Hundeleben

Ach, wie bequem! Es war ein Gefühl der Zeitlosigkeit. Aufstehen, wenn man aufwacht. Essen, wenn man Hunger hat. Jederzeit Kaffee trinken. Duschen gerade dann, wenn mir danach ist. Schlafen, wenn ich müde bin. Kein Wecker, der mich aus dem Bett scheucht, kein Bus, den ich nicht verpassen darf, keine elektronische Uhr, an der ich meine Karte zu bestimmten Zeiten piepsen lassen muss, damit sie dann freundlich „Danke“ sagt.

Mein Leben spielte sich in den eigenen vier Wänden ab, diese Komfort-Zone brauchte ich nur selten zu verlassen. Meine Ernährung beschränkte sich auf Nutella Brote, Salat, Joghurt und Fertiggerichte, meine Kleidung auf Pyjama, Trainingsanzüge und Hausschuhe. Sprechen tat ich mit Unsichtbaren über Skype und überhaupt geschah alles für mich Wesentliche im Netz (siehe vorigen Beitrag). Tage vergingen, an denen ich nicht aus der Wohnung ging. Der Supermarkt war um die Ecke. Ansonsten gab es kaum einen triftigen Grund. Wozu die Anstrengung? Außerdem musste man sich dafür die Haare kämmen und normale Kleidung und feste Schuhe anziehen. Das war mir zu lästig.

Bald verlor ich die Relation zu Preisen, wenn es sich nicht um Brot und Milch handelte oder um zahnmedizinische Produkte, mit denen meine Firma handelte. Ich konnte nicht verstehen, wovon die Leute draußen redeten, da sie Namen von Leuten nannten, die mir nichts bedeuteten – waren es Politiker, Stars, einflussreiche Geschäftsleute? Das war für mich alles nicht interessant. Ich wählte gezielt die Internetseiten, die mich mit der von mir benötigten Info belieferten. Im Netz konnte ich allen Unsinn herausfiltern und mich auf das Wesentliche konzentrieren. Allmählich vergaß ich, welche Kleidung man angemessener Weise außer Haus trägt. Alles, was mit Mode zu tun hatte, ging an mir vorbei und die Leute draußen sahen immer fremder aus. Bald wusste ich nicht mehr welcher Bus wohin fährt. Ich vermied es öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Ich hatte keine Ahnung mehr, wieviel es kostet. Eines Tages musste ich feststellen, dass man eine Fahrkarte nicht mehr einfach beim Fahrer kauft.

Die Unruhe außerhalb meiner eng gesteckten Komfort-Zone begann mich nervös zu machen. An manchen Tagen sprach ich kein Wort und war dann von der Lautstärke meiner eigenen Stimme erschreckt. Je weniger ich aus der Wohnung ging, desto schwieriger wurde es. Und jedes Mal war es mit größerem Unbehagen verbunden. Was sage ich, wenn ich eine Nachbarin treffe? Reden die schon hinter meinem Rücken? Die Hemmschwelle schien täglich zu wachsen. Jeder würde mir sofort ansehen, dass ich schon seit Monaten nicht beim Frisör gewesen war. Mein Gesicht war blass, meine Beine schlapp. Ich kam mir verwahrlost vor. Neue Kleidung wäre auch mal an der Zeit, aber wo kaufe ich etwas, was mir gefällt und was ist überhaupt mein Stil? Und selbst wenn ich es wüsste, wie käme ich dort hin? Ich musste anfangen dumme Fragen zu stellen und noch dazu Leute, mit denen ich ewig nicht geredet hatte.

Meine eigene Umgebung war zur Fremde geworden, meine Wohnung eine Blase, in der ich verloren ging. Ohne Kontakt mit anderen Lebewesen entfremdete ich mich von mir selbst. So ging es nicht weiter. Ich musste wieder unter die Leute, denn ich verlor mich selbst. Ich brauchte einen zwingenden Grund regelmäßig aus dem Haus zu gehen, sonst würde ich gänzlich den Anschluss verlieren.

Ich entschied einen Hund zu adoptieren. Er würde mich mindestens zwei Mal am Tag dazu zwingen, die Wohnung zu verlassen und mich unter Leute zu wagen. Mit ihm würde ich reden können, ohne das dämliche Gefühl zu haben langsam verrückt zu werden, da ich mit mir selbst rede (Psychologen sagen zwar, dass es gesund ist, aber das beruhigte mich nicht). Und ich würde über vollkommen alltägliche Dinge nachdenken müssen, wie das Wetter oder die durchgebrannte Glühbirne im Hauseingang oder wo sich die nächste Mülltonne befindet.

Das funktionierte erstaunlich gut, obwohl mein Hund noch scheuer war als ich. Oder vielleicht spürte ich gerade deshalb, dass ich die Starke sein musste – für den Hund. Ich traf andere Hundebesitzer und wir hatten immer ein gemeinsames Gesprächsthema. Mit einigen entwickelten sich sogar richtige Konversationen und ich entdeckte neue Interessengebiete, oder alte wurden wieder zum Leben erweckt. Ich erfuhr, was sich in der Nachbarschaft abspielte. Irgendwann konnte ich sogar am Tratsch über Anwohner teilnehmen. Ich lernte, wie man derzeit am besten in die Stadt fuhr und wo man was günstig kauft. Ich bekam praktische Tipps für den Haushalt oder Kochrezepte. Zeitungsartikel und Nachrichten begannen wieder Sinn zu ergeben, denn ich bekam einen Bezug zu deren Inhalt. Namen wurden zu Menschen mit Gesichtern und Geschichten, auch wenn ich sie nicht persönlich kannte oder sie keinen direkten Einfluss auf mein Leben hatten. Ich kümmerte mich um das Aussehen und die Gesundheit meines Hundes und um mein eigenes. Es war mir wichtig, dass er sich wohl fühlte. Dann fühlte ich mich selber auch besser.

Der nächste Schritt war Sport. Ich machte ein Abonnement im Schwimmbad. Dafür musste ich viel Mut aufbringen nach Monaten der Menschenscheue, aber da es viel Geld kostete, nutzte ich es so oft ich konnte (ohne Hund). Die Blase war geplatzt. Manchmal lud ich Bekannte zum Kaffee in meine Wohnung. Wir plauderten über belanglose Dinge und es machte mir Spaß.

Wenn ich jetzt daran denke, dass ich so zu meinem Hund kam, kommt es mir merkwürdig vor. Dieses unentwegt bellende Wesen, das überall in der Wohnung seine haarigen Spuren hinterlässt soll mir damals aus meiner Verlorenheit geholfen haben? Diese treu-äugige Kreatur, die mir den Garten zerbuddelt und weder auf seinen Namen noch sonst irgendetwas hört, war es, die mir der Kontakt zur menschlichen Umgebung ermöglicht hat. Er hat mich quasi aus dem Netz gerettet.

kikush

6 Gedanken zu “Hundeleben

    1. Hallo Frank, für mich war es eine wichtige Erfahrung. Ich habe einiges über mich selbst gelernt. Ich denke man darf sich nur nicht zu sehr gehen lassen. Wie alles im Leben – Balance ist wichtig, nichts übertreiben. 🙂 Alles Gute, Martina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s