Stolz in Jerusalem

Die Hündin Nala schaut aufgeregt vom Balkon des Zimmers in der Studenten-WG. Was da unten wohl los ist? Wie spannend, die vielen Menschen, die da gemeinsam laufen, singen und trommeln, manche tanzen sogar. Sie halten Schilder und Plakate hoch, schwängen Fahnen in Regenbogenfarben, einige sind verrückt gekleidet. Alles ist sehr farbenfroh und fröhlich.

Auf der breiten Straße unten geht die Jerusalemer Parade des Stolzes vorbei. Schon seit fünfzehn Jahren findet diese Parade nicht nur im modernen, säkularen Tel Aviv statt, sondern auch in der heiligen Stadt Jerusalem. Jetzt laufen sie direkt unter dem Fenster meiner Tochter – ich nenne sie hier zärtlich Sheen -, die sich das Spektakel vom Balkon gemeinsam mit ihrer Hündin anschaut, vorbei. Sie winkt den Vorbeigehenden zu, singt mit, wird von der fantastischen Atmosphäre mitgerissen. So viel Liebe, so viel positive Energie, so viel Hoffnung, schreibt sie später im Facebook.

Als sie jedoch mit Nala aus dem Haus gehen will wird sie sanft von einer Polizistin an der Eingangstür gestoppt. Niemand kann aus den Häusern, deren Eingänge direkt auf die Straße führen, hinaus. Die Sicherheitsmaßnahmen sind streng. An jeder Haustür ist ein Polizist platziert. Sheen erklärt der Sicherheitsbeamtin, sie müsse den Hund ausführen. Sie bittet freundlich eine Runde drehen zu dürfen. Aber wird genauso freundlich abgewiesen. Die Anweisungen sind klar. Sie kann keine Ausnahme machen. Die Polizistin streichelt Nala verständnisvoll, bleibt aber hart. Am Ende bleibt der jungen Hündin nichts anderes übrig als ihre Geschäfte im zwei Meter kleinen Gestrüpp-Beet direkt am Haus zu erledigen. Danach begeben sich die Beiden auf den Balkon zurück und spornen von dort die Demonstrierenden an.

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An der Parade am letzten Donnerstag haben sich knapp 25 Tausend Leute beteiligt. Es war mit Abstand die grösste Teilnehmerzahl bisher. Die Meisten sind aus Solidarität gekommen, nicht weil sie selber homosexuell sind. Überhaupt ist die Parade weniger ‚gay‘, als wirklich eher ’stolz‘. Es geht hier nicht um Provokation und Extravanance, sondern viel mehr um etwas, was vergleichsweise altmodisch klingt, nämlich Nächstenliebe, gegenseitiger Respekt, Toleranz.

Seit dem letzten Jahr hat sich diese Parade in Jerusalem zu einer Art Symbol der Liberalität und Toleranz generell entwickelt und nicht nur gegenüber Nicht-heterosexuellen. Sie ist quasi zu einem Aufruf zur Nächstenliebe und gegen Gewalt geworden. Damals hatte sich ein Ultraorthodoxer mit einem Messer unter die Leute gemischt und war wahllos auf sie losgegangen. Die 16-jährige Shira Banki war von ihm ermordet worden, mehrere Andere verletzt. Eine Welle des Entsetzens war durch das Land gegangen.

Die orthodoxen Juden machen keinen Hehl daraus, dass sie Homosexualität wenn nicht für eine Krankheit, so doch zumindest für abnormal halten. Sie unterscheiden sich da nicht von Gläubigen anderer Religionen. In allen monotheistischen Religionen gibt es Geistliche, die versuchen die Realität ihren Glaubenslehren anzupassen und meinen Homosexualität bekämpfen zu müssen. Für religiöse Juden ist Gewalt jedoch weitestgehend ein Tabu. Der jüdischen Philosophie zufolge ist Gewaltanwendung nur dann zu rechtfertigen, wenn das eigene Leben in Gefahr ist. Tragischerweise gibt es auch unter den Juden Radikale und Psychopathen.

So einer war der Mörder, Yishai Schlissel, der für diese Tat zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Im Andenken an das Opfer Schira Banki marschierten stolz Tausende Menschen. Sie gingen auf die Strasse um zu signalisieren, dass Toleranz und Akzeptanz Anderer ein Standbein der demokratischen Gesellschaft ist. Demokratie ist nicht nur ein Wahlverfahren zur Festlegung einer Regierung, sondern eine Lebenseinstellung und tägliche Herausforderung der Toleranz des Einzelnen. Immer wieder die verschiedensten geistigen Einstellungen, körperlichen Unterschiede, intellektuellen Überzeugungen und sexuellen Neigungen akzeptieren, ohne dabei seine eigene Identität in Frage zu stellen, ist die Aufgabe. Wer diese nicht auf sich nimmt hat weniger mit sich selber ein Problem, als das er ein Problem für alle anderen darstellt.

Für gegenseitige Akzeptanz marschierten die Leute am Donnerstag. Nicht nur um die eigene Toleranz zu demonstriern, sondern um dieselbe auch von Anderen zu verlangen. Tausende stellten sich auf die Seite einer Minderheit, der sie nicht angehören und forderten damit die Anerkennung der Menschenwürde. Gottesfurcht, egal in welcher Religion, darf nicht über die Würde eines Menschenlebens gestellt werden. Eine auf Gleichberechtigung aufgebaute Gesellschaft verliert ihre Basis, wenn sie das zulässt.

Eine lange Menschenschlange zog sich durch die Innenstadt von Jerusalem, an dem Balkon meiner Tochter vorbei, die nur von hier oben teilhaben konnte und mir davon begeistert erzählte. Sie waren voller Lebensfreude. Sie feierten ihre Liberalität mit Musik und Farben ohne ins Groteske zu verfallen. Es waren viele Organisationen, Vereine und auch Gemeinden unter den Teilnehmern. Man hatte sich registrieren müssen um Teilnahmegenehmigung zu erhalten. All das, um zu verhindern, dass sich Radikale, die Menschenleben nicht würdigen unter die Lebensfrohen mischen. Auch religiöse Organisationen und Gemeinden waren darunter, Sportvereine und sehr viele Familien. Zwei Männer ließen sich während des Marsches trauen. An der Stelle, wo das Mädchen Shira ermordet worden war, war ein grosses Plakat von ihr aufgestellt mit den Worten: „Es ist besser das Gute zu lehren, als das Schlechte zu verurteilen.“

Sheen beobachtete die vielen verschiedenen Menschen, jung und alt, wie sie Schilder in die Höhe hielten auf denen unter anderem auch: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“ und „Du sollst nicht töten“ geschrieben stand. Viele liefen Hand in Hand, spielten Instrumente oder trommelten einfach rhytmisch auf Flaschen oder Dosen mit. Ganz besonders ergreifend fand sie die Gruppen von religiösen Jugendlichen, die nicht aufhörten zu tanzen. Es sind junge Menschen, die stolz sind auf ihre Religion und stolz auf ihre Liberalität, stolz auf ihre Nächstenliebe, die in beiden ihre Wurzeln hat.

Times of Israel: Colorful Jerusalem Pride Parade is a celebration of tolerance

 

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15 Gedanken zu “Stolz in Jerusalem

    1. Ja, das sollte es. Es ist aber trotzdem die Aussage einer, oder besser gesagt zweier Religionen, denn es kommt aus dem alten Testament. Somit ist es Grundaussage des Judentums und des Christentums. Alles, was sonst in der Bibel steht sind Erlaeuterungen, Erweiterungen, Geschichten, Details etc.
      Es hat das Denken der christlichen Welt gepraegt und ich behaupte auch die westlichen Philosophien, selbst die, die Anti Religion sind. Die Weisheit der Bibel wurde von ihnen uebernommen, Gott wurde weggelassen. Oder zumindest basiert das Denken und die Wertvorstellung auf dem von der Bibel gepraeget Grundsatz „Liebe deinen Naechsten, wie dich selbst“.
      Fuer uns ist es selbstvertstaendlich, aber nicht fuer Kulturen, die auf anderen Religionen basieren. Es gilt nicht in Laendern anderer Religionen.
      Schoenes Wochenende. Ruth

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      1. Im Prinzip hast du zwar recht, wie ich finde, jedoch meinte ich, dass die Liebe zwischen den Menschen (oder wie immer man das Zwischenmenschliche nennen möge) etwas ist, was es immer schon gab. Auch bevor besagte Religionen entstanden. Für jemanden da sein, dem Nachbarn helfen, dem Bedürftigen etwas zukommen lassen usw usf …. das gab es immer schon. Ich bin der Meinung, das ist etwas, was dem Menschen innewohnt, und wofür er keine Religion braucht. Dazu braucht es auch kein altes Testament. Dass sich viele Menschen trotzdem anders verhalten, kommt, so meine ich, aus anderen Eigenschaften, die dem Mensch innewohnen, und die von „interessierten Kreisen“ gefördert werden

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      2. Da hast Du zweifelsohne recht, aber es geht hier nicht um ein Gefühl zwischen Menschen oder eine gewisse Fürsorge füreinander. Auch Tiere sorgen sich um ihresgleichen.
        Das hat aber überhaupt nichts mit Nächstenliebe zu tun. Nächstenliebe bedeutet, dass man jedem anderen Menschen dieselben Rechte erteilt, die man für sich selbt einräumt. Das erfordert Toleranz und Respekt. Diese müssen erlernt werden.
        Es bedeutet auch, dass man in gegebener Situation einem anderen Menschen gegenüber genauso handelt, wie man es erwarten würde, wäre man selber in dieser Situation. Das wiederum erfordert die Fähigkeit sich in einen anderen Menschen hineinzudenken oder hineinzufühlen. Diese muss entwickelt werden.
        Es liegt mir nichts daran Religion zu verteidigen. Aber ich finde es wichtig sich ihrem Einfluß auf Wertvorstellungen und Denkweisen bewußt zu sein. Ohne das Konzept der Gleichberechtigung, die in der westlichen Welt durch Juden/Christentum in der Nächstenliebe Ausdruck fand, hätte keine Demokratie entstehen können. Bis heute gibt es Demokratien nur in Ländern, wo entweder das Christentum oder das Judentum dominierend sind. Das ist kein Zufall.

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      3. Dem allen stimme ich zu. V.a. deinem letzten Absatz. Insofern finde ich, dass Religionen das Gute im Menschen kristallisiert haben. Mehr nicht. Und was Nächstenliebe im Menschen ist, das beschreibst du auch sehr gut. Wo es den Menschen eben heraushebt über andere Lebewesen
        SO wollte ich es eig auch verstanden wissen, wobei es deine Worte besser zusammen bringen

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