Lassen Sie Ihre Koffer nicht unbeaufsichtigt!

Das haben wir inzwischen vollkommen verinnerlicht. Herrenlose Taschen oder Koffer sind verdächtig, beängstigend. An Bahnhöfen und Flughäfen erinnert man uns daran in verschiedenen Sprachen.

Dabei explodieren Taschen schon lange nicht mehr. Terroristen sprengen sich gleich selber in die Luft, ballern ungehindert auf offener Straße (siehe Halle) oder stechen mitten auf einer befahrenen Brücke Menschen einfach ab (siehe London).

Tatsächlich sieht man auch nirgends verlorene Gepäckstücke. Man lässt ja schließlich nicht freiwillig seine Sachen irgendwo herumstehen, während man irgendwelche Erledigungen macht. Wer garantiert einem, dass sie noch da sind, wenn man wiederkommt?

Es sei denn, man befindet sich zu Gebetszeiten in einem Zug in Israel.

In den letzten Monaten bin ich oft und viel mit der Bahn unterwegs gewesen. Zur Berufsverkehrzeit sind die Wagen ziemlich voll, man braucht zwar nicht zu stehen, aber alle Sitzplätze werden im Laufe der Fahrt besetzt. 

Eines Morgens setzte sich ein junger Bursche mir gegenüber. Er hatte einen großen Rucksack und noch mindestens eine Tasche, Jacke, Hut usw. dabei. Gleich nachdem der Zug losfuhr, stand er auf und verschwand ohne ein Wort. Ich nahm an, er sei zur Toilette gegangen. Jedoch kam der junge Mann mit Kippa nicht wieder. 

In den ersten 25 Minuten der eineinhalbstündigen Fahrt hält der Zug von Beit Schemesch nach Netanya nirgends an. Ich sass in dieser Zeit dem Gebäck eines Fremden gegenüber und wunderte mich, warum jemand seine Sachen so lange allein lässt und was ich tun sollte, falls er nicht wiederkäme bis der Zug im nächsten Bahnhof anhielt. Dort könnte er ja schließlich den Zug verlassen und dann bliebe seine verdächtige Ladung ……

Kurz bevor wir am Bahnhof von Ramle ankamen, wo der Zug seinen ersten Halt macht, kam der Kerl wider und setzte sich zu seinen bisher unbeaufsichtigten Siebensachen.

Am selben Tag nahm ich den Zug auf derselben Strecke wieder zurück. Ich setzte mich in den letzten Waggon, da ich hoffte, die meisten Leute würden im mittleren Teil sitzen und ich hätte am Ende etwas mehr Ruhe.

Nachdem wir den Bahnhof in Ramle passiert hatten, begannen Männer Blicke auszutauschen. Sie nickten einander zu, einige standen auf, jemand ging herum und lud Männer mit Kippas in den hinteren Teil des letzten Waggons. 

Wenige Minuten später stand eine Gruppe von Männern mit ihren Gebetsbüchern zwischen den Bänken und murmelten leicht hin und her wippend vor sich hin. 

Es war das letzte Mal, dass ich den letzten Waggon um diese Zeit auf dieser Strecke wählte. Ich habe nichts dagegen, dass Leute ihr Abendgebet gemeinsam in der Bahn abhalten, aber ich muss auch nicht unbedingt dabei sein.

Von nun an zog ich es vor, im zweiten oder dritten Bahnwagen zu sitzen. Jedes Mal, auf dem Teil der Strecke zwischen Ramle und Beit Schemesch, blieben irgendwo unbeaufsichtigte Koffer und Taschen stehen. Manche liessen Ihre Laptops auf dem Tisch und den Mantel auf dem Sitz.

Manchmal bittet jemand einen Nachbarn, auf die Sachen aufzupassen, aber das ist nicht notwendig, denn es versteht sich von selbst. Jeder, der diese Strecke fährt, kennt es. 

Beit Schemesch hat eine große religiöse Bevölkerung, aber ich bin mir sicher, dass auch auf anderen Strecken in Israel ähnliche Bräuche herrschen. 

Es verleiht einem eine gewisse Ruhe, eine Art Vertraulichkeit und Zusammengehörigkeit. Die bloße Tatsache, dass Leute sich für eine Viertelstunde oder mehr voll ihrer geistigen Aktivität widmen können, ohne um Ihre Habseligkeiten bangen zu müssen und die Tatsache, dass niemand in seinen wildesten Albträumen auf die Idee käme, dass eines der unbeaufsichtigten Utensilien gefährlich sein könnte, ist ein Stück Lebensqualität

2 Gedanken zu “Lassen Sie Ihre Koffer nicht unbeaufsichtigt!

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