Die weiße Wäsche der Nachbarn

Nach einigen Telefonaten hatten wir den Namen und die Nummer einer Schneiderin aus dem arabischen Nachbardorf Abu Gosch. Diese wiederum verwies uns auf eine andere, die in Jerusalem arbeitet und erst gegen drei Uhr zurück kommen würde. Sie würde jedoch die Arbeit für uns erledigen können. Es ist nicht so einfach über die Feiertage dringende Sachen zu erledigen. Eine Woche nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschanah, welches zwei Tage dauert, folgt Yom Kippur und vier Tage danach das Laubhüttenfest Sukkot. Dieses dauert eine ganze Woche, mit einem arbeitsfreien Tag am Anfang und einem am Ende. Ämter und andere staatliche Einrichtungen sind die ganze Woche geschlossen. Viele Geschäfte arbeiten nur einen halben Tag. Und dann gibt es zwischendurch natürlich noch die Wochenenden.

Deshalb mussten wir kreativ sein, um unsere neu gekaufte Garderobe rechtzeitig zur Reise zurechtgeschneidert zu bekommen. Auch die zweite Schneiderin, die durch die jüdischen Feiertage nur Arbeitsverlust hatte, sprach Hebräisch, wenn auch mit schwerem Akzent. Sie ist in einer Änderungsschneiderei in Jerusalem angestellt. Eine kleine Werkstatt an einer großen Straße. Gerne war sie bereit etwas Extraarbeit für uns von Zuhause zu machen. Ich bin mir sicher sie verdient auf diese Weise einen beachtlichen Anteil ihres Einkommens. Es lohnt sich schließlich für alle (außer für den Staat).

Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg. Abu Gosch ist klein, es gibt einige wenige, lange Straßen und markante Gebäude, an denen man sich orientieren kann. Wie zum Beispiel die vollkommen überproportionierte, viertürmige Moschee, die von überall zu sehen ist. Den Anweisungen der Schneiderin folgend fanden wir ihr Haus problemlos. Das ist erstaunlich, denn mit exakten Angaben hält man es hier nicht so streng. Da kann eine Rechtskurve auch mal nach links gehen oder eine normale Straßenabzweigung einfach nur ein Schotterweg sein.

Als wir das große, eiserne Tor öffneten, fanden wir eine Frau auf dem Boden im Hof sitzend. Sie hatte eine große Waschschüssel vor sich, in der ihre Hände eingetaucht waren und rubbelten. Als sie uns sah, lächelte sie und begann aufzustehen. „Wow,“ sagte Nuun mit Bewunderung in der Stimme – er ist immer so positiv und respektvoll mit allen Menschen. „Es ist lange her, dass ich jemanden so habe Wäsche waschen sehen.“ Bemerkte er achtungsvoll. Die Schneiderin lächelte verlegen. „Ja, mein Mann mag es, wenn ich die Hemden so wasche. Er sagt sie werden weißer.“ Wobei sie den Blick etwas senkte und mit dem Kopf nickte.

Ich war allerdings vollkommen sprachlos. Was soll man davon halten? Auf der einen Seite ist es durchaus denkbar, dass ihr Mann – und vielleicht auch sie selber – davon überzeugt ist, dass die traditionelle Art zu waschen qualitativ bessere Resultate bringt. Auf der anderen Seite ist es unglaublich erniedrigend vor anderen Leuten auf dem Boden zu hocken und SEINE Wäsche zu rubbeln, obwohl SIE eine Waschmaschine hat und nur deshalb, weil ER die Macht hat es von IHR zu verlangen. Diese Frau hat ihren eigenen Beruf und ihr eigenes Einkommen. Wahrscheinlich fährt sie täglich selber mit dem Auto in die Stadt. Für eine arabische Frau ist das sehr fortschrittlich. So viel Selbstständigkeit ist durchaus nicht selbstverständlich. Wie viel wird davon aber im eigenen Haus realisiert? Sie strahlte nichts Mitleiderregendes aus. Es kann auch IHRE Art sein, IHM Respekt zu zeigen. Sicher fühlt ER sich von IHRER Selbstständigkeit in seiner Position bedroht. Er ist das Familienoberhaupt und hat nicht nur das Sagen, sondern auch alle Verantwortung. Ehrt SIE IHN, so wird sie gern Dinge für ihn tun, die IHM wichtig sind. Ehrt ER SIE, so lässt er sie Dinge tun, die IHR wichtig sind.

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Ein Gedanke zu “Die weiße Wäsche der Nachbarn

  1. Sehr schöne Gedanken zu einem sehr ernsten Thema… Ohne diese Menschen zu kennen, hoffe ich für beide dass sie in ihren Inneren einen Frieden wahren…
    Ich stehe ja persönlich auf afrikanische Waschnüsse oder zerkleinerte Kastanien. Keine Duftstoffe, biologisch Abbaubar und günstig. Zumindest die Kastanien 😉
    Habt ihr eigentlich Kastanien in Israel?

    Gefällt 1 Person

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