Ein schlechtes Beispiel

Weiß jemand wie viele Menschen auf der Welt jeden Tag durch die Hand eines anderen Menschen ihr Leben verlieren? Ich auch nicht. Will es auch nicht wissen, denn ich denke diese Zahl würde mich total deprimieren. Und wer kümmert sich schon darum, wenn irgendwo kriminelle Banden sich gegenseitig beklauen, betrügen, bedrohen und auch umbringen. Oder wenn der Drogenkrieg seine Opfer nimmt, die Elfenbein- und andere Schmuggler ihre schmutzigen Geschäfte mit ihrem eigenen Leben zu verteidigen bereit sind. Da gehen sie dann schon mal selber bei drauf, oder sonst die vermeintlichen Gesetzeshüter oder Rivalen. Niemand verliert schlaflose Nächte über die vielen minderjährigen Mädchen, die in Bordells in Ländern wie Cambodia oder Nigeria ihr würdeloses Leben lassen müssen. Oder die kleinen Buben, die sich irgendwo im riesigen China und Umgebung oder im reichen Orient zu Tode arbeiten oder in koreanischen Gefängnissen verschwinden.

Sind deren Leben weniger wert? Oder warum scheren sich die Medien um diese weniger als um die Opfer des Syrienkrieges oder der blutigen Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Gruppen in Pakistan. Oder um die Homosexuellen, die in Saudi Arabien gehängt werden, die vergewaltigten Frauen, die gesteinigt werden, oder um die Schwarzen in Amerika, die dort durch zu große Trigger-Freude umkommen? Ehrlich gesagt zählt auch diese keiner wirklich, sie gehören bereits zum Alltag. Jedes Land hat anscheinend seine eigentümlichen Alltagstötungen. Jede Region hat auch sein eigenes Maß an Brutalität und Gefahren. Man ist daran gewöhnt, man schützt sich davor, wie man kann.

Israel ist natürlich keine Ausnahme. Es gibt Eifersuchtsmorde, Bandenmorde und all diese Nebenerscheinungen der menschlichen Gesellschaft, wie im Rest der liberalen Welt. Davon geht für die meisten von uns keine besondere Gefahr aus. Der Gefahrenfaktor in Israel sind die Hassmorde. Die Morde, die auf offener Straße geschehen und vollkommen willkürlich diejenigen Treffen, die sich gerade in greifbarer – oder präziser gesagt in stechbarer Nähe aufhalten. Glücklicherweise gelingen diese nicht oft. Und dank verbesserter Sicherheitsmaßnahmen treffen sie in letzter Zeit hauptsächlich Soldaten oder andere Sicherheitskräfte, die sich wehren können und sie geschehen an bestimmten Reibungspunkten. Das sind zum Beispiel Kontrollstellen oder Hebron oder das Damaskus Tor zur Jerusalemer Altstadt. An letzterem lungern inzwischen schon die Journalisten herum und warten darauf, dass es etwas zu fotografieren gibt. Es bietet sich wirklich an, denn der Platz vor dem Tor wirkt mit seinen tribünenartigen Treppen wie ein Amphitheater. Stageset für die nächste Messerstechattacke. Ein gefundenes Fressen für den ehrgeizigen Medienfotographen.

Doch ist es wirklich die Messerattacke, die diese geduldigen Korrespondenten auf die Platte bannen wollen? Eine Terrorattacke mehr oder weniger in Israel, ist doch ein alter Hut. Vor allem jetzt, da der Terror upgegradet hat und Paris, Brüssel und Istanbul ins Visier genommen hat. Das ist noch was für die Titelseite. Nein, worauf diese Nachrichten-begierigen warten ist einen Israelischen Soldaten beim Abknallen eines Angreifers zu erwischen. Damit kann man noch Schlagzeilen machen. Darauf kann man eine Geschichte aufbauen, die die Leser lesen wollen.

Genau eine solche alltägliche Geschichte eines potentiellen Hassmordes entfaltete sich in Hebron vor einigen Wochen: Eine Messerattacke, zwei Angreifer wurden von den angegriffenen Soldaten überwältigt. Bis hier nichts Erwähnenswertes. Aber dann geschah das, was die Medien die Ohren spitzen lies und später auch die Zungen der Kommentierer und Blogger: ein weiteren Schuss, der einen der Außer-Gefecht-Gesetzten zum Shahid machte. Und schon begann die Lawine der Israelkritik den Medienberg hinunter zu rollen.

Der Soldat wurde schnell zum Mörder erklärt und stellvertretend für alle Israelischen Soldaten hingestellt. In Israel sei das Leben eines Palästinensers nichts wert, das werde dadurch wieder einmal deutlich. Die würden unterdrückt und gedemütigt, hätten keine Rechte und keine Hoffnung, diese armen, hilflosen Menschen! Dieser Vorfall sei ein Beweis, dass die ‚Israelkritiker‘ Recht haben. Er zeige wie brutal die Israelische Armee wirklich vorgehe. Und die Bevölkerung sehe diesen Palästinenser-Mörder als Held an. Dieser Vorfall lassse keinen Zweifel: Israel ist ein rassistisches Land, ein Apartheitsstaat und die Armee begeht Völkermord!

Jap! So schnell kann das gehen. Mit einer einzigen Fehlentscheidung hat der Bursche sein ganzes Land in die Schieße gezogen. Das soll ihm mal Einer nachmachen. Nicht einmal ein IS Kämpfer würde es schaffen die Medien (vor allem die Sozialen Medien) mit solcher Leichtigkeit davon zu überzeugen, dass seine gesamte Organisation aus hasserfüllten Rassisten besteht. Denn bei denen handelt es sich ja schließlich um verirrte Seelen, die der Gehirnwäsche von Bösen zum Opfer gefallen sind. Aber das geht jetzt ein wenig am Thema vorbei.

Ich will die Taten des Soldaten nicht rechtfertigen. Ich will das noch nicht einmal diskutieren, geschweige denn darüber urteilen. Das überlasse ich den Richtern. Wie in jedem ordentlichen Rechtsstaat wird sich der junge Mann vor Gericht rechtfertigen müssen. Nur wenn er die Justiz davon überzeugen kann, dass handfester Verdacht bestand, dass der Angreifer noch eine Gefahr darstellte, hat er eine Chance davon zu kommen. Den Berichten zufolge gab es diesen Verdacht nicht, aber wer weiß, es wäre nicht das erste Mal das Einer wieder aufgestanden ist um seine Tötungsmission zu vollenden, wohl wissend, dass sein eigenes Leben in dieser Welt damit beendet wäre. Denn das ist es, was diese Menschen in diesem Moment treibt, das alleinige Ziel zu töten. Ohne Ehrfurcht vor ihrem eigenen hiesigen Leben, besessen von dem Drang Leben zu nehmen, um als Märtyrer gefeiert zu werden bewaffnen sie sich mit Messern und gehen in hoffnungsloser Lebensmüdigkeit auf Andere los. Sie lassen nicht ab, bis sie ihr Ziel erreicht haben oder gestoppt werden.

Wie in jedem Land, in dem es Meinungs- und Pressefreiheit gibt entfachte in Israel eine heiße und anhaltende Diskussion über diesen Vorfall. Die Meinungen gehen weit auseinander. Von einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft sollte man das nicht anders erwarten. Auf der einen Seite des Spektrums wird der Soldat als Rambo verstanden, auf der anderen Seite als Faschist beschimpft. Die breite Masse der Ansichten befindet sich irgendwo in der Mitte. Aber Eines ist dieser Vorfall ganz sicher nicht: ein Grund die Israelische Armee des Völkermordes anzuklagen und die gesamte Israelische Gesellschaft als rassistisch einzustufen. Dieser eine Fall ist auch kein Beweis dafür, dass das Menschenleben eines Palästinensers nichts wert ist. Außer natürlich in den Augen derer, die selbst davon träumen Shahid zu werden. Die würdigen ihren eigenen Tod und den ihrer Landsleute mehr als deren Leben. Das Leben ihrer Opfer ist in dem Moment etwas wert, wo sie es genommen haben.

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4 Gedanken zu “Ein schlechtes Beispiel

  1. Wenn mich dieser Fall eines gelehrt hat, dann das, dass man mit pauschalen Beurteilungen sehr vorsichtig sein sollte, erst recht dann, wenn man nicht alle Hintergründe kennt, und erst recht dann, wenn man nur die Schlagzeilen kennt, und keine ernsthaften Hintergrundberichte.
    Ein Gericht wird wohl ein gerechtes Urteil fällen, doch das hilft immer noch nicht dabei, von außerhalb das Ganze moralisch beurteilen zu können.
    Es ist die Krux der heutigen Zeit, dass man SOFORT über ALLES informiert wird, was geschieht. Um urteilen zu können, im Sinne von Moral und gerechtfertig, müsste man sehr viel mehr wissen. Aber es macht sich fast keiner die Mühe, sich dieses Wissen zu beschaffen; woraus man auch niemandem einen Vorwurf machen kann, weil jeder mit dem eigenen Leben genug zu schaffen hat.
    Früher hat man das Alles gar nicht gewusst, weil einen die Info schlicht nicht erreichte. Wer wusste im Jahr 1900 schon, was in Arabien passierte. Und wenn, dann erst mit wochenlanger Verzögerung.
    Heute erfahren wir darüber sofort, aber eben nur einen Teil vom Ganzen.
    Und genau DAS scheint das Problem.

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank fur Deinen Kommentar. Du hast mir gearde gezeigt, dass mein Bloggen einen Sinn hat. Das ist sehr bedeutend.
      Ich denke Du hast vollkommen Recht. Der Ueberfluss der schnellen und kurzen Informationen ist problematisch. Wenn es um Israel geht spielt jedoch noch Einiges mehr mit. Zum Beispiel die BDS-Bewegung, die jede negative Meldung aus Israel aufblaest wie einen Ballon und einseitig negative Rhetorik in den allgemeinen Sprachgebrauch einfuehrt.
      Und dann sind da Vorurteile gegen Juden. Dazu habe ich gerade einen interessanten Artikel gelesen.
      Ich denke man sollte versuchen so wenig wie moeglich zu urteilen. Warum muss man urteilen? Es aendert nichts, es hilft niemandem, und man gewinnt selber auch nichts daran. Eine juedische Weisheit sagt: „Solange Du nicht mindestens eine Meile in den Schuhen eines anderen gelaufen bist, urteile nicht ueber seine Beschwerden.“ (frei uebersetzt, will sagen: Du kannst nie wissen was ein Anderer durchmacht, denn Du steckst nicht in seiner Haut)
      LG
      Ruth

      Gefällt 1 Person

      1. Ich glaube, man muss nicht urteilen. Vll machen das Viele, um sich selbst in ein besseres Licht zu stellen. Ich kann letztlich nur für mich sprechen, wenn ich sage, ich versuche nicht zu urteilen, obwohl ich mich nicht frei davon spreche, manchmal in dieses Verhalten zu fallen. Nein, ich versuche mich selbst und ev. auch andere (durch Überzeugen) weiter zu bringen, und die Welt besser zu machen. Ich weiß, ein in manchen Augen übertriebenes Unterfangen. Aber wozu wären wir auf der Welt, wenn nicht DAZU.
        Was speziell Israel angeht, so gibt es da, in der öffentlichen Wahrnehmung ein Problem. Genauso wie es ein Problem gibt, wenn sowas in D passieren würde. In irgendeinem „neutralen“ Land, könnte man ganz offen sagen, was man davon hält, ohne dass man in eine Ecke gestellt wird.
        Aber davon abgesehen, ist es tatsächlich so, wie ich sagte, dass Teilinformationen ein verzerrtes Bild ergeben. Erst recht dann, wenn auf Grund einer Vorgeschichte (en detail oder so ganz generell) eine ausführlichere Betrachtung notwendig wäre.

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