Kinderstimme

In der Oberschule fragte einmal einer unserer Tutoren ob es etwas gäbe ohne dass wir nicht leben könnten. Mit für mich damals un-charakteristischer Selbstsicherheit hob ich die Hand und sagte: „Musik!“ Ich war die Einzige, die die Hand gehoben hatte und jetzt erntete ich auch noch verständnislose Blicke. Meine Mitschüler konnten sich mit dieser Antwort nicht identifizieren und der Lehrer war unzufrieden, weil es nicht das war, worauf er abgezielt hatte. Er hatte gehofft materialistische Antworten zu bekommen, damit er sie dann entkräften konnte.

Ich stand dazu, dass ich mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen kann und das stimmt bis heute. Musik ist wohl der größte Launen-Beeinflusser – dicht gefolgt vom Wetter, aber weitaus mehr differenziert und eindringlich. Musik kann in mir die verschiedensten Gefühle erwecken und ich liebe die verschiedensten Arten von Musik, vorausgesetzt sie bieten eine gewisse Harmonie. Denn genau wie ich mich leidenschaftlich der Musik hingeben kann, so scharf reagiere ich auf Dissonanz und schräge Klänge. Musik inspiriert, kann ungeahnte Kräfte entfesseln, vergessene Sehnsüchte wachrufen, Schmerz lindern und vieles mehr. Welche Klänge genau was in einem Menschen veranlassen ist wohl von Mensch zu Mensch verschieden und hängt  wesentlich davon ab, womit man aufgewachsen ist.

In meinem Elternhaus wurde europäische Klassik gehört. Meine Eltern waren große Opern Liebhaber. Placido Domingo war seiner Zeit ein gepriesener Star und ich kann Arien wie „La Donna e mobile“ aus Verdis Rigoletto nach den ersten Tönen erkennen. Auch Beethovens Symphonien kannte ich alle und schaffe es heute noch Komponisten zu erraten wenn ich ein klassisches Stück höre. Später entwickelte ich natürlich meine eigenen Vorlieben und hörte lieber Rolling Stones, David Bowie, Pink Floyd  oder Supertramp. Nach einem kurzen Punk und Metall Abstecher, verliebte ich mich in Blues und Soul, was mich auf deren afrikanischen Ursprung und Rhythmen aufmerksam machte und dann kam eine leichte Jazz Phase. Von all dem abgesehen gibt es jedoch Stimmen, bei denen es mir egal ist,  was sie singen, ich liebe alles, wie Barbara Streisand, Freddie Mercury oder Christina Aguilera.

Schwierig wird es bei orientalischer Musik. Man sagt Musik verbindet Menschen, aber so einfach finde ich das nicht. Bei diesen Klängen wehrt sich mein Ohr. Die Tonleitern sind anders aufgebaut, Kompositionen folgen vollkommen anderen Regeln. Da wird mit Viertel- und Achtel-Tonsprüngen jongliert und die Tonart kann sich mehrmals in einem Musikstück ändern. Mit der Stimme wird vibriert und für das westliche Ohr klingt es wie jammern oder einfach schief. Genau das, was in dieser Musik als virtuos gilt, ist dem westlichen Zuhörer eine Zumutung. Nur wer damit aufgewachsen ist wird auch wirklich daran Freude haben. Das ausgewachsene Ohr kann sich den neuen Regeln nicht mehr anpassen. Umgekehrt ist das allerdings nicht anders. Hat das kindliche, heranwachsende Ohr keine klassische Musik zu hören bekommen, als Erwachsener wird der Zuhörer sie kaum zu schätzen wissen. Für Menschen, deren Kindheit mit orientalischen Harmonien erfüllt war, ist Klassik zu stumpf, zu schwer, zu langweilig ohne die gewohnten Schnörkeleien.

In den letzten Wochen gab es im Israelischen Fernsehen eine Sendung, die ich sehr genossen habe. Sie hieß ‚Musikschule‘ und war eine Art ‚The Voice‘ für Kinder, mit dem Unterschied, dass keiner der jungen Sänger/innen aus dem Programm ausschied. Die auserwählten Talente waren von der ersten bis zur letzten Sendung dabei. Für jede Darbietung erhielten sie eine Bewertung, die sich zwischen ‚fast sehr gut‘- ‚sehr gut‘ – ‚sehr gut plus‘ – ‚fast exzellent‘ – ‚exzellent‘ – ‚exzellent plus‘  bewegten. Das große Finale war mit einer landesweiten Spendenaktion verbunden. Zwischen den Auftritten stellten sich die einzelnen Hilfs- und WohltätigkeitsOrganisationen vor, für die man per Telefon oder SMS spenden konnte.

Was mich an dieser Sendung am meisten beeindruckte waren die unglaublichen Talente und die enorme Vielfalt der Musik und der Art zu singen. Kinder aus Familien mit jemenitischem oder marokkanischem Ursprung vibrierten und jonglierten mit den Tönen während Kinder aus Familien, die ihre Wurzeln in Europa haben, sich an klassische Stimmführung hielten. Das, was die kindlichen Ohren vernehmen, haben die Stimmbänder ganz natürlich in Gesang umgesetzt. Und selbst für diese ganz jungen Trubadore ist es fast unmöglich es anders zu tun. Dasselbe Lied aus einer anderen Kehle scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Diese grundlegend verschiedenen Welten trafen hier zusammen und harmonisierten miteinander. Genau wie sie es im alltäglichen Geschehen versuchen. Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz, im Supermarkt oder in der Straßenbahn, überall sind die Gegensätze präsent. In der ‚Musikschule‘ wurden sie gefeiert, die verschiedenen Kulturen. In der täglichen Routine ist das nicht immer so einfach, wenn das, was in einer Kultur als wertvoll gilt, in einer anderen Kultur abtrünnig erscheint.

Aber das nur an Rande, ich wollte eigentlich meine Begeisterung über die jungen Künstler teilen und eine Kostprobe des Gewinners bieten. Er ist ein 13-jähriger Junge aus einer 12-köpfigen Familie jemenitischer Abstammung. Er begeisterte das Publikum aller Himmelsrichtungen und rührte uns alle zu Tränen mit seinem Gesang. Mit einer solchen Stimme und so viel musikalischem Talent wird jede Melodie zu einem Meisterwerk. Am Ende verliebe ich mich doch noch in die orientalischen Schnörkeleien.

Der Gewinner – Uziya Tzadok

Auszüge aus dem Finale

 

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9 Gedanken zu “Kinderstimme

  1. Obwohl ich keine blasse Ahnung habe worüber gesungen wird kriege ich doch Gänsehaut davon… 🙂 Das ist wirklich ein grosses Talent…

    Musikalisch haben wir ungefähr den selben Weg abgelegt, habe ich den Eindruck – ausser dass ich auch orientalische Klänge in meinem Leben hatte und auch davon geniessen kann… hängt ab von meiner Stimmung 😉

    Danke Dir für diesen herrlichen Beitrag…
    Grüsse
    Nil

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    1. Hi Nil , er singt von Herzschmerz und Seelenleiden und wendet sich dann an den Allmächtigen …. eben sentimental und rührend, aber nichts besonderes. Es ist die Stimme und was der Junge damit macht, die einem unter die Haut gehen.
      Ich denke manche Arten von Musik muss man lieben lernen. Ich habe mal eine atemberaubende Praesentation persischer Musik mit Erklärungen von einem Kanun Spieler gehört. Seitdem habe ich gelernt orientalischer Musik anders zuzuhören. Ich war absolut fasziniert wie reich und vielfältig sie ist.
      Ich wünsche Dir einen guten Rutsch 🙂
      Ruth

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      1. was ich interessant finde, ist die Tatsache, dass ich kein Wort verstehe, aber trotzdem seine Message übermittelt wird!

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