Ganz liebe Grüße Rita

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    1. Liebe Rita, vielen Dank für die aufmunternden Worte. Wie ich schon zu Sylvia sagte, hoffentlich werde ich bald wieder etwas optimistischer, damit ich Euch von den warmherzigen und interessanten Menschen erzählen kann (wie z.B. in dem Beitrag ‚Wo ich bein Kleiderkauf von Erinnerung ergriffen wurde‘) und dem farbenfrohen Leben hier.
      Herzlichst
      Ruth

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  4. Liebe Ruth,

    ich empfinde es als bereichernd, Deine Berichte zu lesen. 🙂 Schön finde ich, aus Deinen Zeilen Menschlichkeit und Wärme herauslesen zu können und freue mich auf weitere Berichte von Dir.

    Ich bin jeden Tag dankbar dafür, wo und wie ich lebe, auch wenn meine Heizung und auch das warme Wasser manchmal streiken. Sicher ist es so, dass man woanders andere Sorgen und einen anderen Alltag hat, jedoch ist die Angst hier kein allgegenwärtiges Thema. Diese Angst existiert zwar unterschwellig, ich bin aber nicht der Meinung, dass ich dieser mehr Futter geben sollte.

    Eine Umarmung und ein liebes Dankeschön von
    Andrea

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      1. Liebe Ruth, auch da stimme ich Dir absolut zu. Und dieses Bekennen ist eindeutig da, weil darüber gesprochen wird. Nur eben nicht als ständiges Thema.
        Ich wünsch Dir auch einen wunderbaren Abend.
        Liebe Grüße aus dem (heute) sehr grauen Hamburg
        Andrea

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