Das ist überraschend!

Frühlingsputz und Besuch aus Deutschland haben mich in den letzten Wochen vom Bloggerland fern gehalten. Besuch von der Familie ist jedoch ein guter Grund den Alltag für eine Weile umzukrempeln, finde ich. Gestern fragte mich meine Nachbarin, während wir Hamantaschen* zum Kaffee naschten, was meine Gäste am meisten an Israel überrascht habe.

Preise

Als Erstes sind die hohen Preise zu nennen. Es fing damit ab, dass meinem Vater das Preisschild auf seiner morgendlichen Fruchtjoghurt auffiel. „Das ist aber teuer! Du bezahlst ja mehr als ich in Deutschland“. Von da an inspizierte er die Preisschilder aller Lebensmittel und Verbraucherwaren, bis hin zu Elektrogeräten. Alles ist mindestens so teuer oder teurer als in Deutschland, befand er. Nur die Löhne sind wesentlich niedriger.

Wenn die Sirenen heulen

Die Familie meines Bruders war zum ersten Mal in Israel. Sie hatten sich ein Apartment gemietet. Die zwei jungen Mädchen waren enttäuscht, dass es ausgerechnet in ihrem Zimmer kein WLAN gab. Und das, obwohl es in Israel fast überall freien Zugang gibt. Sie hatten den Sicherheitsraum erwischt und das warf eine Menge zusätzlicher Fragen auf. Was ist das für ein Raum? Was macht ihn sicher? Braucht man den wirklich usw. Jede Wohnung in Israel muss mit einem Sicherheitsraum ausgestattet sein, der mit Stahlbeton gebaut ist und dessen Fenster mit zusätzlichen Stahlklappen verschlossen werden können. Er ist Raketensicher und dient als Bunker, wenn es Raketenalarm gibt. Sonst ist es ein normales Zimmer. Was sagt man jemandem auf die Frage, ob er wirklich gebraucht wird ohne demjenigen Angst einzujagen? Vieleicht ist dies die beste Antwort: Nein, wir brauchen den nicht wirklich, aber wenn es keine gäbe, würden wir sie brauchen.

Das Gras ist grüner…

Am ersten Abend luden wir die ganze Truppe in ein Fischrestaurant am Hafen von Jaffa ein (siehe Bild). Kaum saßen wir, da standen auch schon Dutzende von kleinen Schälchen mit den verschiedensten Salaten und Laffa** auf dem Tisch. Die Augen der hungrigen Neuankömmlinge waren so groß wie deren Appetit. In einem anderen Restaurant wurde im Laufe des Abends der Fernseher eingeschaltet – ein Fußballspiel, erste Liga. Ob das in Tel Aviv stattfände, erkundigten sie sich neugierig. Nein, es war in Beer Sheva. „Ah, Beer Sheva, ist das nicht in der Wüste?! Und da haben die so grünen Rasen?“ Darüber mussten sie selbst lachen.

Was Sicherheit und Bewegungsfreiheit miteinander zu tun haben

Erstaunt waren alle, dass man keine Spannung auf den Straßen spürt. Trotz aller Unruhen und fast täglichen Anschlägen irgendwo gegen Soldaten, bewegt man sich im Freien sehr ausgelassen. Business as usual, nirgends ungewöhnliches Militär- oder Polizeiaufgebot. Wenn man Israel nur aus den Medien kennt, kann man manchmal den Eindruck bekommen, es handele sich um eine milde Art von Militärstaat. Vor Ort aber findet man keine Spur davon. Hier in Israel versteht man diese Sichtweise überhaupt nicht. Nach einer Führung durch den Klagemauertunnel (der auch für mich sehr beeindruckend war) mussten wir durch das Muslimische Viertel der Jerusalemer Altstadt zurückkehren. Wir wurden gebeten als Gruppe zusammen zu bleiben. Die Touristen bemerkten nicht, dass wir von Sicherheitsleuten begleitet wurden. Die jungen Männer waren ganz normal sportlich gekleidet. Mir fiel das geringelte Kabel auf, das vom Ohr in den Kragen führte. Am Gürtel hatten sie kleine, dicke Päckchen, die von der schwarzen Jacke verdeckt waren – Pistolenhalter. Ihre Jacken waren ungewöhnlich steif und gepolstert – schusssichere Westen. Die Blicke der Beschützer, von denen einer vorweg, der andere hinterher ging, schweiften aufmerksam und unermüdlich umher, nahmen jede Person, jede Bewegung wahr.

Extremes

Verblüfft waren meine Besucher noch über die  Flaschensammler in den Straßen von Tel Aviv und Jerusalem. Es gäbe in Deutschland auch Leute, die Pfandflaschen von überall einsammeln, aber sie füllen damit nicht ganze Einkaufswagen.

Auch die enorm gut ausgebauten und beleuchteten Autobahnen waren unerwartet.

Nicht zuletzt das Wetter und die Wüste brachten meine Besucher zum Staunen. Es war wohl etwas enttäuschend, denn niemand hatte damit gerechnet abends sogar mit Jacke zu frieren. Die Temperaturunterschiede sind eben extrem. Am Toten Meer boten 30 Grad dann eine gewisse Entschädigung. Allerdings fand man statt der kargen Wüste dort zu dieser Jahreszeit in grünlichen Flaum gehüllte Berge.

 

*Hamantaschen sind dreieckige Kekse, die zu Purim, dem jüdischen Faschingsfest gegessen werden. Sie sind mit Mohn, Schokolade, Datteln oder Nüssen gefüllt.

**Laffa ist ein Fladenbrot

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23 Gedanken zu “Das ist überraschend!

      1. …. rot werd ……..
        Aber mal ehrlich …… man sollte schon offen sein für die Wahrheiten. Schließlich gibt es genug Menschen, die nur aus Prinzip gegen etwas sind. Wo uns das hinführt, das sehen wir ja alle.

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  1. Ich sehe ich bin nicht die erste die, die Hamantaschen probieren will… 😀 Glaubst du, die könnte man vielleicht in einem arabischen Supermarkt bekommen?

    Zu dem Bunkerschutzraum, ich würde jedem die Wahrheit sagen. Ich wurde damit ebenfalls konfrontiert während eines Austauschprogramm. Lustig war anders, aber lehrreich allemal….

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    1. haha, nein, in einem arabischen Supermarkt nicht – ein Muslim, der jüdisches Gebäck verkauft? Der müsste, wenn nicht um sein Leben, dann wenigstens um sein Geschaeft bangen. Aber in einbem jüdischen Laden findet man sie auf jeden Fall. Allerdings würde ich die nicht empfehlen, denn die sollten schon frisch sein. Wie wäre es mit selber backen?

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      1. Nun ja, hier im Norden sind die meisten Besitzer von arabischen Supermärkten noch nicht einmal Araber geschweige denn Muslime :p Aber ich kann deine Frage verstehen… Jepp, so siehts aus ab in die Küche. Danke fürs Rezept! Der letze jüdische Bäcker hat leider vor Weihnachten zu machen müssen 😦

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      2. Ach du meine Güte! Nein so meinte ich dass nicht! Einfach nicht genügend unsatz gemacht. Wir haben nämlich schon ein jüdischen Weinladen/ Bistrot hier in der Nähe und das ist eben alt eingesessener, nur haben die keine Hammantaschen…

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  2. Danke für den tollen Bericht.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass du schon einen gewissen Blick hast und die Leute erkennst.
    Einem normalen Touristen wird das eher nicht auffallen.

    Allein der geschärfte Blick zeigt, dass es eher nicht „normal“ ist, oder eben, wenn man die Tatsachen betrachtet, doch irgendwie normal.

    Hat wirklich jede Wohnung einen solchen Raum? Schon Wahnsinn…

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    1. Hallo Ilanah, ja auf jeden Fall. Nach dem Golfkrieg wurde gesetzlich festgelegt, dass alle Wohnhäuser, die gebaut werden mit Sicherheitsräumen ausgestattet sein müssen. Ohne Sicherheitsraum gibt es einfach keine Baugenehmigung. Aber auch in diesem Fall: ein solcher Raum faellt Einem kaum auf. Nur in dem Moment, wo man die Tür schliessen will stellt man fest, dass sie ungewöhnliuch dick und schwer ist. Im Golfkrieg war man auf Bunker angewiesen, die man nicht rechtzeitig erreichen konnte, da die Zeit zwischen Sirene und Raketeneinschlag nur wenige Minuten betrug. Auch waren die Bunker vorher über lange Jahre unbenutzt gewesen und taugten daher nicht viel. Ausserdem waren sie gegen Giftgase nicht gesichert.
      Heute können wir ruhiger schlafen. Viele Familien legen ihre Schlafzimer in den Sicherheitsraum.

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      1. Klingt schon irgendwie gespentisch. Aber es ist nachvollziehbar. Ich würde wohl auch das Schlafzimmer dorthin verlegen.

        Eine Bekannte sagte neulich, dass viele junge Israeli das Land verlassen, weil sie den Terror leid sind und hoffen, dass sie anderswo Fuß fassen können. Traurig!!

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  3. Liebe Ruth,
    also Dein nächster Blogeintrag müßte wohl das Rezept für die Hamantaschen sein – die würde ich wirklich gern nachbacken, und einige andere Leser sicher auch gern. Ansonsten aber ganz lieben Dank für Deine detaillierte Beschreibung. Ja, es wird bei uns in den Medien etwas anders dargestellt. Und irgendwann werd ich meine Reise um die Welt antreten, und mir selbst vor Ort ein Bild machen können.
    Liebe Grüße aus dem sehr ruhigen Dänenland.
    Andrea

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