Gedankentreiben oder das Netz der Kringel-Menschen

Es bot sich an in dieser Zeit: Von zu Hause arbeiten. Diese Einrichtung schien mir, wie vielen andern auch, sehr bequem und attraktiv. Alles, was ich brauchte, war ein Computer und Internet Verbindung. Damit war es getan, keine Investition war nötig, kein Auto, mit dem ich in langen Staus schwelte, keine Kollegen, die Intrigen auskochten, die ich immer erst dann erkannte, wenn man mir die Butter schon vom Brot geleckt hatte.

Einfach in die Außenwelt einloggen und es konnte losgehen. Schon hatte ich alle Werkzeuge, die ich benötigte und jede Menge gekringelte Kontakte direkt an meinen Fingerspitzen (auf Hebräisch heißt das At-Zeichen frei übersetzt ungefähr „Kringel“). In dem Moment, wo man den Computer anschaltete blies man Leben in seinen eigenen Kringel und von da an waren die Möglichkeiten unbegrenzt. Es war vollkommen egal, wo auf der Welt man sich befand. Meine Vorgesetzten saßen an mehr oder weniger modernen Schreibtischen mit mindestens zwei oder drei Flachbildschirmen in renovierten Bürogebäuden in Toronto und New York. Meine Kollegen hockten in ihren eigenen Wohn- oder Schlafzimmern, in einem Café, am Pool, im Park, im Hotel oder wer-weiß-wo, in Kalifornien, Indien, Afrika oder Israel. Unsere Geschäftspartner befanden sich in Hinterzimmern kleiner Fabriken in Malaysia oder Vietnam oder spärlich möblierten – jedenfalls für unsere Maßstäbe – Arbeitszimmern irgendwelcher Großhändler, die für uns eher wie mittlere Supermärkte aussehen, in Thailand, Indonesien oder sonstwo in Asien.

So machten wir Geschäfte. Man schickte alles per E-Mail. Telefoniert wurde kaum, da man einander aufgrund der verschiedenen Akzente kaum verstand. Manche konnten gerade genug Englisch, um sich durch kostenfreie Übersetzungsprogramme verständlich zu machen. Mit anderen konnte man chatten. Jeder war mehr oder weniger 24/7 verfügbar. Bald ging man auf WhatsApp über, wenn per E-Mail nicht schnell genug eine Antwort kam.

Ich saß also den ganzen Tag allein in der Wohnung vor dem flachen Flimmerschirm. Die Menschen, mit denen ich kommunizierte, waren Tausende von Kilometern entfernt, hatten keine Gesichter und keinen Charakter. Sie lachten nicht und regten sich nicht auf. Sie waren für mich nur die vage Ahnung einer Gestalt, die Worte in den Computer tippte, genau wie ich für sie. Sie hätten in meiner Nachbarwohnung sitzen können und wir hätten nichts voneinander gewusst. Im Treppenhaus hätten wir uns gelegentlich freundlich zugenickt und jede/r hätte sich gefragt, ob die/der andere vielleicht arbeitslos ist. Nein, lange wäre das so nicht gegangen. Nicht in Israel, denn irgendwann hätte man angefangen zu plaudern. Ich kannte meine Nachbarn und es war immer nur eine Frage der Zeit – egal wo ich wohnte, bis ich die Mitbewohner kennenlernte. Unter den Nachbarn anonym zu bleiben, hätte mich erhebliche Anstrengung gekostet.

In der Zeit, da ich Deutsch übers Internet lehrte, bekamen die Gestalten auf der anderen Seite des Internets eine Stimme. Das macht viel aus, denn mit der Stimme übermittelten sie mir auch Gefühle, selbst wenn das nicht unbedingt beabsichtigt war. So konnte man wenigstens gelegentlich mal lachen oder war sich bewusst, dass die/der andere zufrieden oder gestresst, frustriert oder gleichgültig war. Für mich als Lehrerin war das sehr hilfreich. Beim Verhandeln um Waren war das unwesentlich, wäre vielleicht sogar eher hinderlich gewesen.

Ansonsten war es jedoch nicht viel anders. In diesem Fall saß die Firmenleitung in sehr luxuriösen Bürokomplexen in Tokyo und unsere direkten Vorgesetzten in London, glaube ich. Die Kunden loggten sich in Europa und Amerika aus Sitzungsräumen, privaten Büros oder von zu Hause ein, während die Lehrkräfte bemüht waren einen Platz in der Wohnung zu finden, wo das Sirenengeheule nicht zu hören war. Raketenalarm durfte es in den Ohren der Lernenden nicht geben. Niemand durfte wissen, dass die Firma einen Sitz in Israel hat. Das ist schlecht für die Publicity. Es könnte Kunden verscheuchen und sie in die Hände der Konkurrenz treiben. Obwohl die Konkurrenz mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls in oder aus Israel operiert und das mit genau derselben Seriosität und ein wenig Bluff geschickt vertuscht.

Serviceanbieter, wie diese Sprachschule haben es noch relativ leicht. Viele Firmen investieren enorme Geldsummen und wertvolle Zeit, um geheim zu halten, dass ihre Produkte aus Israel stammen, da sie dort entwickelt und eventuell auch hergestellt wurden. Das Logo der israelischen Firma wird durch ein Eigenes ersetzt. Das bedeutet, dass israelische Firmen verschiedene Produktionslinien für verschiedene Abnehmer haben, damit dasselbe Produkt mit verschiedenen Logos hergestellt werden kann. Auch muss sichergestellt werden, dass nirgendwo auf dem Produkt oder beigefügtem Druckmaterial hebräischer Text zu finden ist. Dann wird die Ware so in der Welt herum gesendet, dass niemand mehr nachverfolgen kann, dass sie in Israel ihren Ursprung hat. Eine Mission, die vor allem eine bürokratische Herausforderung darstellt. Man will ja schließlich keine internationalen Handelsgesetzte brechen.

Als online Sprachlehrer setzte man sich mit dem Laptop in den Sicherheitsraum, war bereit den Mute-Knopf am Head-Set jederzeit zu betätigen und gegebenenfalls die Internetverbindung mutwillig zu sabotieren, um sich dann 10 Minuten später wieder einzuloggen und sich beim Schüler ausgiebig für die technischen Störungen zu entschuldigen.

Den Asiaten, mit denen ich arbeitete war es übrigens egal, ob ich in Israel saß oder am Nordpol oder auf den Bahamas, selbst wenn sie Muslime waren. Sie wollten Geschäfte machen, oder Deutsch lernen. Bei den Europäern musste man besonders vorsichtig sein und bei den Nordamerikanern. Bei denen konnte man nie wissen, wie sie reagieren und wo sie standen. Wenn ich nach vielen Lehrstunden meine Schüler gut genug kannte, erlaubte ich mir die Wahrheit zu sagen. Allerdings nur, wenn sie fragten. Dann breitete sich erst einmal verlegene Stille im Netz-Raum zwischen den beiden Headsets aus. Für einen Moment wurde man sich der Entfernung und der Fremdheit bewusst. Mit ein wenig Mut wurde das Schweigen aber schnell durch Erstaunen und Neugierde abgelöst. Niemand wollte es so richtig glauben, obwohl jeder sofort verstand, dass es wahr war. Man kontaktierte seit Monaten mit einer Israelin, die tatsächlich in Jerusalem saß, und ließ sich von ihr lehren. Etwas Schlechtes hätte niemand jemals geäußert. Wenn man sich persönlich kennt ist alles ganz anders. Dann geht es um Menschen. Sobald es allerdings um große Interessen geht, ….  na, lassen wir das jetzt.

Eigentlich wollte ich Euch etwas von meinem Hund erzählen, aber die Gedanken haben mich in eine andere Richtung getrieben. Darüber schreibe ich dann das nächste Mal.

Islam App jetzt für Android und IPhone

Während ich vorgestern an einer Übersetzung arbeitete und eine der on-line Wörterbücher öffnete, poppte mir folgende Werbung in Großbuchstaben entgegen: ‚Was ist Islam?‘ Und darunter stand etwas kleiner ‚Islam kennenlernen und konvertieren mit Direkthilfe im Chat‘ – Wie bitte? Da muss ich wohl etwas falsch gelesen haben. Noch einmal: ‚Islam kennenlernen….‘ – bis hier alles o.k. – ‚und konvertieren…. ‚ – ja genau, konvertieren! – ‚mit Direkthilfe im Chat‘. Ich musste das ein paar Mal lesen, um es zu glauben. Per Klick kann man jetzt zum Islam konvertieren!  Als sei Religion eine App zur Kommunikation mit Gott. Einfach aufs Handy oder den PC runter laden und Allah macht den Rest. Erst kriegst Du eine Probephase zum ‚kennenlernen‘ und im Chat kannst Du Dir Deine Gehirnwäsche abholen.

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Wo computerunterstütztes Lernen immernoch nur ein Traum ist

Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher treffen sich in einem Lokal
in Riga. RozengralsEs heisst Rozengrals und ist vollkommen in mittelalterlichem Stil ausgestattet. Man sitzt bei Kerzenlicht auf groben Holzschemeln an groben Holztischen und bekommt als Appetitanreger leckere Nüsse und grobes Brot in kleinen Jutesäckchen serviert. Man lauscht den Flöten- und Leierspielern als man sich köstliches Lamm am Spiess mit Linsen von Kellnern in langen Gewändern servieren lässt und trinkt dazu schmackhaftes lettisches Bier. Am Ende gibt es noch scharfen hausgemachten Vodka. 

Sagt der Engländer zu dem Franzosen:

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