Der Poltergeist ist ins Netz gegangen

Die Straße ist leer und dunkel. Nur die Scheinwerfer meines Kleinwagens strahlen auf den Asphalt der kurvigen Waldstraße und schweifen gelegentlich über die nächtlich schwarzen Bäume. Sie fangen kurz ein vorbei huschendes Tier ein, ich trete erschreckt auf die Bremse, vielleicht war es  ein Schakal, vielleicht ein Stachelschwein. Mein Herz klopft. Der Wald lichtet sich auf einer Seite des Berges als ich mich Har Adar nähere. Dünne Wolken schleichen schnell dicht über dem Boden entlang und verschwinden zwischen den Bäumen auf der anderen Straßenseite.

Der Ort scheint zu schlafen. Vor den wenigen beleuchteten Fenstern wiegen sich Büsche und Pflanzen in schaurigen Schattenspielen. Ich biege langsam in unseren Weg ein. Das Licht der Scheinwerfer erfasst das große Haus, von dem wir die Wohnung im Erdgeschoss bewohnen. Ich parke mein Auto vor dem hölzernen Gartentor und steige aus. Ein leichter kühler Wind greift mir in Haare und Nacken. Er treibt die Nebelwolken um die hohen Straßenlaternen und rauscht in den hohen Palmenblättern als wolle er mich drängen. Es ist fast Mitternacht. In der Ferne das leise jammernde Bellen eines Hundes.

Das Tor öffnet sich mit einem Quietschen, was man nur in der Stille der Nacht wahrnimmt. Ich muss noch den Garten wässern. Aber erst muss ich den Hund heraus lassen. Die Fenster sind schwarz, ich hatte wohl vergessen ein Licht brennen zu lassen. Vom Rascheln des Windes begleitet an der Haustür angekommen schließe ich sie auf während ich unsere Hündin schon ungeduldig winseln höre. Sie springt erleichtert hinaus, sobald ich die Tür einen Spalt öffne.

Stimmen!

Ich höre Stimmen, die aus dem Inneren meiner Wohnung kommen und halte inne. What the Fuck? Was zum Teufel…? Wer…?

Es ist stockdunkel drinnen. Die Tür war abgeschlossen gewesen. Es gibt keine andere Möglichkeit hinein zu kommen. Vor den Fenstern sind Gitter oder Klappen. Wer kennt das Versteck unseres Ersatzschlüssels, denke ich in leichter Panik. Aber warum würde jemand im Dunkel sitzen und die Tür abschließen? Es sind scherzende, Hebräisch sprechende Stimmen und sie plappern ungestört weiter. Eine davon kommt mir bekannt vor.

Warum ausgerechnet heute? Es ist Nuuns Wochenende bei seiner Mutter. Sie ist eine alte, gebrechliche Dame, die mit ihrer indischen Pflegerin in Jerusalem wohnt und das Haus nicht mehr verlässt. An jedem Wochenende bleibt eines ihrer Kinder bei ihr um ihr Gesellschaft zu leisten. Das traditionelle Shabbath Essen am Freitagabend nehmen wir normalerweise gemeinsam bei ihr ein. Genau wie heute. Nur das ich heute allein nach Hause gefahren bin und auch die Nacht allein verbringen werde. Und jetzt das! Was geht hier ab?

Die bekannte Stimme gehört einem Feensehschauspieler und bald erkenne ich auch die weibliche Stimme. Der Fernseher läuft aber nicht. Es ist vollkommen dunkel. Ich stoße die Wohnungstür auf. Auch am Radio, über dessen Lautsprecher der Fernseher geschaltet ist, blinken keine bunten Leds. Wieso höre ich also diese Stimmen? Ich schalte das Licht an und auch den Fernseher. Ja, da sind die beiden Schauspieler, deren Stimmen ich erkannt hatte in der Freitagabend-Komik-Serie. In diesem Moment finde ich das unendlich lächerlich und es nervt einfach. Nur weiß ich leider nicht, wie ich dieses Gequaselle abschalten, oder wenigsten leiser machen kann. Die Fernbedienung vom Fernseher macht’s nicht. Es liegen noch drei Fernbedienungen auf dem Tisch herum, die alle irgendwie zu diesem Fernseh-Radio-Internet-ich-weiß-nicht-was-Netz gehören. Ich schaue sie nacheinander stirnrunzelnd an. Aha, natürlich! Die kleine gehört zur neuen Soundbar. Sie ist es, die mich vollquatscht. Energisch drücke ich den ‘Aus‘-Knopf. Endlich Ruhe. Aber es kommt mir trotzdem gespenstisch vor. Warum ist die Soundbar eingeschaltet? Ich habe doch seit gestern Abend nicht Fernsehen geschaut. Den ganzen Tag war ich zuhause und hatte weder Fernseher, noch Soundbar an. Die kann sich doch nicht selber einschalten, oder?

Vorsichtshalber gehe ich durch die ganze Wohnung und schalte überall Licht an um sicher zu stellen, dass sich nicht doch jemand irgendwo versteckt. Wenn ich das wirklich glauben würde, würde ich das natürlich vor lauter Angst nicht tun. Aber ich weiß, dass ich sonst in dieser Nacht nicht schlafen werde. Dann setze ich mich mit einer doppelten Portion Arak und einer Zigarette auf die Terrasse und rufe Nuun an. Ich schilderte ihm, was sich in seiner Abwesenheit hier zugetragen hatte.

Seine Theorie ist, das es einen Stromausfall gegeben hatte, wonach sich der Konverter der Kabelfernsehfirma wider eingeschaltet hatte. Da die Soundbar damit verbunden ist und nicht direkt mit dem Fernseher, hat sich diese aufgrund des Impulses ebenfalls eingeschaltet. Logisch? Keine Ahnung. Ich folge dem nicht mehr. Noch ein Gerät und noch eins, hier ein Router, da ein Adapter, da ein Streamer, vorher noch der Konverter und irgendwo zwischen drin ein PC ….und dann die unzähligen Fernbedienungen, die überall herum liegen. Jedes Gerät hat sein eigenes Schaltpanel mit unzähligen bunten Knöpfchen und Tasten, jedes markiert mit Buchstaben und Zeichen und Zahlen und Pfeilen. Bei Nuuns Mutter haben sie alle mit Klebeband verklebt und nur die ‚An-Aus‘-Taste und den ‚Laut-Leise‘-Drücker offen gelassen. Zu oft hat sie versehentlich irgendetwas gedrückt, was sie nicht wollte und dann hat es Stunden gedauert den Fernseher wieder normal zum Laufen zu bringen. Vielleicht war ja der Hund bei uns auf die Bedienung der Soundbar getreten und hatte so das Gerät eingeschaltet. Aber sie tritt sonst nie mit den Pfoten auf den Tisch, warum also jetzt? Alles kommt mir spooky vor.

Ich schalte in dieser Nacht alle Geräte (jedenfalls, alle, denen ich mir bewusst bin) mit dazugehöriger Fernbedienung (soweit ich diese zu identifizieren vermag) ab, lasse dafür aber das Licht in der Küche brennen.

 

P.S. Einige Tage später hatten wir einen kurzen Stromausfall. Und wieder plapperte die Soundbar ungebeten los. Seine Theorie bestätigte sich also. Verstehen tue ich es immer noch nicht. Ich denke da muss ein Poltergeist am Netzwerken sein. 🙂

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10 Gedanken zu “Der Poltergeist ist ins Netz gegangen

  1. Ich kenne eine ähnliche Situation aus einigen Nächten, in denen ich Stimmen aus dem Wohnzimmer hörte. Ich also die Treppe hinunter und da läuft das Fernsehgerät. Warum dieses Gerät sich immer wieder einmal selbstständig macht, konnte mir der Techniker auch nicht erklären. Er meinte, es könnten auch mal Sonnenstrahlen sein. Meinetwegen, dann aber nur tagsüber!

    Gefällt 2 Personen

    1. Sonnenstrahlen, nun das klingt nicht gerade ueberzeugend.
      Meine Tochter,hatte das mit ihrem Laptop. Der hat sich in der Nacht einfach neu gestartet. Da sie eine YouTube mit Musik nicht geschlossen hatte, plaerte ihr diese mitten in der Nacht ploetzlich die Ohren voll.
      Moderne Poltergeister eben. 😉

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  2. und genau aus dem Grund besitze ich immer noch einen uralten viel zu kleinen Hockeyschläger aus Massivholz….!
    Worüber ich eher lächeln musstest war die Schakal/ Stachelschwein Situation… ich habe ein Reh oder Rentier erwartet 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Haha, wenn ich einen solchen gehabt haette, haette ich jetzt keine Soundbar mehr.
      Uebrigens sind Schakale hier sehr verbreitet. Man hoert sie nachts jaulen. Und Stachelschweine gibt es auch viele. So eins habe ich mal in der Nacht ueberfahren. Das war absolut nicht lustig. Rehe kommen nicht so nah an die Strasse, sondern halten sich fern. Rentier? Nee, nicht in Israel.
      LG
      Ruth

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