Jeder malt sich seine Welt

Es war ein angenehmer Flug nach Hause. Die Lufthansamaschine von Frankfurt nach Tel Aviv war nicht voll besetzt. Die blonde Flugbegleiterin würzte unseren Aufenthalt an Board mit ihrem pikanten Sinn für Humor. Sie hatte ganz offensichtlich Spaß an ihrer Arbeit und wollte auch mit den Fluggästen ihren Spaß haben.
Pflichtgemäß ging sie vor dem Start umher und prüfte ob alle angeschnallt waren. Ein Reisender war mit seinem Handy beschäftigt. Sie blieb einfach vor ihm stehen und schaute ihn an. „Busy?“ fragte sie kühl als er endlich aufschaute, worauf er nichts zu antworten wusste. „I’m just waiting to see if you turn off your mobile. Because if you don’t you won’t get a meal today!“ Kurze Stille, dann zwinkerte sie und ein schnippisches Lächeln löste den vorwurfsvollen Blick ab. Er nickte lächelnd, wie ein ertapptes Kind und schaltete das Gerät aus. So ging es den gesamten Flug. Sie sorgte mit ihrem frechen Charme für Schmunzeln und Gelächter, blieb aber doch professionell. Mir war sie sehr sympathisch.

Neben mir saß ein Amerikaner, der immer wieder „wow“ und „awesome“  sagte. Überhaupt war er total aufgeregt nach Israel zu fliegen. Seine jüdische Großmutter war aus Deutschland nach Amerika gegangen, aber seine Mutter hatte wohl nicht mehr viel Jiddischkeit weiterzugeben vermocht. Er war vor 25 Jahren das letzte Mal in Israel gewesen. Der Herr strahlte nur so vor sich hin. Vor der Mahlzeit bekreuzigte er sich. Den Rest des Fluges verbrachte er damit auf seinem I-Pad herum zu malen. Erst war es ein Foto des Felsendoms und Umgebung, das er retuschierte. Begeistert ließ er alle Satelliten-teller und Antennen verschwinden. Der Tempelberg faszinierte ihn und er starrte mich fassungslos als, als ihm klar wurde, dass das, was darauf erbaut ist keine Synagoge, sondern eine Moschee ist. Ich wiederum war nicht weniger erstaunt, dass er das nicht wusste. Er hörte sofort auf das Bild zu bearbeiten, löschte es von seinem Tablett und suchte ein passenderes Bild, wie die Klagemauer oder das Allerheiligste.
Später sah ich ihn seine Gitarre aus dem Gepäckfach ziehen. Er war ein katholischer Musiker und Geschichtenerzähler – also etwa ein selbst-erklärter Prediger -, der nun durch Israel zieht und seine frohe Botschaft unter die Leute bringen wird. Es wird mit viel „wow“ und „awesome“ geschehen. Ich mochte ihn, in seinem kindlichen Enthusiasmus und kompromisslosen Optimismus.

Eine halbe Stunde vor der Landung meldete sich der Kapitän und kündigte den bevorstehenden Landeanflug an. Er bat die Fluggäste sich auf ihre Plätze zurück zu begeben und sich anzuschnallen. Dann entschuldigte er sich, dass es dafür ein wenig früh sei, aber das seie nun einmal, was die Israelischen Sicherheitsbehörden von uns wollen. Ich dachte, dass sich der gute Mann in seiner Formulierung etwas sehr arg vergriffen hatte. Aber dann sagte er es auch noch in English: „that’s what the Israelis want from us“.
Really? Meint er das wirklich so, wie er es sagt? Hat er vielleicht vergessen, dass es in Israel gute Gründe für schärfere Sicherheitsmaßnahmen gibt? Weiß er vielleicht nicht, dass die Hamas während der letzten militärischen Auseinandersetzung auch den Ben-Gurion Flughafen nahe Tel Aviv bedroht hatten? Damals war die Anflugroute zeitweilig nach Norden verlegt worden, denn vom Süden her flogen die Hamas Raketen ein. Der Eiserne Dom der Israelischen Verteidigungskräfte hätte den Flugzeugen im Anflug keinen Schutz bieten können. Ich weiß zwar nicht, wie Anschnallen da helfen soll, aber das gilt auch für den Fall eines Absturzes. Ich kann mir jedoch bedrohliche Situationen vorstellen, in denen Ruhe und Ordnung an Board lebenswichtig sein können. Diese flapsig unprofessionelle Art die speziellen Sicherheitsrichtlinien darzustellen klang in meinen Ohren respektlos. Überall in der westlichen Welt ist man um mehr Sicherheit bedacht. Ausgerechnet hier, am wohl sichersten Flughafen der Welt meint man das abfällig kommentieren zu müssen.

Für mich ist die Ankündigung des Landeanflugs mit freudiger Aufregung verbunden. Die freche Blonde verabschiedet sich von mir und meinem Sitznachbarn persönlich. Ihm empfehle ich seine Aufmerksamkeit auf den Fensterblick zu richten. Dort würde in Kürze aus dem Dunkel der Nacht und des Meeres plötzlich die funkelnde Küste von Tel Aviv-Jaffa auftauchen. Man fliegt direkt darauf zu und ich finde es immer wieder fantastisch, wie sie langsam näher rückt.  Das wunderbare Gefühl des nach Hause Kommens überkommt mich. Der Prediger wendet sich kaum vom Fenster ab. Er filmt alles mit dem Handy. „Wow, Israel! And you live here – that’s so awesome!“

Photo: Genoveva Dünzinger

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9 Gedanken zu “Jeder malt sich seine Welt

  1. Entschuldige bitte Ruth,
    aber dieser Katholik hat für mich ein „Rad ab“.
    Aus anderen Quellen weiß ich, dass diese Evangelikalen in Jerusalem wegen ihres missionarischen Eifers nicht gut angesehen sind. Ich drucke es mal vorsichtig aus.
    Den religiösen Juden gehen sie jedenfalls ganz schön auf den „Senkel“.

    Ich glaube auch, dass es sich eher um einen Evangelikalen gehandelt hat. Einem richtigen Katholiken würde es wohl nicht in den Sinn kommen Juden zu missionieren. Jedenfalls heute nicht mehr, nachdem die letzten drei Päpste immer wieder betont haben, dass die Juden unsere älteren Brüder sind und das Judentum unsere Wurzel ist. Wer ist so verrückt und reißt seine Wurzel aus.

    Jedenfalls freue ich mich, dass Du gut zu Hause angekommen bist.

    Herzlich, Paul

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    1. Ja, der hat einen erheblichen Sprung in der Schuessel. Aber er hat mir dem Flug angenehm gemacht. Klick mal auf den Link im Post, der fuehrt zu seiner Webseite. Auch mich hat es erstaunt, dass er katholisch ist. Ich denke nicht, dass er missioniert, sondern nur seine Geschichten erzaehlt.
      Was die religioesen Juden an der Klagemauer angeht, die sollen sich nicht so aufspielen und so tun als ob sie alleiniges Anrecht auf diese heilige Staette haben und deshalb kontrollieren wer wo und wie beten darf. Was die da machen finde ich mindestens genauso schlimm.
      Schoenes Wochenende
      Ruth

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      1. Danke liebe Ruth, für diesen Einblick in innerjüdische Befindlichkeiten, von denen ich nichts wusste.

        Ich kann das auch verstehen. Solche „Katholiken“,wie der von Dir geschilderte, gehen mir gehörig auf den „Docht“ auch wenn sie durchaus liebenswerte und sympathische Menschen sein können.
        Für mich sind es religiöse Spinner, die durchaus harmlos sein können.

        Herzlich, Paul

        Gefällt 1 Person

    1. Oh, ja, das ist auch ein Erlebnis! Ich fand es atemberaubend über die Wüste und am Toten Meer entlang zu fliegen, wenn man von Rosch Pinah (im Norden) nach Eilat fliegt. Man fliegt relative niedrig und der Blick ist einfach einmalig.
      LG,
      Ruth

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    1. Ich habe im Ben Gurion Flughafen weniger Angst als in Europäischen Flughäfen. Da kann doch jeder unkontrolliert rein!
      Beim Anflug an Tel Aviv bin ich jedes Mal wieder aufgeregt. Ich denke immer, dass ich mich daran gewöhnen müßte, aber nee, mir klopft jedes Mal auf’s Neue das Herz!
      Alle Liebe,
      Ruth

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