Made in Israel

„It’s not from China. This is good quality – made in Israel“ Beteuert der Verkäufer immer wieder in seinem arabischen Akzent. Dabei nickt er heftig mit dem Kopf. Er muss den geforderten Preis rechtfertigen und in seinen Augen steht eine Mischung aus Fordern und Flehen. Verständlich, die Geschäfte sind denkbar schlecht hier im Suk der Jerusalemer Altstadt. Wenig sind die Besucher, die hier her kommen und noch weniger sind es, die etwas zu kaufen bereit sind. Christliche Gruppen eilen vorbei auf dem Weg zur Grabeskirche, andere vereinzelte Touristen schlendern zwischen den aneinander gereihten, mit Waren überfüllten, winzigen Läden umher. Die Ladeninhaber sitzen an den Eingängen und knabbern Sonnenblumenkerne, deren Schalen sie auf das grobe Gestein der engen Straßen spucken. Sie sehen müde aus, schauen den Vorbeilaufenden hinterher, gelegentlich sprechen sie mal jemanden an, sonst plaudern sie gelangweilt miteinander.

Vorbei sind die Zeiten, da sich Menschen aus aller Welt durch die Gassen zwängten. Man musste sich an den Händen halten, damit man nicht voneinander getrennt wurde und sich hoffnungslos in dem Gewirr verlor. Der Suk erschien mir damals riesig. Unzählige kleine Straßen mit Lärm, Leuten und unglaublich viel Krimskrams zu kaufen. Man konnte sich dort stundenlang aufhalten und wurde ständig angequatscht: „welcome; half price; how are you“. Die Erfahrenen konnten das auch in Deutsch, Spanisch und anderen geläufigen Mundarten. Sie waren geübt darin, die verschiedenen Sprachen zu erkennen ohne sie zu verstehen. Man musste aufpassen sich nicht zu verlaufen. Der Suk war eine Welt für sich, voll Leben, voll Stimmen, voll mit Gerüchen und Eindrücken. Heute ist das alles anders. In Minuten durchquert man die Altstadt vom Jaffator zur Klagemauer. Viele Läden sind geschlossen, nur die beiden Hauptstraßen des Suks sind noch belebt und hell beleuchtet. Sobald man sich von diesen ein wenig entfernt, findet man geschlossenen Jalousien und verriegelte Stahltüren. Fast gespenstisch muten die Gemäuer an, Katzen huschen aus irgendwelchen Ecken hervor, dunkle Treppeneingänge riechen muffig.

Der Verkäufer hat das Sweatshirt auf dem Tisch ausgebreitet. „Business is bad,“ sagt er etwas kleinlaut „people don’t come here now.“ Er schaut uns mitleiderregend an. Es ist wirklich traurig. Die Leute hier haben es schwer ihr Brot zu verdienen. Sie hatten immer vom Tourismus gelebt. Jetzt sind sie wieder auf die Anwohner angewiesen, aber von denen können sie keine Preise verlangen.

„Here, you see, touch!“ er streicht über das ausgebreitete Kleidungsstück. „This is good quality, it’s made in Israel. Not like what you buy in the store, from China…“ Meine junge Freundin möchte es kaufen und es wird Zeit sich einzumischen. Ich schaue den Verkäufer misstrauisch an. Bluffen können sie noch genauso gut wie früher, vielleicht sogar besser. Es gibt in Israel keine Textilindustrie mehr. Schon vor Jahren wurden die letzten Fabriken im Negev und im hohen Norden geschlossen. Die Produktion wurde nach Asien oder vielleicht nach Jordanien verlegt, wo Arbeitskräfte billig sind. Israel ist ein teures Land. Ich frage ihn, wo genau die Kleidung hergestellt wird und er sagt Tel Aviv. Da kann ich mir das Lachen nicht ganz verkneifen. Ich versuche nicht respektlos zu erscheinen, aber das ist doch etwas dick aufgetragen. Ich diskutiere mit dem Verkäufer, denn jetzt will ich es wirklich wissen. Er beharrt darauf, dass die Kleidung in Israel hergestellt wird. Ich bestreite und will den Ort wissen. Irgendwann sagt er: „Beth Jalla, we have a factory in Beth Jalla“. Das ergibt schon mehr Sinn. Ich zögre einen Moment, will ihn provozierend fragen ob das nicht „Palästina“ ist, aber verkneife es mir.

Beth Jalla liegt am südlichen Ende außerhalb von Jerusalem. Auf dem Weg nach Hebron, östlich der Tunnelstraße nach Efrat und Gush Etzion. Von hier wurde während der zweiten Intifada wochen- und monatelang nach Jerusalem rein geschossen. Jeden Abend war Beth Jalla damals in den Nachrichten und ganze Familien verließen ihre Wohnungen im Bezirk Giloh, aus Angst der nächste Schuss würde im eigenen Kinderzimmer landen. Es ist eigentlich ein christliches Dorf, aber damals hatten sich Muslime dort eingenistet, die Terrorgruppen angehören und brachten die ganze Gegend in Unsicherheit. Um Giloh wurde eine provisorische Schutzmauer aufgebaut, die später wieder demontiert werden konnte. Heute ist es friedlich und durchaus möglich, dass es dort eine Textilfabrik gibt. Würde diese Kleidung nach Europa ausgeführt, müsste sie markiert werden, denn sie kommt aus den umstrittenen Gebieten (ach nein, das gilt nur für jüdische Unternehmen und das trifft in diesem Fall wohl nicht zu). Aber sie werden in der Jerusalemer Altstadt an Touristen verkauft und als israelisches Qualitätsprodukt angeprangert. So kleidet sich die Realität immer für den entsprechenden Anlass, je nach Ort und Gesellschaft.

Nachdem wir den Preis ein wenig herunter gehandelt haben, kauft meine Freundin ein Sweatshirt mit Aufdruck – etwas mit und von Jerusalem.

© Foto: Genoveva Dünziger.

 

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12 Gedanken zu “Made in Israel

  1. ich habe neulich gelesen,dass es jetzt einen israelischen Whiskey gibt ! Ich mag Deine Berichte so gern, endlich bekommt man einen Eindruck und nicht nur politisch motivierte Berichte. Liebe Grüße, Ann

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