Stiller Tag, heiliger Tag

Solch enorme Ruhe kann es einzig und allein an Yom Kippur in Israel geben.

Es beginnt am frühen Nachmittag, wenn die Büros geschlossen werden und mit ihnen Klimaanlagen, Kaffeemaschinen, Drucker usw. zur Ruhe kommen. Fabriken schließen für eine Nacht und einen Tag die Türen, nachdem Stanzen, Plastik-Injektoren, Fließbänder und jegliche Maschinen abgeschaltet wurden. In Hi-Tech Firmen erschwarzen die Bildschirme, die Forschungslabors bleiben ungenutzt. Die Einkaufszentren leeren sich, im Markt werden die Jalousien heruntergezogen. Am Hafen liegen die Schiffe, Kräne und die Gabelstapler in den Lagerräumen still. Die Gepäckbänder am Flughafen bleiben stehen, das letzte Flugzeug ist schon gelandet, und kein Flugzeug startet mehr, die Duty-Free Läden schalten die Lichter aus. Der letzte Zug fährt in den Bahnhof ein, dann stellen auch Busse und Taxifahrer ihren Dienst ein. Die Menschen begeben sich nach Hause. Selbst die privaten Autos bleiben bis zum folgenden Abend in Garagen und auf Parkplätzen. Es herrscht Stille.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit wird ein großes Mahl eingenommen, denn wenn der Tag der Sühne beginnt (mit Einbruch der Dunkelheit), dann beginnt das Fasten. Die Religiösen verbringen den Tag ausschließlich mit Beten und „Cheschbon Nefesch“, eine Art Seelen-Rechnung, bei der sie ihre Handlungen des vergangenen Jahres kritisch inspizieren und um Vergebung ihrer Missetaten bitten. Auch ein Großteil der Nicht-Religiösen fastet. Der jüdischen Philosophie zufolge ist jeder dazu verpflichtet sich selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen, um sich seiner Fehlleistungen gegenüber Anderer bewusst zu werden und um Verzeihung zu bitten, denn selbst Menschen, die immer Gutes tun, tugendhaft leben und nie mutwillig jemanden verletzen, sind nicht perfekt. Jedem unterlaufen Fehler. Niemand ist vollkommen frei von Unrecht und kommt nicht darum herum gelegentlich einen Mitmenschen zu verletzen. Dafür gibt es diesen einen Tag im Jahr. Man soll nichts anderes tun, als in sich selber schauen und sich dessen Bewusst werden, dass man nicht perfekt ist. Man hat die Chance sich für seine Fehltritte zu entschuldigen. Ganz in Ruhe vor sich selber, vielleicht vor Anderen und wer daran glaubt, vor Gott.

Kein Restaurant in Israel hat geöffnet, kein Kino, kein Theater, kein Tanz-Klub. Fernseh- und Rundfunksender bleiben an diesem Tag stumm. Die Türen der Vergnügungsparks bleiben verschlossen. Man verweilt zu Hause, wäscht keine Wäsche, spült kein Geschirr, saugt nicht Staub. Auch diejenigen, die nicht fasten unterlassen diese alltäglichen Aktivitäten. Vielleicht schaut man sich Filme an, erwärmt das Essen in der Mikrowelle oder kocht Kaffee, aber ansonsten bleiben lärmende elektrische Geräte unbenutzt. Es ist eine machtvolle Stille.

Am Abend füllen sich die Straßen mit Kindern auf Fahrrädern, Jugendlichen auf Skateboards und Erwachsenen, die mit Kinderwagen und Hunden spazieren gehen. Auch während des folgenden Tages hört man nur gelegentlich das Gelächter von Kindern oder andere Menschenstimmen, die Vögel oder andere Tiere und den Wind – die Stimmen der Natur. Jegliche künstlich erzeugten Geräusche bleiben aus. Das Hintergrundrauschen von entfernten Straßen oder Fabriken oder sonst irgendwelchen Lärm-Erzeugern fehlt an Yom Kippur und es kommt zu einer sonst unbekannten, in dieser Welt unfassbaren Ruhe. Man kann seinen eigenen Atem hören.

Bis zum nächsten Abend, wenn die ersten Sterne am Himmel sichtbar werden. Dann beginnt die Geräuschkulisse der Normalität von Neuem.

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15 Gedanken zu “Stiller Tag, heiliger Tag

  1. “ Kein Restaurant in Israel hat geöffnet, kein Kino, kein Theater, kein Tanz-Klub. Fernseh- und Rundfunksender bleiben an diesem Tag stumm. “
    *
    Ist in Ordnung so;
    so einen Tag sollte es hier, – wie man immer ihn auch nennen mag – , auch geben.

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  2. Ich war bei meiner Schwester vor vielen Jahren an Yom Kipur und da sagte sie mir, dass sogar beim Zomet Geha keine Autos fahren werden. Leider war in dieser Nacht doch viel Verkehr auf den Strassen und am naechsten Vormittag kam die Sirene. Der Yom Kippur Krieg begann.
    Seit dem ist es immer ruhig an Yom Kipur.

    Gefällt 1 Person

  3. Danke für diesen Einblick in das israelische Leben! Es klingt tatsächlich nach einer Erfahrung, die uns abhanden gekommen ist, die wir nur im Hochgebirge oder irgendwo am Meer noch machen können. Und die Idee, über das eigene Versagen, über das absichtlich ode unabsichtlich angerichtete Leid, die Fehlleistungen, nachzudenken und nicht, wie das eigentlich die Regel ist, nach Ausflüchten oder Rechtfertigungen zu suchen. Obwohl… auch das kann sicher schnell zu einer Art Ritual wie bei der Beichte werden, bei der es manchmal nur noch darum geht, etwas zu finden, was sich auch beichten lässt.

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    1. Ja, ich auch nicht. Aber manche Dinge oder auch eine Atmosphaere wie die an Yom Kippur koennen eben nur geschafgen werden, wenn alle zur selben Zeit etwas tun oder nicht tun. Nur die Kooperation macht es moeglich. Es ist ja auch micht so, dass jemand bestraft wird, der Auto faehrt oder ein BBQ macht.
      LG, Ruth

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  4. Die Idee dahinter finde ich genial. Zwar dort irgendwie aufdoktriniert, aber hier total vernachlässigt, wenn man sich heutzutage so umschaut. Die, die Selbstreflexion betreiben, geraten hier immer mehr ins Hintertreffen gegenüber den unglaublich von sich selbst Überzeugten.
    Ganz liebe Grüße aus dem Norden ❤️
    Andrea

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    1. Ich finde die Idee vor allem weise. In der Praxis ist es auch hier so, dass sich Menschen eher selbst rechtfertigen oder gar nicht erst mit dem Sinn des Tages bescaeftigen. Bei den Religioesen ist es oft wirklich ein Ritual umd weniger die selbstkritische Auseinandersetzung. Aber ich finde es zumindest bemerkenswert, dass es einen Konsensus ueber die Einstellung aller geschaeftlichen Aktivitaeten und des Autofahrens gibt.
      Schoenen Tag.
      Ruth

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  5. Zwar finde ich die Idee von Yom Kippur durchaus lobenswert, aber dass alles still steht wäre mir zu gruselig. Dann könnte ebenso die Menschheit tot sein. Allerdings bin ich weder erwachsen noch gläubig, also ein wenig vorbelastet. Vielleicht denke ich in ein paar Jahren anders wenn ich ein wenig reifer geworden bin 🙂

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