Die zwei Seiten der Angst

Eine Kurzgeschichte nach wahren Begebenheiten

Mit Genugtuung schaut sie in ihrer Einzimmerwohnung umher. Ihr Blick wandert von der bescheidenen Küche zum vergrößerten Wohnzimmerfenster und zum Ausgang auf den Balkon, von dort weiter durch die offene Badezimmertür auf die Duschkabine. Nachdem ihr Mann gestorben war, hatte sie ihre Ersparnisse in die Renovierung ihrer kleinen Wohnung investiert. Es war eine teure Angelegenheit gewesen, aber es hatte sich gelohnt. Esther wohnte schon viele Jahre in Nachlaot, einem der ältesten Wohnbezirke in West Jerusalem. Von hier ist das Stadtzentrum zu Fuß erreichbar, sowie auch der große Machane Yehuda Markt und der Sacker Park. Die Häuser sind simpel und niedrig, sie stehen nebeneinander, übereinander, durcheinander, dazwischen kleine Höfe, Gärten, Zäune und Treppen, viele Treppen und Wege. Sämtliche Gebäude hier sind entweder renovierungsbedürftig oder schon renoviert. Wenige, einspurige Straßen schlängeln sich zwischendurch. Bewohnt wird die Gegend hauptsächlich von Studenten, Künstlern und orthodoxen Juden.

Gemeinsam mit seinem Vater steigt er in den Wagen des Onkels. Er ist noch ein wenig verschlafen, da er sich in der Nacht nicht von seinem Tablett hatte losreißen können. Dieses Combat 3 war einfach zu spannend. Sein Onkel lacht ein bisschen spöttisch: „Was soll werden aus Dir?“ Achmed hatte letztes Jahr mit der Schule aufgehört, obwohl er erst 16 war. Er war nicht wie seine Schwester, die gern lernte, sondern brachte nur schlechte Ergebnisse. Deshalb hatte sein Vater gesagt er solle lieber arbeiten und Geld nach Hause bringen. Jetzt hilft er seinem Vater, wann immer er gebraucht wird. Achmeds Vater ist Fliesenleger und er wird von ihm den Beruf erlernen. Heute fangen sie ein neues Projekt an, da  gibt es viel Arbeit. Auf dem Weg holen sie noch einen Arbeiter ab. Achmed hofft, dass sie nicht irgendwo von der Polizei angehalten werden – ein Auto voller arabischer Arbeiter. Sie haben zwar nichts zu befürchten, aber angenehm wäre das trotzdem nicht und außerdem weiß man ja nie. Man hört immer so viele Gerüchte.

Esther nimmt einen Schluck von ihrem Kaffee. Im Fernsehen läuft ein Morgenmagazin. Die Sonne scheint durchs Fenster. Mit diesen neuen doppelten Scheiben hört sie von draußen kaum noch etwas. Sie schaut aus dem Fenster. Wie schön die eine Nachbarin ihre Blumentöpfe pflegt und wie vernachlässigt der Hof der anderen aussieht. Die sollten auch endlich mal renovieren.

Die Arbeit ist inzwischen in vollem Gange, der Bauleiter kommt und gibt Anweisungen, prüft, trinkt mit seinen Arbeitern einen Kaffee und man plaudert auf Arabisch, obwohl er Jude ist. Achmeds Onkel kennt ihn seit vielen Jahren. Er sagt, dass er ein guter, fairer Mensch sei. Achmed betrachtet ihn kritisch und glaubt das eigentlich auch. Er kennt wenige Juden, aber immer wird so viel Schlechtes über sie geredet. Viele sagen, alle Juden sind gemein und grausam.
Nach der Kaffeepause soll Achmed woanders hingehen. An der Gartenmauer eines Hauses, wo sie vorher gearbeitet hatten muss etwas ausgebessert werden. Er soll dort die Farbe abspachteln. Achmed läuft nicht gern in jüdischen Gegenden allein herum, er denkt, dass alle Juden die Araber hassen. Aber es ist hier gleich um die Ecke und der Bauleiter selber bringt ihn hin um ihm zu zeigen, was er tun soll. Achmed setzt sich seine Kopfhörer auf und hört auf dem Handy Musik von einer Radio-App. Alle seine Freunde hören dieses Radio. Die spielen Musik, die ihre Eltern nicht verstehen und nicht als Musik ansehen: Hipp-hopp und Rapp auf Arabisch. Der Bauleiter lässt ihn allein und Achmed fängt an zu spachteln.

Das Morgenmagazin wird von einem Newsflash unterbrochen. Ein Anschlag! In Jerusalem. Mindestens ein tödlich Verletzter bei einer Messerattacke. Der Terrorist wurde erschossen. Immer wieder das Gleiche. Esther versucht aus den Fernsehbildern zu erkennen, wo es genau passiert ist. War es in der Nähe? Schon seit gewisser Zeit traut sie sich selten aus dem Haus. Jeden Tag wird jemand auf offener Straße erstochen. Sie starrt auf die Bilder im Fernsehen, dann wendet sie sich wieder dem Fenster zu. Da ist jetzt jemand an der Gartenmauer zur Straße. Was macht der da? War der vorher schon da? Ist es…..? Ja, um Gottes Willen, es ist ein junger Araber! Sie schrickt vom Fenster zurück und spürt ein nervöses Kribbeln im Nacken, das sich langsam über die Schultern ausbreitet und dann den Rücken herunter läuft.

Plötzlich wird die Musik unterbrochen. Ein Newsflash. Ein Palästinenser wurde von Sicherheitskräften erschossen. In Jerusalem. Ein Grund wird nicht genannt. Er war in Achmeds Alter. Achmed fährt erschrocken zusammen. Er reißt sich die Kopfhörer von den Ohren und schaut verschreckt um sich. Er will am liebsten los rennen. Aber er will um Himmels Willen keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vieleicht würden sie auf ihn schießen, nur weil er weg rannte. Zum Glück war da niemand, der schießen konnte. Er schaut zu den Fenstern hoch, ob ihn auch niemand beobachte. Er will nicht mehr allein sein, sondern mit seinem Vater und seinem Onkel und den Anderen. Sein Vater wäre allerdings verärgert, wenn er ihm nicht gehorchte und einfach zurückkäme.

Sie versucht sich zu beruhigen. Tief durchatmen. Nach und nach nähert sie sich nochmals dem Fenster. Sie will ihn beobachten, aber nicht von ihm gesehen werden. Er macht irgendetwas an der Gartenmauer, mit einem Gegenstand, einem spitzen Gegenstand. Ein junger Araber mit einem spitzen Gegenstand vor ihrem Garten! Sie gerät in Panik, wagt nicht zu atmen oder irgendein Geräusch zu machen.  Auf Zehenspitzen schleicht sie erst zum Fernseher und dreht ihn leiser, dann zur Eingangstür und verriegelt sie. Sie erschrickt vor dem Geräusch des Schlüssels. Der da unten darf auf keinen Fall wissen, dass sie hier ist. Sonst ist niemand im Gebäude. Sie will um Hilfe rufen, aber wen soll sie anrufen? Außerdem wäre das viel zu laut und gefährlich.

Das Handy klingelt. Es ist der Vater. Achmed erzählt ihm, was er gehört hat und dass er Angst hat. Dieser ruft ihn zu sich. Sein Sohn sollte sich jetzt besser nicht auf der Strasse in einer jüdischen Gegend aufhalten. Er weiß zwar, dass Uniformierte nicht ohne Grund auf jemanden schießen und schon gar nicht mitten in einer Wohngegend, aber wer weiß. Die Zeiten sind verrückt und Menschen tun verrückte Dinge. Man muss ja das Schicksaal nicht herausfordern.

Vorsichtig schleicht sich Esther wieder an das Fenster. Sie streckt den Hals und zieht die Augenbraun hoch, aber kann den jungen Fremden nicht sehen. Er ist fort. Sie bleibt regungslos und lauscht. Vielleicht ist er jetzt gleich an der Tür. Was tut sie dann? Was ist, wenn er einzubrechen versucht? Minuten vergehen und nichts passiert. Aus dem Fernseher dudelt leise Reklame. Die Sonne scheint ins Fenster.

 

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11 Gedanken zu “Die zwei Seiten der Angst

  1. … dieses Gefühl keinem vertrauen zu können ist schrecklich mit Missverständnissen behaftet… es wird politisch ausgenutzt von allen Parteien , Angst schüren und Sicherheit versprechen, bringt die meisten Wähler… 😦 Herzlichen Dank für deinen Blog Ruth ⭐

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    1. Ja, da hast Du wiedermal vollkommen Recht. Die Angst wird leider ueberall und in alle Richtungen fuer Propaganda ausgenutzt. Das war schon immer so und hat schon immer funktioniert. Aber Angst ist auch wichtig, denn sie schuetzt uns vor Gefahren. Es ging mir in der Geschichte eher darum aufzuzeigen wie real die Angst ist, ob wohl begruendet oder nur durch Geruechte erzeugt, und dass damit umgegangen werden muss. Jeder Einzelne.
      Alles Gute, liebes Blumenmaedel 🙂
      Ruth

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  2. Man sieht, wie wenig das normale Menschsein mit dem zu tun hat, was unsere Realität bestimmt. Man hätte sich gewünscht, Esther hätte es vermocht, Achmed eine Tasse Kaffee zu bringen. Oder Achmed hätte es vermocht, sie zu sehen und ihr zu winken.
    Es bräuchte so viele Kaffeebringer und Winker, um das beiseite zu räumen, was uns oft bestimmt.

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    1. Nun, die gute Esther wusste nicht, dass sie dem jumgen Achmed zwei Wochen vorher Kaffee gebracht hatte, als er bei ihr in der Wohnung renoviert hatte….. Auf der anderen Seite wuerde dass einen hasserfuelten Terroristen auch nicht davon abhalten sie trotzdem zu erstechen.
      In einer idealen Welt, wuedre die Situation so ausgehen, wie Du sie beschrieben hast. Wenn Menschen Engel waeren….
      LG, Ruth

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      1. ja, stimmt schon …. wen die Menschen Engel wären.
        Oder wenn man von Anfang an aufeinander zugehen würde.
        Oder wenn man endlich einmal lernen würde, dass Gewalt immer nur Gegengewalt erzeugt; und all den Unrat, der damit zu tun hat.

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  3. Liebe Ruth, hier einen Gruß von einer Deiner regelmäßigen Blogempfängerinnen. Ich mag besonders solche Alltagsgeschichten, die Kennzeichen einer komplexen Realität sind, wenngleich sie in diesem Fall schlimm ist. Weder Esther noch Ahmed ist etwas vorzuwerfen. Darauf hinzuweisen, wer Angst schürt (und mit welchen Mitteln) und für seine Zwecke ausnutzt, ist sicher ein Anliegen von Dir. In meinem Internetblog schreibe ich auch manchmal über Israel, und darum möchte ich Dich auf meine Einträge vom 8. und 13.2. unter dem Titel „Mentalitäten“ hinweisen.
    Noch mal einen Gruß von der Ostsee AnneAMC

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    1. Hallo, liebe Anne, vielen Dank fuer Deinen Kommentar. Ich habe Deine beiden Beitraege „Mentalitaeten“ mit viel Freude gelesen (habe ich Dir nicht sogar einen Kommentar hinterlassen? Wenn ich wieder etwas mehr Zeit zum Bloggen habe hole ich das nach).
      Ich finde Deinen Kommentar sehr treffend, denn es hilft ueberhaupt nichts immer wieder Schuldige zu suchen und alles nur als Hetze abzutun. Deshalb wollte ich zeigen, wie real und absolut verstaendlich die Angst ist. Was man damit macht, ist eine andere Frage. Und leider wird sie von verschiedenen Seiten geschuert. Aber darum geht es mir weniger, sondern eher darum der Angst ihren Platz zu geben und sie akzeptieren.
      Alles Gute,
      Ruth

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  4. Tag liebe Ruth,
    Ja, das war eigentlich genau was ich meinte bei meinem letzten Kommentar eine Weile zurück… Ich finde das so unglaublich traurig… Wie komt man doch aus so einem Teufelskreis raus?!

    Liebe Grüsse
    Nil

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    1. Ja, das freut mich. Aber die Angst ist als solche nichts Schlechtes, sondern ueberlebensnotwendig. Esther hat Angst, weill Leute willkuerlich angegriffen werden, sie weiss nicht wie sie sich dafuer schuetzen soll und uebertreibt. Achmed hat Angst, weill er Geruecht hoert, deshalb meint er sich schuetzen zu muessen. Aber fuer beide ist es real.
      LG,
      Ruth

      Gefällt 1 Person

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