Abschleppen und ähnliche Geschichten aus der Männerwelt

Schon seit einiger Zeit gab meine Kupplung krächzendes Stöhnen von sich wenn ich das Pedal herunter trat. So konnte es nicht weiter gehen. Nuun, der bei uns für Autoprobleme zuständig ist, hörte sich das an, erklärte irgendetwas über Kugellager und empfiehl mir damit zu Ramsi zu fahren. Das tat ich ein paar Tage später, an meinem ‚freien‘ Tag, der immer sehr schnell mit allen möglichen Erledigungen beladen wird. Nuun hatte Ramsi bereits per Handy informiert. Die Autowelt ist eine Männerwelt. Ich bin froh, wenn ich mich da ‚raus halten kann. Ramsi kam mir auf einem großen Parkplatz, unweit der Werkstatt, in der er angestellt ist, entgegen. Neben meinem Fahrzeug blieb er stehen, hörte sich sein Krächzen kurz an und entschied es sei das Getriebe. Es müsse ausgewechselt werden.

Verdammt! Das wird teuer! Hätte mir das jemand in der Werkstatt gesagt, ohne sich das Auto anzuschauen, wäre ich sofort misstrauisch geworden. „Sicher eine Standard Diagnose“ hätte ich gedacht; so nach dem Motto: wir machen uns nicht die Mühe den Fehler zu suchen, das ist das Geld nicht wert, wir wechseln einfach alles aus! Das habe ich schon oft genug in den großen Werkstätten erlebt. Aber Ramsi ist vertrauenswürdig. Er macht alle Reparaturen an meinem kleinen 15-jährigen Peugeot und nimmt einen bezahlbaren Preis. Neben seinem Job in Jerusalem verdient er sich in seiner privaten Werkstatt zuhause etwas Extra. Wer ihn gut kennt weiß das. Ich denke er macht das hauptsächlich für seine Familie und Leute aus seinem Dorf. Aber er ist sehr gut und so ‚was spricht sich herum. Er sagte, ich könne erst mal weiter fahren, er würde inzwischen ein passendes Getriebe auftreiben.

Das tat ich. Nach einer Woche konnte ich kaum noch schalten. Es ratterte und knatterte so stark, dass ich ungeduldig wurde. Genau a diesem Tag erfuhr ich, das Ramsi ein Getriebe gefunden hatte und am Abend das Auto abholen würde. Ich fragte nicht viel, freute mich nur, dass die Sache ihren Lauf nimmt. Ich musste nur noch nach Hause fahren.
Aber genau das schaffte ich nicht mehr. So gefühlvoll ich auch den Schalthebel zu bewegen versuchte, irgendwann gab das Kupplungspedal den Wiederstand auf und blieb schlapp, der Wagen verharrte im Leerlauf. Ich blieb kurz vor Abu Gosh stecken. Es graulte mir davor. Am Telefon sagte mir Nuun ich solle mir keine Sorgen machen, er käme mich abholen. Und das Auto? Keine Sorge! Was heißt hier keine Sorge….?

Da saß ich nun in meinem kleinen, blinkenden Vehikel und bereitete mich auf einen langen Abend vor. Als alleinstehende Frau habe ich einige Erfahrung mit stecken gebliebenen Autos und Abschleppdiensten. Einmal fragte der Abschlepper, ob ich ihn nicht zu einer Tasse Kaffee nach Hause einladen wolle. Er habe ein wenig Zeit. Da er kurz vorher mein Parfüm bewundert hatte, und ich diese Art von ‚Kaffee trinken‘ kenne, zog ich es vor eine Armlänge Abstand von ihm zu halten. Einmal ging der Motor einfach mitten im Tunnel zwischen Gush Etzion und Jerusalem aus. Sofort begann die Huperei hinter mir und ich wurde so nervös, dass ich vergaß wie man wieder zündet. Nachdem ich es geschafft hatte lief der Motor einige Sekunden und saufte dann wieder ab. So bewegte ich mich in kleinen Schüben voran, begleitet von einem Hupkonzert bis zum Ende des Tunnels, wo es endlich Platz zum Anhalten gab. Ich war so gestresst, dass ich erst mal in Tränen ausbrach. Viel Zeit für Selbstmitleid gab ich mir jedoch nicht. Der Abschleppdienst musste gerufen werden. Inzwischen kam ein Armee-Jeep und zwei junge Soldaten erkundigten sich nach meinem Wohlbefinden. Da erst wurde mir klar, dass ich mich unterhalb von Beith Jalla befand, von wo während der zweiten Intifada täglich auf Jerusalem geballert wurde. Ein Autofahrer wurde hier, auf der Brücke zwischen den Tunneln während der Fahrt von einem Scharfschützen erwischt. Die Soldaten leisteten mir Gesellschaft.

Ein anderes Mal, es war spät abends und ich war auf dem Weg meine Tochter abzuholen, wurde das Auto von einem lauten Knall erschüttert, als ich eine riesige Kreuzung überquerte. Dann strömte von allen Seiten etwas, was entweder Rauch oder Dampf hätte sein können. Im ersten Moment verstand ich überhaupt nicht was passiert war und der assoziative Gedanke war ein Anschlag. Mein Wagen schaffte es gerade noch über die Kreuzung, dann kam er zum Halt. Inzwischen war mir klar, dass es keine Bombe war, sondern irgendetwas am Wagen. Trotzdem riss ich die Tür auf und flüchtete, denn es hätte ja tatsaechlich Rauch sein können und ich hatte Angst das Auto würde jeden Moment in die Luft gehen. Einige Meter dahinter sah ich dann eine Wasserspuhr und wie die Flüssigkeit noch aus dem Fahrzeug lief. Es musste ein Wasserschlauch geplatzt sein oder so. Verstört schleppte ich mich zu meinem armseeligen Opel zurück. Vorbeigehende boten mir Hilfe an, aber ich winkte nur stumm ab, setzte mich wieder rein und wartete bis sich mein Puls beruhigt hatte. Dann rief ich den Abschleppdienst. Dieser sollte in zwei Stunden ankommen. Na super! Daraufhin verabredete ich mich mit meiner Tochter in der Innenstadt zum Essen und lief zu Fuß dorthin. 20 Minuten später traf ich sie und wir hatten uns gerade eine Falafel gekauft, da rief der Abschlepper an und sagte er sei schon neben meinem grauen Opel. Aber…. zwei Stunden ?! Im Laufschritt hetzten wir beide zum Auto zurück, damit er nicht wieder weg fuhr.

Es gibt jedoch auch nette Erlebnisse. Auf der Autobahn – und davon gibt es in Israel wenig – ist mir mal die Luft aus einem Reifen entwichen. Das war als ich meine Mutter zum Flughafen brachte. Drei Generationen Frauen mit plattem Reifen auf der Autobahn! Wir müssen wirklich hilflos ausgesehen haben, in unseren sommerlichen Kleidern mit blonden, wehenden Haaren und hohen Schuhen. Innerhalb von 10 Minuten hielten fünf verschiedene Herren an, die sich um das Hilfeleisten rangen. Einer war ganz besonders flink und praktisch begabt. In Windeseile hatte er sein Werkzeug ausgepackt, hatte den Wagen angehoben und den Reifen gewechselt. Meine Mutter, die sich Sorgen gemacht hatte, weil sie ihren Flug nicht verpassen wollte, bot ihm dafür ein wenig Geld an. Er nahm es nicht an. Sie blieb stuhr. Er auch. Beim dritten Mal nahm er den Schein und erklärte er wäre auf dem Weg ins Krankenhaus um eine Knochenspende abzugeben. Er würde das Geld dem Patienten geben. Ich weiß nicht, ob er wirklich ein so guter Mensch war, oder ob er mit dieser Geschichte nur sein Gewissen reinigen wollte, aber das war wirklich egal. Er hatte es verdient.

All diese Geschichten gingen mir durch den Kopf, während ich in meinem kleinen weißen Peugeot mit der schlappen Kupplung am Straßenrand stand und auf Nuun wartete. Wie viele angespannte Stunden habe ich schon in Werkstätten verbracht: wie oft hatte ich hinterher immer ein riesiges Loch im Portemonnaie, aber nicht unbedingt ein einwandfrei funktionierendes Fortbewegungsmittel? Ein Seufzer entrann meinem Innern. Nuun hielt hinter mir an. Ohne viel Zeit zu verlieren drückte er mir seinen Autoschlüssel in die Hand und sagte, er würde mit meinem Auto nach Hause fahren. Ich verstand zwar nicht wie, stieg aber in den Automat Wagen um. Dort verharrte ich und schaute auf den kleinen Schaltwagen vor mir, in der Erwartung Nuun würde gleich wieder aussteigen und mir erklären, es ginge nicht. Stattdessen sah ich wie der Wagen ein wenig hoppelte und dann los fuhr. Weg war er. Jetzt fuhr auch ich schnell los, denn ich wollte in der Nähe sein, wenn er wieder stecken blieb. Aber ich sah ihn erst zuhause wieder. Er fuhr tatsächlich den ganzen Berg hoch ohne Kupplung und das mit beachtlicher Geschwindigkeit. Mein Märchenprinz kommt eben nicht auf einem weißen Ross, sondern in einem kupplungslosen Peogeot! Ich fand es wirklich bewundernswert.

Nuun war Automechaniker in der Armee. Das ist schon lange her, aber er hat dort Dinge gelernt, die man im Leben nicht mehr vergisst – wie z.B. ohne Kupplung zu schalten und alle möglichen Improvisationen, die notwendig sind, wenn man irgendwo im Feld ein Fahrzeug wieder zum Fahren bringen muss. Auch Ramsi traf kurze Zeit später mit seinem Cousin ein. Er fuhr mein Auto weitere 30 km um Jerusalem herum bis zu seinem Ort nördlich davon. Noch am selben Abend besprachen er und Nuun die Reparatur des Autos am Telefon. Vieleicht war es doch nur die Kupplung, was natürlich wesentlich billiger käme. Aber auch das Kupplungskabel war anscheinend gerissen, also einen Tausender würde ich wohl mindestens hinlegen müssen.

Am nächsten Abend war die Reparatur getan. Vor einem Jahr hätten wir das Auto von Ramsis Dorf abgeholt, aber im Moment ist die Gegend zu gefährlich für jüdische Israelis. Ramsi brachte es bis zu unserem Haus zurück. Er hatte das Getriebe nicht ausgewechselt und am Ende auch das Kupplungskabel nicht. Er hat das getan, was getan werden musste und nicht das, was ihm am meisten Geld gebracht hätte. So etwas habe ich noch nie in einer Werkstatt erlebt. Die machen immer irgendwelche Sachen, die man vorher nicht ahnen kann. Woher soll man auch wissen, ob es nötig war oder nicht. Man zahlt, denn man hat keine Wahl.

„Sieh mal was für ein aufrichtiger Mensch!“ sagte Nuun während er seinem arabischen Kumpanen die Hand auf die Schulter legte und mich anschaute. Ich stimmte ihm zu und deshalb habe ich ihm diesen Blog Beitrag gewidmet. Ich rechne es ihm hoch an, denn solche Menschen trifft man nicht oft. Die Hand geben wollte ich ihm nicht. Ich weiß nicht wie religiös er ist und ob er eine fremde Frau berühren darf. Ich weiss aber, dass seine eigene Frau das Haus nicht ohne männliche Begleitung verlassen darf.

Advertisements

8 Gedanken zu “Abschleppen und ähnliche Geschichten aus der Männerwelt

  1. Eine sehr schöne Geschichte. Zum einen erzählt sie uns Europäern, wie sich das Leben in Israel so gestaltet, auch in Hinsichten, die wir uns (noch) gar nicht vorstellen können (Terror etc.). Und zum anderen merkt man dann noch, wie klein doch die Welt ist, sprich, wie sehr sich manche Dinge doch überall gleichen: Wie z.B., dass man etwas Kaputtes zur Werkstatt bringt, und sich darauf verlassen muss, dass die Tätigkeiten und die Preise dort ok sind. Wie wenig ok so Manches ist, das lernt man erst, wenn man Einblick in so Manches erhält, wie z.B., in meinem Fall, wenn man weiß, wie eine Computer-Reparatur oft abläuft, und dabei für Unnötiges viel Geld verlangt wird. Es sei denn, man kennt jemand, so wie z.B. mich, der für Freunde jeglicher Art, alles so günstig wie möglich macht (ohne dass ich mir damit auf die Schulter klopfen möchte).

    Gefällt 4 Personen

    1. Ich freue mich erstens, dass du das alles gelesen hast, obwohl es wieder ziemlich lang ist 🙂 und zweitens, ueber Deinen wunderbaren Kommentar. Du hast Recht, das Leben hier ist dem Leben in anderen westlichen Laendern viel aehnlicher, als man denkt, wenn man Israel nur aus den Medien kennt.
      Leider bringt das auch mit sich, dass viele Leute meinen der Terror in Israel sei anders und habe irgendwie eine gewisse Berechtigung. Das ist Bullshit. Terror ist Ideologie.
      LG
      Ruth

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Ruth,
    Ich mochte Deinen Bericht wieder einmal sehr, zeigt er doch einerseits Gemeinsamkeiten (*seufz* kaputte Autos) und andererseits auch Unterschiede auf und das alles schilderst Du wieder in Deiner sehr liebevollen Art des Schreibens. Gerade den Schluss fand ich lehrreich: Respekt, ebenda, wo Kulturen aufeinandertreffen oder zusammenleben. Danke Dir und einen angenehmen Sonntagabend wünsche ich Dir ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Andrea, erst jetzt sehe ich Deinen lieben Kommentar. Danke. Es ist wichtig zu verstehen, dass das zusammenleben nicht auf allen Ebenen eng sein kann. Und es gibt Konfliktbereiche mir denen man vorsichtig umgehen muss, leicht kommt es zu Konfrontationen und auch damit muss man manchmal umgehen. Das alles geht nur wenn beide Seiten es wollen. Wie Du schon sagtest, wenn beide Seiten mit Respekt ran gehen.
      LG
      Ruth

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s