Babies im Plastikkoffer und Eltern mit Monsterfratzen

Das Jahr ist 1991.

Meine Tochter war knapp ein Jahr alt, ich war gerade im Begriff mich von ihrem Vater zu trennen. Noch lebten wir als Familie gemeinsam in der kleinen Zweizimmerwohnung. Der Kibbutz hatte ihm bereits eine andere zugeteilt und war damit beschäftigt die Formalitäten unserer Trennung abzuwickeln.

Das Land hatte jedoch ganz andere Probleme. In Kuweit tobte der Golfkrieg und Israel war in den Schlamassel mit rein gezogen worden. Warum auch nicht? Wenn’s geht, immer auf die Juden! Die Scud-Raketen flogen bis in die Küstengebiete und manchmal auch darüber hinaus bis ins Mittelmeer. Sie richteten nicht allzu viel Schaden an, aber sorgten für Panik und fürchterlich viel Angst. Die größte Angst war, das die Sprengköpfe mit chemischen Substanzen versehen sein könnten, was für unser winziges Land absolut katastrophale Folgen gehabt hätte.

So waren alle in Israel lebenden Menschen mit Gasmasken ausgestattet worden. Diese musste jeder ständig bei sich tragen. Wenn man zur Arbeit ging, in der Schule, im Bus, in den Supermärkten, auf der Straße. Man war inzwischen daran gewöhnt, dass Jeder einen rechteckigen braunen Karton mit einem schwarzen Plastikriemen über die Schulter trug. Wenn man jemanden ohne sah, merkte man sofort, dass etwas fehlte, ohne sich bewusst zu sein, was.

Natürlich hatte jeder seine ganz persönliche Maske und zur Identifizierung waren auf jedem Karton der Name und die ID Nummer des Besitzers geschrieben. Um sich mit dem hässlichen Ding etwas besser anzufreunden, gestalteten Viele diesen unerwünschten Schmuck künstlerisch um. Man bemalte und beklebte sie mit allerlei farbenfrohem Schnickschnack; Dann hatte man wenigstens das Gefühl ein persönliches Statement damit machen zu können und einen modischen Artikel mit sich umherzutragen.

Während des Tages dudelten Radios überall und ununterbrochen, damit man Nachman Schai, den Sprecher des Millitärs nicht verpasste, wenn er eine Warnung heraus gab. Das Codewort lautete: „Nachasch zeffah“, was „giftige Schlange“ bedeutet. Die Sirenen heulten aber normalerweise nur gegen Abend, wenn wir zuhause waren und dann erschien Herr Schai auf dem Bildschirm, mitten im Krimi. Nicht selten wurden wir auch in der Nacht aus den Betten geschmissen.

Vor dem Krieg hatten wir die Bunker im Kibbutz entrümpelt und gesäubert. Es war eine totale Sch*-Arbeit gewesen, da die Bunker seit dem Sechs-Tage-Krieg nicht genutzt worden waren und jetzt teilweise von Ratten bewohnt waren. Aber die Anordnung der Behörden war, alle Bunker müssen benutzbar gemacht werden. Im Kibbutz musste jeder Hand anlegen. Später wurden wir angewiesen uns gegen chemische oder biologische Waffen abzusichern und nicht in die Bunker zu gehen. Im Falle eines solchen Angriffs würden die Gifte durch den Luftschacht eindringen und das kätte verheerende Folgen. Es gab nur wenige Bunker, die mit entsprechenden Filtern ausgestattet waren. Außerdem waren die Bunker nicht schnell genug zu erreichen. Neben den Gasmasken bedeutete der Schutz gegen unkonventionelle Waffen, dass man einen Raum im Haus versiegeln musste. Das geschah mit dicker Plastikfolie und starkem Klebeband. Die Fenster wurden mit der Plastikfolie abgedeckt und dann luftdicht außerhalb des Fensterrahmens festgeklebt. Auch die Tür musste so verklebt werden, sobald man im Zimmer war und unter die Tür wurde ein feuchter Fäul gelegt.

Bei uns wurde das Kinderzimmer zum versiegelten Zimmer. Es war das einzige Zimmer, das eine normale Tür hatte. Zum Schlafzimmer gab es eine Schiebetür und die konnte nicht versiegelt werden.

Meine Tochter war viel zu klein für eine Gasmaske. Für sie hatte ich etwas bekommen, was sich „Mamatt“ nannte. Fragt mich nicht, was das bedeutet, ich denke es war eine Abkürzung für irgendeinen komplizierten Begriff. Im Grunde war das Ding ein riesiger, faltbarer Plastikkoffer mit dem Filter einer Gasmaske. Auch hatte es einen Plastikhandschuh, der nach Innen führte, ähnlich wie in einem Labor. Er sollte der Mutter ermöglichen dem Kind die Flasche oder den Schnuller zu geben wenn es in den Koffer musste. Ohne Übung als Laborarbeiter endeten die Versuche jedoch bei den Meisten in totaler Frustration. Die Babys schrien hysterisch sobald sie die gruseligen Monsterfratzen sahen, zu denen ihre Eltern von den Gasmasken verwandelt wurden. Die verunsicherten Mütter wollten am liebsten mitheulen, was aber mit dem Gerät auf dem Gesicht nicht möglich war. Man konnte dem Kind keine beruhigenden Worte zusprechen, denn es erkannte die Stimme nicht, und von einem dicken Plastikhandschuh gestreichelt werden ist auch nicht gerade besänftigend.

Wenn man aus dem Haus ging musste das Mamatt natürlich auch mitgeschleppt werden. Im Kibbutz war das jeden Tag, denn das Kind verbrachte den Großteil des Tages im Kinderhaus. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals Alarm gab, während ich nicht in der Nähe meiner Tochter war und mich darauf verlassen musste, dass jemand anders es schaffte sie und all die anderen kreischenden Babys rechtzeitig in ihre Koffer zu stecken, während ich mich um die Kinder Anderer kümmern musste. Aber vielleicht habe ich das verdrängt. Der pure Gedanke daran ist einfach zu beängstigend.

Allmählich ebbte die Angst ab. Langsam verstanden wir, dass in diesem Krieg die Raketen nicht bei uns fallen würden, sondern in den Ballungsgebieten. Zielscheibe waren Tel Aviv und Umgebung, Haifa und die umliegenden Städte, sowie das Atomkraftwerk nahe Beersheva (pssst! Darüber redet man nicht). Auch schienen die Angreifer nicht die Kapazität zu chemischen Waffen zu besitzen, trotz aller Drohungen. So hielten wir uns zwar bei Alarm im versiegelten Zimmer auf, hielten Gasmasken und Plastikkoffer aber nur bereit.

Seit dieser Zeit sind Bunker in Israel nicht mehr hip. Sie haben sich im Golfkrieg als ineffektiv, zu schwer zu erreichen, zu aufwändig in Stand zu halten heraus gesellt. Es gibt sie noch in Mehrfamilienhäusern, die davor gebaut worden waren. Für alle Gebäude danach musste sich der kreative israelische Geist etwas Praktischeres einfallen lassen. Der Sicherheitsraum (Merchav Mugan in Hebräisch) wurde ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um einen Bunker in der Wohnung. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass in jeder Wohnung ein derartiges Bunkerzimmer vorhanden sein muss. Dieses ist mit Stahlbeton gebaut und einer dicken Stahltür sowie Fensterläden, die es hermetisch schließen, versehen. Bei den modernen Wohnungen fällt das kaum auf, denn sie sehen wie ein ganz normales Zimmer aus. Bei Vielen ist es das Schlafzimmer oder ein Kinderzimmer.

Ich hoffe wir werden das nie wirklich brauchen.

Foto: Genoveva Dünzinger

 

 

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20 Gedanken zu “Babies im Plastikkoffer und Eltern mit Monsterfratzen

  1. Dazu ein Gedanke aus meinem Tagebuch :
    +++

    Die Friedenslüge

    FRIEDEN
    ist das unehrlichste WORT
    unserer ZEIT …

    Schon beim AUSSPRECHEN
    wird hintergründig
    die gemeinte FRIEDFERTIGKEIT
    im KEIME erstickt,
    weil
    unter dem Pseudonym der FREIHEIT
    ein j e d e r meint,
    sein vermeintliches RECHT –
    auf internationaler wie auf nationaler EBENE,
    im gesellschaftlichen wie im privaten BEREICH,
    in politischer wie in diplomatischer HINSICHT –
    durchsetzen zu müssen …

    FRIEDEN
    also ist heute der schützende MANTEL,
    unter dem mit BEDACHT
    U N F R I E D E N
    vorbereitet wird;
    die MAßLOSIGKEIT
    bestimmt dabei das SCHRITTTEMPO !
    ___
    (C) PachT 2010
    ***
    Nachtrag 2016:

    Würden die POLITIKER, – wo auch immer -,
    die SPIRALE der GEWALT stoppen,
    würden KRIEG und TERROR
    für die MENSCHEN ein ENDE finden !

    +++

    Ein friedvolles Wochenende … PachT

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    1. Ja, das sehe ich auch so. Dieses Wort geht so leicht von der Zunge, aber was sich dahinter verbirgt ist oft alles andere als Frieden. Aber ich würde dafür nicht nur die Politiker verantworlich machen.
      Liebe Grüße
      Ruth

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  2. Danke liebe Ruth,
    für diese Eindrucksvolle Schilderung der Situation, die mir auch heute noch unter die Haut geht.

    1992 bin ich mit mit meiner Frau das erste Mal in Israel gewesen. Als DDR Bürger war es früher nicht möglich. Die Reise war nicht billig. Es war damals auch schwer einen Reiseveranstalter zu finden. Wir waren nur in jüdisch geführten Hotels. (Bei einer späteren Billigreise waren wir nur in arabisch geführten Hotels. Na ja, das Essen hat geschmeckt und freundlich waren sie auch, meistens.)

    Doch zurück zur ersten Reise.
    Meine ersten Eindrücke damals: Überall gepflegte Grünanlagen mit Schlauchbewässerung. Soldaten mit umgehängter MP, die sogar per Anhalter fuhren. Auf den Hausdächern überall Wassertonnen. Unser Reiseleiter, ein christlicher Araber, der stolz darauf war, dass seine Familie schon 400 Jahre im jetzigen Israel ansässig ist. Auf den Straßen hatten die Menschen ständig das Telefon am Ohr. Wenn unser Reiseleiter uns nichts erklärte, dann telefonierte er. Später erklärte er uns warum.

    Alles war gut für mich.
    Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich sah, dass unser Reiseleiter in seiner kleinen Herrenhandtasche eine Pistole hatte. Da wurde mir blümerant. Er hat es mir in einem Gespräch erklärt. Da war ich voller Bewunderung für die Israelis. Bis dahin wusste ich schon für einen DDRler sehr viel, aber insgesamt doch sehr wenig.

    Die Bewunderung für das Volk Israel ist geblieben.

    Danke für Deinen Artikel, der diese Erinnerungen in mir ausgelöst hat. Daran wollte ich Dich gerne teilhaben lassen.

    Herzlich, Paul

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Paul,
      Die Soldaten mit MPs überall fand ich am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Die haben mich zuerst immer unruhig gemacht. Ich hatte das Gefühl irgendeine Gefahr müsse in der Nähe sein. Irgendwann ist das umgeschlagen und die Anwesenheit von Soldaten empfand ich eher als beruhigend. Heute ist es einfach normal.
      Was bezüglich Waffenbesitz interessant ist, ist das es in Israel so gut wie keinen Missbrach von privaten Waffen gibt, obwohl relativ viele Menschen bewaffnet sind. Die Vorschriften für einen Waffenschein sind sehr strickt. Er muss zum Beispiel jedes Jahr erneuert werden und dazu muß der Besitzer jedes Jahr wieder Schiessübung und -Prüfung machen.
      Danke, dass Du hier einige Deiner Erinnerungen erzählt hast. Ich hoffe Du hast noch viele schöne Erinnerungen an Israel und kommst mal wieder her 🙂
      LG
      Ruth

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  3. Mir jagt es eiskalte Schauer den Rücken herunter! Was für eine Alltagsbewältigung habt ihr während dieser Zeit leisten müssen und immer in Angst um geliebte Menschen… Deine Berichte empfinde ich als sehr bereichernd Ruth, mögen solche Zeiten nie wieder kommen❣

    Gefällt 4 Personen

    1. Ehrlich gesagt haben wir damals nicht wirklich an eine ernsthafte Bedrohung geglaubt. Ich meine, niemand hat einen Angriff mit unkonventionellen Waffen für Möglich gehalten. Aber wissen konnte man das ja nicht.
      Das Ganze war sehr surrealistisch.
      LG
      Ruth

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  4. Bei uns war es die Kueche. Beim ersten Alarm hatten wir das Telefon noch nciht in die Kueche gezogen und es laeutete und laeutete udn wir wussten, das ist die Schwiegermutter, die sich Sorgen macht.
    Spaeter hatten wir dann Spiele in der Kueche, damit es den Kindern (schon mit „normaler“ Kindermaske, die waren schon Schulkinder) leichter faellt, dort zu sitzen. Wir wohnen noch in einem aelteren Haus, da muss man bei Alarm ins Stiegenhaus. Es gibt keinen Sicherheitsraum.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, am Anfang war das chaotisch. Wir hatten kein Radio oder Fernsehen im versiegelten Raum, und so wußten wir nicht, wann wir uns wieder hinaus trauen durften.
      Später sind dann einige von den Kibbutznikim auf die Dächer geklettert, wenn es Alarm gab, um die Scuds zu beobachten wie sie über uns hinweg flogen. In Haifa war das alles etwas ernster.
      Unser Sicherheitsraum ist nicht mehr als 5 qm groß und dient als Waschküche.
      LG
      Ruth

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      1. wir haben und hatten ein Radio in der Kueche. Zu Ende war es an Purim, ich hatte bei meiner Schwester angerufen, weil sie ja kein Radio hoeren, zu religioes.

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      1. Ich stell mir das furchtbar vor.
        Du schriebst irgendwo, dass man sich schon daran gewöhnt, auch an die Sicherheitsräume.

        Hattest du nie den Gedanken wegzugehen, wegen deiner Tochter oder wegen all den Umständen?

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  5. Und wieder einmal ist es das Eine, irgendwelche Bericht in den Medien zu sehen (egal welche Medien), und das andere das normale Leben dazu berichtet zu bekommen. Und deine Schilderung mit den Koffern/Babies, das ist nix anderes als fürchterlich.

    Gefällt 3 Personen

    1. Als junge Mutter war das wirklich etwas schauderhaft. Aber wenn man drin steckt empfindet man das gar nicht so schlimm. Man nimmt es eben hin, den man hat ja keine Wahl. Ausserdem haben wir nicht an eine wahre Gefahr geglaubt. Aber auch das war teilwese Verdrängung.
      LG
      Ruth

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