Der Krieg der Anderen

„Wie kommt es, dass wir noch keine Anweisungen bekommen haben, die Bunker und Sicherheitsräume bereit zu machen?“ Frage ich am frühen Abend und nur wenige Minuten später ruft Nuun von der Terrasse: „Jetzt steht es auf Y-Net“! Der Webseite der israelischen Zeitung zufolge werden Bunker in den Golanhöhen geöffnet. „Wird es Krieg geben?“

Mit Spannung und Unsicherheit hatte man in Israel die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten erwartet. Schon seit Tagen waren die Zeitungen voll mit Spekulationen und alle Diskussionen drehten sich um dieses Thema.

Am Tag als Donald Trump bekannt gab, die USA scheide aus dem Atomvertrag aus, änderte sich für uns etwas. Wir begannen uns seelisch auf einen Krieg einzustellen. Aus einer wagen Möglichkeit wurde ein reales Szenario.

Unruhig gehe ich an diesem Abend schlafen. Nuun bleibt die halbe Nacht wach und verfolgt die Nachrichten. Als ich am nächsten Morgen aufwache, frage ich mit schwarzem Humor: „Nu? Hat der Krieg schon begonnen?“ – „Nein, aber in den Golanhöhen herrscht Alarmzustand“.

Im Laufe des Tages steigen die Spannung und unsere Bedenken. Soldaten werden eingezogen, die Armee stellt sich an der syrischen Grenze auf. Panzer rollen über den Golan. Wir verfolgen die Nachrichten, hören die verlegenen Bekräftigungen der iranischen Führung, das Stottern der Europäer und die Stille der Russen und Amerikaner.

Bibi ist bei Putin und wir fragen uns, was dort geredet wird. Den ganzen Tag diskutieren und spekulieren wir im Büro. Und wenn es wirklich Krieg gibt? Wie weit kommen die Iraner mit ihren Waffen? Wir sitzen im 27. Stock eines 41-stöckigen Bürogebäudes. Nicht gerade ein sympathischer Ort, wenn Raketen fliegen.

Manche sagen, sie werden es nicht wagen. Aber wir kennen sie nur zu gut, die impulsiven Gewohnheiten der führenden Kräfte in dieser Gegend. Es braucht nicht viel um sie zum Explodieren zu bringen. Jedes Wort, das ihnen nicht passt wird erst einmal mit Gewalt beantwortet.

Das war schon zu Arafats Zeiten so. Wenn er nicht bekam, was er wollte, dann ließ man einen Bus explodieren. Die Israelis stimmen seinen Forderungen nicht zu? Dann wird ein Selbstmordattentäter in eine Pizzeria oder eine Diskothek geschickt. Danach kann man vielleicht wieder reden.

Ich versuche mich selbst davon zu überzeugen, dass man nur dann einen Krieg beginnt, wenn man daran glaubt, ihn auch gewinnen zu können. Die Iraner wissen, dass sie keine Chance haben. „Du denkst eben logisch, wie ein Europäer“ sagt Nuun. „Sie müssen etwas tun. Sie müssen zeigen, dass sie diese Sache nicht unbeantwortet lassen. Sie müssen sich irgendwie rächen sonst sehen sie schwach und gedemütigt aus“.

Ich will das nicht glauben, denn ich möchte ruhig schlafen. In der Nacht höre ich Flugzeuge, die über uns hinweg fliegen. Wir sind in keiner Einflugschneise und ich weiß es passiert etwas. Nuun hatte natürlich recht. Noch vor dem Morgenkaffee lese ich die ersten Nachrichten.

Ja, der Iran hat Israel in der Nacht mit 20 Raketen angegriffen. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.

Das erklärt die nächtlichen Flugzeuge. Die israelische Reaktion darauf beruhigt mich. Es heißt, nahezu alle Militärstationen, die der Iran in Syrien aufgebaut hatte und deren Raketen auf Israel gerichtet waren, sind vernichtet.

Im Laufe der folgenden Tage wird mir klar, dass Israel diesen Anlass dazu genutzt hat, die immer stärker werdende Iranische Bedrohung in Syrien zu eliminieren. Die extreme Überlegenheit der Israelischen Armee und des Geheimdienstes werden deutlich.

Aber mir wird auch klar, dass die Iraner es ernst meinen. Sie wollen Israel vernichten und wenn sie es könnten, würden sie es tun. Deshalb streben sie die Atombombe an, denn das ist die einzige Chance es zu schaffen. Eine einzige Bombe genügt, um den winzigen Staat Israel von der Landkarte verschwinden zu lassen.

Für uns ist das eine Realität, die wir nicht ignorieren können. Es geht jeden von uns persönlich an, denn jeder von uns ist persönlich bedroht. Die nervöse Spannung herrscht bei uns schon seit der letzten Show von Bibi, als er die geheimen iranischen Dokumente präsentierte. In Israel war niemand überrascht.

Niemand glaubt hier, dass die Iraner ihren Plan, Atomwaffen zu produzieren aufgeben. Wie gesagt, sie brauchen nur eine einzige Bombe. Wenn die Israel erreicht, ist die Welt die jüdische Disrupter-Nation los. Oder wie die Iraner uns liebevoll nennen „der zionistische Satan“, die „Quelle alles Bösen“ und noch viele andere wundervolle Kosenamen.

Ganz ehrlich, was der israelische Geheimdienst vollbracht hat, ist absolut bewundernswert! Erst die Beschlagnahmung tausender geheimer Dokumente aus dem Herzen des verfeindeten Landes, das alle Nase lang mit der Zerstörung Israels droht und dann die super-präzise Zerstörung etlicher iranischer Militäranlagen ohne der Zivilbevölkerung Schaden zuzufügen. Es waren 60 Luftangriffe und nur etwa 20 Opfer, die an den Anlagen arbeiteten. Das ist gerade in Syrien total außergewöhnlich.

Im Westen quält man sich ein lahmes „Ja, Israel hat das Recht sich selbst zu verteidigen“ ab. Die UN schafft es nach zwei Tagen ein Statement herauszubringen, in dem der Angreifer Iran nicht einmal erwähnt wird.

Schon lange ist kaum jemand in Europa mehr in der Lage den Israelis irgendetwas als positiv anzuerkennen, oder es zumindest mit Objektivität zu betrachten. Europa sondert uns langsam aber sicher aus. Im Konzept von „Wir und die Anderen“, ist man fähig nur für die Verständnis und Anteilnahme zu empfinden, die im „ Wir“ eingeschlossen sind.

Man teilt die Welt in „Wir gegenüber den Anderen“. Die „Anderen“ werden allmälich entmenschlicht, man spricht ihnen nach und nach die Rechte und Gefühle ab. Das ist der Anfangspunkt zum Antisemitismus oder jegliche andere Form ethnischer Diskriminierung, von Rassismus.

Israel gehört inzwischen zu den „Anderen“, für die man weder Sympathie noch Objektivität noch Gerechtigkeit aufzubringen vermag. Dabei handelt es sich lediglich um verschiedene Interessen. Israels Existenz ist direkt bedroht, Europa denkt an wirtschaftliche Beziehungen.

Am nächsten Abend gibt es eine andere Show. Netta Barzilai und ihr Sieg bei der Eurovision sorgen für Hochstimmung und geben uns die Möglichkeit Dampf abzulassen. Die Kriegsstimmung wird für ein paar Stunden in den Hintergrund gedrängt. Es ist wie ein Ballon, den man prall aufgeblasen hatte und jetzt einfach loslässt. Er tobt schrill singend in der Gegend herum, bis die Luft raus ist.

In Tel Aviv tanzten die Leute die ganze Nacht in den Straßen. Wir fühlen uns wie ein normales Land. Die überproportionale Israel-Kritik und der wachsende Antisemitismus waren für eine Nacht überwunden.

Nicht für lange, denn die Eröffnung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem steht an. Für die Hamas eine willkommene Provokation und Rechtfertigung der Gewalt. Seit Wochen machen sie die Grenze zwischen Gaza und Israel unsicher. Jeden Freitag senden sie ihre Aktivisten auf „friedliche Demonstrationen“. Diese kommen dann mit Sprengstoff, Molotow Cocktails, Steinschleudern, Drahtzangen, Messern und Äxten und versuchen den Grenzzaun zu durchbrechen.

„Tod den Juden!“ schreiend hüllen sie sich in den schwarzen giftig-stinkenden Rauch hunderter brennender Reifen und schicken Frauen, Kinder und Behinderte vorne weg. Sie wissen, dass kein Scharfschütze auf diese zielen wird. Die Hamas Terroristen streben die Familienhäuser in den naheliegenden Kibbuzim und Orten an. Sie wollen zu den Israelischen Zivilisten…. Und was dann passieren würde, daran wage ich nicht zu denken.

Für den 14. Mai hat die Hamas ganz besonders „friedliche“ Demonstrationen angekündigt. Es ist der Tag vor der sogenannten „Nagba“. Dieser Tag wird jedes Jahr mit besonderer Gewalt gefeiert. Es kommt immer zu Auseinandersetzungen mit der Armee und Israelis halten sich aus bestimmten Gebieten fern. Nun ist es in diesem Jahr auch der Tag, an dem die Zeremonie für die amerikanische Botschaft in Jerusalem stattfindet.

„Es wird ein schlimmer Tag“! Sage ich am Vorabend zu Nuun. Ruhigen Schlaf kenne ich in diesen Tagen nicht.

Am Morgen sehen wir die Live Übertragungen einiger Nachrichten Agenturen aus Gaza. Wie Ameisen strömen sie auf die Grenze zu. Endlose Menschenschlangen, teils mit Fahnen (inklusive Hakenkreuz), von Lastwagen und Traktoren begleitet, die Reifen und wer-weiß-was transportieren. Bald ändert sich das Bild, es wird zum Schlachtfeld, überall Feuer und schwarzer Rauch, Männer binden irgendwelche brennenden Dinge an Drachen, schleudern mit aller Gewalt und viel Gebrüll ihre langen Steinschleudern durch die Luft.

Ich kann mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Mein Boss sagt „6 Tote!“ und schüttelt den Kopf. Eine Stunde später sind es 16, dann 23, dann 28… Die Diskussionen im Büro sind heftig. Wo führt das hin? Was will die Hamas erreichen? „32“! Die Iraner finanzieren diese Revolte. Die Hamas hat zu viele interne Probleme und muss sich wieder populär machen. „37“! Was will die Bevölkerung in Gaza? Muss da unbedingt geschossen werden? Das zählen geht weiter und mit jedem Toten geht die Laune weiter runter.

Am Nachmittag die Zeremonie. Ich schaue sie mir nicht an. Diese ganze Einschleimerei und Selbstverherrlichung finde ich total übertrieben. Obwohl ich mir wirklich wünsche, dass andere Länder den USA folgen werden und ihre Botschaften in die Hauptstadt Israels verlegen.

Bedrückt, besorgt, traurig, demotiviert und pessimistisch beende ich diesen schlimmen Tag. Wird’s morgen noch schlimmer? Die innere Spannung ist erschöpfend.

Am nächsten Tag bleibt es relativ ruhig an der Grenze. Waren es selbst für die Hamas zu viele Tote, die sie vor ihrer Bevölkerung zu verantworten haben? Hat sie die Drohung der Israelis, man würde sich von den Demonstranten abwenden und auf die Hamas Führungskräfte richten, gewirkt? Oder hat die Hamas für genügend erfolgreiche anti-israelische Propaganda im Westen gesorgt?

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9 Gedanken zu “Der Krieg der Anderen

  1. In Deinem vorigen Artikel fragst Du sehr richtig „Wo ist Deutschland?“ …
    Deutschland ist auf der falschen Seite – steht auf der Seite des Irans und führt gegen Israel Krieg! …
    So, so schlimm! … Mir fehlen die Worte! …

    Danke für Deinen eindrücklichen Bericht! …

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    1. Leider ist man sich in Deutschland aber gar nicht dessen bewusst. Die Regierung verfolgt wirtschaftliche Interessen, die Medien druecken auf die Traenendruesen, die Wahrheit ist nicht so wichtig.
      Der Otto-Normalverbraucher sitzt kopfschuettelnd vor dem Fernseher und lamentiert die Brutalitaet der Welt, schluerft sein Bier und ist stolz auf seine eigene Toldranz und Friedliebigkeit.
      Ich glaube nicht, dass in Deutschland jemand „Krieg gegen Israel“ fuehrt. Aber offiziell wagt es kaum jemand sich auf Israels Seite zu stellen und das ist nicht viel besser.

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  2. Danke für deinen Artikel… Ich bin froh dass ich auch mal die menschliche Seite lesen kann und nicht nur was uns die verschiedenen Nachrichtenagenturen vieler Länder glauben machen wollen.
    Be safe!

    LG, Nil

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  3. Es ist nicht allen egal, was in Israel passiert. Nicht mal in Deutschland. Es gibt Menschen, die sehr wohl die Lage Israels als das begreifen, was sie eben auch ist: Eine Nagelprobe der Frage, ob die Demokratie westlichen Zuschnitts die Liberalität und die Zivilisation eine Zukunft haben, oder nicht. Israel leistet an dieser Front, die für viele Europäer so unendlich weit weg zu sein scheint, unfassbar großes und erfährt dafür so unfassbar schlechte Presse. Israel ist ein Stein in der Mauer der Freiheit gegen die Despotie und wir sollten dankbar dafür sein, dass dieser Stein so fest ist. Die Israelis zahlen indes einen hohen Preis für ihr Leben und ihre Freiheit. Auch den Preis, als einzige wirklich täglich damit konfrontiert zu sein, um die nackte Existenz zu bangen.
    Alles was Europa tun müsste ist, mehr Solidarität zu zeigen, anstatt ausgerechnet die Feinde Israels zu unterstützen. Die Anerkennung der Hauptstadt Jerusalem war eine solche Chance, die man leider hat verstreichen lassen. Was wäre geschehen, wenn die ganze EU geschlossen den Schritt der USA adaptiert hätte und der Führung der Hamas klipp und klar zu verstehen gegeben hätte, dass jede Zahlung sofort enden würde, sollte es erneut zu Angriffen auf Israel kommen? Es hätte keine Angriffe gegeben! Die Intervention des ägyptischen Geheimdienstes zeigte doch, dass gerade die Hamas nur eine Sprache versteht, und das ist die Sprache der absoluten Konsequenz.

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    1. Danke fuer Deinen Kommentar. Ich bin mir schon bewusst, dass es auch in Deutschland Stimmen gibt, die anders klingen. Aber aus der Ferne kann ich schlecht eischaetzen, wie laut diese sind. Hier kommen sie jedenfalls kaum an – wenn man nicht Deinem Blog folgt oder dem von Gerd Buurman und dem von Axel Feuerherdt.
      In Deutschland glaubt man doch allgemein, man koenne und muesse neutral bleiben, oder nicht? Wahrscheinlich um die eigenen Interessen zu schuetzen. Man versucht sich herauszuhalten und laesst so zerstoererischen Kraeften freien Lauf. Die UN haben sie auf diese Weise schon erobert. Und es wird wohl so weiter gehen, wenn sich nicht mehr Laender klar fuer die Rechte Israels stark machen, weil sie meinen dadurch eine Konfrontation zu vermeiden. Aber das sagtest Du schon, das Gegenteil waere passiert, haette sich Europa hinter Israel gestellt. Den hoechsten Preis fuer den Seiltanz der Neutralitaet zahlt die Palestinensische Bevoelkerung, dann der Staat Israel und danach Europa.
      Ich wage jedoch zu hoffen, dass Eure Stimmen staerker und mehr werden und rechtzeitig zu einer Richtungsaenderung fuehren.

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      1. Deutschland und seine Neutralität, das ist ein übles Ding. Besonders im Moment. Einerseits geht man in offene Konfrontation mit ausgerechnet DEM Verbündeten, dem wir überhaupt und (fast) in Gänze unsere Freiheit verdanken, den USA, und andererseits hält man starrköpfig an falschen Freunden wie dem Iran fest, indem man ganz offiziell Tipps gibt, Irandeals künftig über China abzuwickeln. Das hat dazu geführt, dass Saudi-Arabien (!) Deutschland nun sämtliche Regierungsgeschäfte verweigert. Die Deutschen hatten noch nie viel Glück mit ihrer Außenpolitik, aber was hier momentan abgeht, wird samt und sonders im Schierlingsbecher zusammengerührt.
        Und Du hast absolut Recht! Den größten Preis für diesen Irrsinn zahlt die palestinensische Bevölkerung, die zwischen Baum und Borke hängt und von all ihren „Freunden“ nur als „revolutionäre Reserve“ angesehen und verheizt werden. Henryk Broder und Martin Niewendick haben dies anlässlich der Botschaftseröffnung sehr gut zum Ausdruck gebracht. (siehe Link)

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      2. Nicht zu vergessen, der tuerkische Sultan reibt sich die Haende und wartet auf seine grosse Stunde.
        Danke fuer das Video. Schoen zu sehen, dass so etwas in der deutchen Presse gezeigt wird. Ich denke Deutschland ist im Vergleich zu manchen anderen west-europaeischen Laendern noch relativ ausgewogen.

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