Eine Schweigeminute

Heute ist Holocaust Gedenktag in Israel – Yom HaSchoah.
Alle Radiosender spielen den ganzen Tag lang wunderschön-traurige Lieder. Im Fernsehen werden Filme zum Thema gesendet und Überlebende erzählen ihre Geschichten. Es sind die fantastischsten Geschichten, die ich kenne. Jedes Jahr wieder bin ich fasziniert von der Vielfalt an Schicksälen. Es sind Geschichten von unglaublicher Grausamkeit, aber auch von unübertrefflicher Freundschaft und Hilfsbereitschaft, von Helden und von menschlichem Überlebensstärke, von Kreativität, von Mut und vom Leiden. Es ist ein trauriger Tag, aber es ist ein wichtiger Tag um sich daran zu erinnern wozu der Mensch fähig ist – positiv und negativ.
Gestern Abend und heute Vormittag finden überall Gedenkzeremonien statt. Um 10:00 Uhr werden die Sirenen für eine Gedenkminute heulen. Das gesamte Land stoppt sein Tagesgeschehen. Man hält inne, steht auf und senkt den Kopf.

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Quelle: https://twitter.com/HistoryFlick/status/693651352661200896 Quelle:
https://twitter.com/HistoryFlick/status/693651352661200896

Wenn wir für jedes Opfer des Holocaust eine Schweigeminute einhielten, würden wir elfeinhalb Jahre schweigen.

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11 Gedanken zu “Eine Schweigeminute

  1. Ich sage das jetzt nicht, weil ich Deutscher bin, sondern weil allgemein gültig:
    Dieses Gedenken, Erinnern etc. ist notwendig, damit so etwas nie wieder passieren kann, und auch um derer zu gedenken, die daran zu Grunde gehen. Ohne Wenn und Aber ist das so.
    Ich denke das nicht, weil ich Nachkomme jener Menschen bin, die das verbrochen haben. Es war vor meiner Geburt. Wenn ich 20 KM weiter zur Welt gekommen wäre, wie ich heute lebe, dann wäre das nicht in Deutschland gewesen, und niemand würde vermuten, dass ich damit moralisch zu tun haben müsste.
    Meine beiden Großväter waren im Krieg. Beide kamen zurück. Sie waren nicht dort, weil sie das wollten oder weil es schön war. Und beide kamen nicht unversehrt zurück; das kann man nun wirklich nicht sagen. NICHTS im Vergleich zu dem, was ansonsten passiert ist.
    Nichtsdestotrotz ist der Greuel zu Gedenken, die von deutschem Boden ausgegangen sind, und alles dafür zu tun, dass es nirgendwo auf der Welt wieder dazu kommt. Wobei man dazu sagen muss, dass es seither immer wieder dazu gekommen ist.
    Aber ich bin auch ein klein wenig stolz darauf, einer Bevölkerung anzugehören, die MIT dafür verantwortlich ist, dass Europa in Frieden lebt.

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    1. Danke fuer Deinen Kommentar. Sehr schoen geschrieben.
      Jahrelang war dieser Tag fuer mich unglaublich schwierig. Jedes Jahr spuehrte ich eine Abneigung davor mir die tragischen Geschichten wieder anhoeren zu muessen und die Bilder vor Augen halten zu muessen. Aber jedesmal war ich froh, dass ich es getan hatte, denn jedesmal lernte ich etwas Neues dazu. Die Geschichte eines jeden Einzelnen ist einzigartig. Heute bin ich eher neugierig auf die Geschichten. Und uebrigens finde ich auch, dass die Geschichten der Deutschen nicht genug erzaehlt werden. Du hast vollkommen Recht, dass die Deutschen auch gelitten haben. Man braucht das nicht zu vergleichen. Es war eine verrueckte und furchtbare Zeit fuer Alle.
      Gestern sprach ein Ueberlebender darueber, dass er heute die jungen Deutschen verstehen koenne, die damals der Hitlerjugend mit Begeisterung beigetreten sind, denn in der schlechten Zeit hatte diese viel zu bieten. Ich fand es absolut bewundernswert von ihm und sehr wichtig fuer uns zu verstehen. Je schlechter und verwirrender die Zeiten, desto leichter hat es das Boese sich als Gutes zu tarnen.
      LG
      Ruth

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  2. Ja, ein besonderer Tag. Das Erzählen der Geschichten finde ich besonders wichtig. Allein schon, dass die Betroffenen die Geschichten erzählen können, hat eine kathartische Wirkung. Es gibt ja so viele Menschen auf allen Seiten, die ihre Geschichte aus dieser Zeit nicht erzählen können oder wollen.

    Ich habe mehrmals Zeitzeugen vor großen Gruppen von Jugendlichen ihre Geschichten erzählen gehört. Menschen, die hoch in den 80ern sind und trotzdem regelmäßig in Schulen gehen um ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Schwer auszuhalten, aber wichtig. Die Jugendlichen gehören zur dritten oder vierten Generation nach dem Krieg und viele haben das kollektive Trauma immer noch.

    In Österreich ist derzeit die Wirtschaftslage schlecht, es gibt sehr viele Arbeitslose, die Konjuktur zieht nicht an. Bemerkenswert finde ich, dass immer wieder darauf hingewiesen wird, dass die Lage schlecht ist, aber doch nicht so schlecht wie in den 1930er-Jahren. Es klingt manchmal wie eine Beschwörungsformel …

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    1. Hallo liebe Aghate,
      Wie konnte ich Deinen Kommentar übersehen? Entschuldigung!
      Das erzählen der persönlichen Geschichten finde ich sehr wichtig und powervoll. Aber nicht weniger wichtig finde ich zu untersuchen und erkennen welche Entwicklungen zu diesem ganzen Grauen geführt haben. Und da kommt unter anderem dann die Sache mit der schwierigen Lage ins Spiel, und das Sehnen nach dem „starken Mann“. Sehr beunruhigend !
      Lass Dich bald wieder hier sehen. Meine Beiträge sind normalerweise eher positiv. Ich freue mich auf Deinen Besuch.
      Liebe Grüße,
      Ruth

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      1. Hallo Ruth, Das kann doch passieren. Freut mich dich kennenzulernen ! Ich bin nicht unbedingt regelmäßig hier, werde aber gerne bei dir vorbeischauen … Liebe Grüße

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  3. Was dieser Tag, was das Gedenken bedeutet, für jeden Einzelnen, für die Allgemeinheit? Es ist eine Gratwanderung bei der man vieles falsch machen kann. Ich habe mir als Kriterium die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit gesetzt. Wie es auch anderen ergeht: ich selbst empfinde nur Machtlosigkeit angesicht dessen, was ´Erinnern und der Bezug zur heutigen Zeit´ betrifft. Was ich aber nicht mache: Kommentare wie ihn heute der DLF anlässlich von Yom Ha´Schoah brachte, unwidersprochen lassen. (Hörerbrief in meinem Blog)

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    1. Ich finde das ist weniger kompliziert, als es oft gemacht wird. Indem man sich die persönlicher Geschichten der Einzelnen anhört oder liest kann man sich mit den Menschen in der Zeit identifizieren. Dafür muss man offen sein und das ist nicht leicht. Es schmerzt, es bringt Schuldgefühle und Ohnmachtsgefühle. All das ist Teil des Lebens.
      Um jedoch zu verstehen, wie es zu all dem kommen konnte muss man sich auch immer wieder bewusst machen, was Menschen dazu getrieben hat so grausam zu sein. Das ist noch viel schwieriger. Denn damit will sich keiner identifizieren. Aber ganz normale Menschen haben sich dazu verleiten lassen unglaublich unmenschlich zu handeln.
      Ich werde jetzt Deinen Hörerbrief lessen.
      Tut mir leid, dass ich das bisher noch nicht getan habe.
      Liebe Grüße
      Ruth

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    1. Ja, liebe Ilanah, mir macht das auch Angst. Vor allem macht es mir Angst, über den Grund dafür nachzugrübeln. Welches Interesse verfolgt jemand, der den Holocaust leugnet?
      LG
      Ruth

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      1. Mir macht es auch Angst.
        Tja, welches Interesse könnte dahinter stecken, das frage ich mich auch öfter, aber eine Antwort habe ich nicht gefunden.

        Wenn ein normal-denkender Mensch das leugnet, dann ist es vielleicht große Scham oder Angst.
        Aber bei denen, die so verbohrt sind und ewig-gestrig, da gibt es keine Scham oder Angst.

        In allen Schulen, die ich besucht habe, gab es den Holocaust quasi nicht.
        In der ersten, da kam nach dem ersten Weltkrieg gleich Adenauer.
        In der zweiten schule, wo ich die mittlere Reife machte, gab es den Holocaust auch nicht.

        Und in der Schwesternschule, wo ich die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester machte, gab es diese Zeit auch nicht, dabei wäre die Medizin im Nationalsozialismus ein wichtiges Thema gewesen.

        ich war knapp 20 Jahre alt als ich den Namen Adolf das erste Mal hörte, in einem privaten Umfeld, andere Schwesternschülerinnen sagten öfter „der Adolf“, bis ich mal fragte, wer denn gemeint sei.

        Die staunten nicht schlecht, weil ich nicht wußte worum es ging.

        Damals machte ich gerade mein Examen, danach fing ich an zu lesen, was ich in die Finger bekam, ich war total entsetzt, über das, was passiert ist, aber auch darüber, dass man uns, also mir und meinen Mitschülern, das alles verheimlicht hat, bzw. nicht vermittelt hat. Ich bin 1965 eingeschult worden, es war also lang genug nach dieser Zeit, so dass man ruhig darüber hätte reden können.

        Hast du eine Idee, was hinter der Holocaus-Leugnung stecken könnte?

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