Sonntagsspazieren auf Israelisch

In Israel ist es natürlich der Samstag, an dem man traditionell spazieren geht oder -fährt. Wenn der Wetterbericht die ganze Woche lang schönes Wetter ansagt, dann sucht sich der Israeli ein schönes Plätzchen für ein Picknick am Wochenende. Das macht jeder auf seine Weise.

Der vergangene Samstag sollte so ein sonniger Wintersamstag werden, an dem es die Menschen aus den Häusern zieht. Auch wir machten uns mit dem neuen Moped um acht Uhr morgens auf den Weg. Auf der leeren Schnellstraße ging es bis nach Beth Schemesch und von dort an auf kleineren Landstraßen gen Süden, wo jetzt alles grün ist. Die Landstraßen waren schon etwas mehr befahren, hauptsächlich von Motorradfahrern und die kleineren Straßen von Fahrradfahrern. Teilweise sind sie in Gruppen unterwegs, so wie auch wir es planten.

Im HaEllah Tal trafen wir zwei weitere Paare auf Motorrädern. Dann ging es gemeinsam weiter in Richtung der blühenden Wüste. Nach etwa einer Dreiviertelstunde machten wir unseren ersten Halt Nahe Kibbuz Yad Mordechai, der für seinen Honig bekannt ist. Auf einem Picknickplatz wurden die Tischdecken und das mitgebrachte Frühstück ausgebreitet. Fünf weitere Motorräder kamen hinzu. Jeder packte etwas aus, Salat, Eier, Jachnun (eine Jemenitische Teigwahre), Tehina, Oliven und natürlich schwarzer Kaffee im Finjan auf einem kleinen Gasbrenner gekocht. Die Tische neben uns blieben auch nicht leer. Familien mit Kindern hatten es sich dort bequem gemacht. Sobald wir unsere Tische verließen saß schon die nächste Familie dort.

Danach sollte es dann richtig losgehen, vier Stationen standen auf dem Programm. Die erste Station war ein Aussichtspunkt und Wasserreservoir bei Kibbuz Nir Am. Schon als unsere Motorradkolonne in den Parkplatz einbog, fielen uns die Soldaten und Kommandowagen an der Einfahrt auf. Auch auf dem Parkplatz selber befand sich ein ungewöhnlich hohes Aufgebot an Armeefahrzeugen, die dort herum-manövrierten. Wir hielten unweit von einem riesigen Panzer an, wurden aber sofort von Soldaten davon abgehalten weiterzugehen. Die Stätte sei geschlossen, sagten Sie ruhig und freundlich, es bestehe Scharfschützenalarm. In der Tat, wir befanden uns weniger als einen Kilometer von der Grenze zu Gaza. Von dem Aussichtspunkt hätte man im Süden nach Gaza hineingeschaut und etwas mehr nördlich in der Ferne das Meer gesehen. Der Ort wurde zum Gedenken an den drusischen General Nabih Meri, der hier von einem Scharfschützen aus Gaza in 1996 erschossen wurde, eingerichtet.

Einer der Soldaten begrüßte uns zu unserer Verwunderung mit unseren Vornamen. Er war der Sohn einer Nachbarsfamilie, die wir aber nur flüchtig kennen. Dann ging er rasch weiter um andere Besucher zu warnen. Eine grimmige Erinnerung an die Realität, in der wir leben. Plötzlich stelle ich mir vor, das genau unter uns ein Hammas-Tunnel gebuddelt wird und wie es wäre, wenn Hammas-Anhänger gerade hier aus dem Boden hervorkämen, mit Maschinengewehren und Handgranaten bewaffnet.

Wir fahren weiter nach Süden. Nicht weit entfernt befindet sich die Gedenkstätte Schwarzer Pfeil “Chetz Schachor”. Es handelt sich dabei fast um ein kleines Open-Air Museum. Gedacht wird den Opfern, die Ende der 50er Jahre durch feindliche Eindringlinge in dieser Gegend ihr Leben verloren. Es waren einige hundert. “Schwarzer Pfeil” war der Name einer Gegenaktion, die hier auf Steintafeln erklärt wird. Die Stätte ist sauber und gut erhalten, trotz der vielen Menschen, die hier ihren Samstagsausflug her machen um einen Blick auf Gaza zu bekommen, oder ein wenig Israelische Geschichte zu lernen oder einfach nur auf dem dazugehörigen Picknickplatz zu grillen. Gruppenweise treffen die Leute mit Autos, Fahrrädern oder Motorrädern ein. Um diese Jahreszeit sind noch nicht so viele per Fahrrad unterwegs. Sobald es etwas wärmer wird, übernehmen diese jedoch die schönen Landstraßen und viele Ausflugsorte in großen Teilen von Israel.

Ich schaue nach Gaza hinüber und mir wird bewusst, wie winzig unser Land doch ist. Wir sind nur ungefähr eineinhalb Stunden Fahrzeit von unserer Wohnung entfernt. Und bei uns ist das Land schon zuende, wenn man die umstrittenen Gebiete nicht hinzuzählt.

Wir schwingen uns wieder auf die Motorräder und schlegeln uns zwischen Autos und Menschen vom Parkplatz. Die Fahrt geht weiter in Richtung Süden, parallel der Grenze mit Gaza. Das nächste Ziel ist Kibbuz Beeri. Wir lassen damit den geschichtlichen Teil unseres Ausflugs hinter uns. Jetzt heißt es Natur genießen! Die Gegend um den Kibbuz ist bekannt für seine Fülle an Mohnblumen. Gegen Ende des Winters zeigt sich hier der Frühling als erstes in seiner vollen Schönheit. Dementsprechend ist die Gegend ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Der Parkplatz ist vollkommen überlaufen. Wir halten uns von vorn herein von Kiosken usw. fern um Menschenauflauf zu meiden. Mit den zweirädrigen Gefährten hat man es leichter durch das Gedränge zu kommen und kann die vierrädrigen Fahrgestelle hinter sich lassen.

Zu Fuß geht es dann weiter ins Grüne. Die Zeit im Jahr, da hier alles grün ist, ist sehr kurz, nur wenige Wochen. In dieser Zeit kommen Israelis aus dem ganzen Land nach Beeri um die grüne Wüste zu bewundern und die roten Mohnblumenfelder drum herum. Leider wurden wir an diesem Samstag von den Mohnblumen etwas enttäuscht. Die erhoffte Menge blieb aus. So legten wir uns ins Gras und freuten uns des schönen Tages.

Langsam kam der Mittagshunger auf, Zeit die Maschinen wieder rollen zu lassen. In einer Reihe machten wir uns auf den Weg zum Essen in einem Gartenrestaurant. An Sederot vorbei durchquerten wir die grüne Landschaft. Irgendwo bog der Anfuehrer der Truppe in einen kleinen Moschaw namens Kochav Michael ein. Ich fragte mich, wo hier ein Restaurant sein sollte. Wer macht denn ein Restaurant an einem so unzugänglichen Ort auf? Es handelte sich um eine dieser individuellen Ideen, die jemand hat um sein Geschäft anzukurbeln. Den Israelis fällt immer etwas ein. Dieser hier hat ein paar Gartentische in seinem privaten Garten aufgestellt und einen riesigen Grill. Dort gibt es nichts als frisch gegrilltes Fleisch mit Kartoffeln und Sauerkraut, sowie zwei Sorten Bier, Cola und Limonade. Alles unter freiem Himmel. Ich denke am Samstagabend, wenn die Mohnblumentouristen weg sind, packt er alles ein und holt es erst am nächsten Samstag wieder raus. In der Woche ist es ein normales Catering Geschäft und heisst Salt and Pepper.

Damit war die Samstagstour am frühen Nachmittag beendet. Von hier konnte jeder selbst entscheiden, ob er weiter nach Mohnblumen suchen oder seinen Nachmittagskaffee zuhause trinken will. Wenn auch nicht alles so gelaufen ist, wie wir es vorgesehen hatten, es war doch ein gelungener Tag. Ein typisch Israelischer Samstagsausflug.

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Von Vorne anfangen…

Ein paar Zahlen zum brennenden Israel: Um die 100 000 Menschen evakuiert.
Etwa 630 Brandstätten verteilt über das ganze Land über 5 Tage. Geschätzte 560 Wohnungen zerstört. Vermutlich 180 Verletzte, davon nur eine Person schwer. Keine Toten.

Das ist schon beachtlich. Die Arbeit, die hier von der Feuerwehr geleistet worden ist, sowie von anderen Hilfskräften, inklusive vor allem Armee und Polizei, finde ich schon bewundernswert. Nicht zuletzt die Bevölkerung selber kann ich nur bestaunen. Die Besonnenheit und Aufmerksamkeit mit der in dieser Ausnahmesituation gehandelt wurde, trug erheblich dazu bei, dass Menschen unversehrt blieben.

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Ein anderer Alltag

Mein eigener Alltag in Israel ist friedlich und wahrscheinlich nicht viel anders als ein Alltag in Deutschland. Eine Autostunde weiter südlich haben die Menschen Sorgen, die weder Du noch ich kennen. Eine Art von Sorgen, die sich wohl niemand, nicht einmal die Menschen, die im Süden Israels selber leben, vorstellen können. Eine Bedrohung, die unter der Erde wächst, ungesehen und unberechenbar. Niemand weiß wirklich, was dort passiert und wo das alles hinführt.

Die Zeitung Die Welt hat das in diesem Artikel ‚Israels Angst vor dem Terror aus dem Tunnel‘ zu erfassen versucht.

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Ein Araber, ein israelischer Soldat und eine Straßensperre

Der Fahrer ist Araber. Viele Fahrer der Linie 101 sind Araber. Die Meisten kenne ich schon, aber nicht diesen.  Woher ich weiß, dass er Araber ist? Ich sehe es. Frag mich nicht woran, es ist die Übung. Nein, es hat absolut nichts mit Rassismus zu tun! Man gewöhnt sich daran die feinen Unterschiede wahr zu nehmen. Genauso, wie ich kein Problem habe deutsche Touristen von weitem zu identifizieren und von dänischen oder holländischen zu unterscheiden. Genauso, wie ich russische oder französische Immigranten erkenne ohne, dass sie den Mund aufmachen, und Amerikaner herausfiltern kann. Das Unterbewusstsein nimmt die Unterschiede in Körpersprache, Gesichtsausdruck usw. auf. Irgendwann beginnt man intuitiv Fremde damit einzuordnen. Wenn man mit Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern umgeben ist, kriegt man darin Übung.
Das nur nebenbei.

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Abschleppen und ähnliche Geschichten aus der Männerwelt

Schon seit einiger Zeit gab meine Kupplung krächzendes Stöhnen von sich wenn ich das Pedal herunter trat. So konnte es nicht weiter gehen. Nuun, der bei uns für Autoprobleme zuständig ist, hörte sich das an, erklärte irgendetwas über Kugellager und empfiehl mir damit zu Ramsi zu fahren. Das tat ich ein paar Tage später, an meinem ‚freien‘ Tag, der immer sehr schnell mit allen möglichen Erledigungen beladen wird. Nuun hatte Ramsi bereits per Handy informiert. Die Autowelt ist eine Männerwelt. Ich bin froh, wenn ich mich da ‚raus halten kann. Ramsi kam mir auf einem großen Parkplatz, unweit der Werkstatt, in der er angestellt ist, entgegen. Neben meinem Fahrzeug blieb er stehen, hörte sich sein Krächzen kurz an und entschied es sei das Getriebe. Es müsse ausgewechselt werden.

Verdammt! Das wird teuer!

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