Ich will doch nur nach Hause!

Eigentlich hatte ich geplant um 18:00 das Büro zu verlassen. Leider klappt das nicht immer ganz, wie geplant und um zehn nach Sechs hatte ich den PC noch immer nicht ausgeschaltet. Zu spät. Den Bus hätte ich nicht mehr geschafft, dann lieber noch eine Stunde arbeiten, als auf den nächsten Bus warten. Wie viel Zeit mich diese Entscheidung wirklich kosten würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten von meinem kleinen Dorf nahe Jerusalem ins Zentrum von Tel Aviv und zurück zu gelangen. Eine davon hatte ich hier schon einmal beschrieben. Inzwischen gibt es eine weitere Buslinie, die mich ganz bis zum Büro bringt, ohne umsteigen zu müssen. Die 484 fährt morgens einige Male nach Tel Aviv rein und nachmittags jede Stunde aus Tel Aviv raus. Das macht das Hin-und-her-fahren erheblich bequemer, wenn auch ein wenig teurer.

Dem Fahrplan folgend, machte ich mich um kurz nach Sieben auf die Socken. Inzwischen hatte mich die Information erreicht, dass unten eine kleine Demonstration dafür sorgte, dass eine große Kreuzung gesperrt war. So was passiert, hat mich allerdings bisher noch nie direkt betroffen. Diesmal jedoch, war auch eine zweite Kreuzung gesperrt, genau die nämlich, an der ich meinen Bus nach Hause nehme. An der Stelle halten etliche Busse, einer nach dem anderen stehen sich gegenseitig im Weg beim Ein-und Ausladen der Fahrgäste. An diesem Abend wurde der Verkehr umgeleitet. Die Busse mussten die Unterführung unter der Kreuzung nutzen. Wo aber sollte ich – und all die unzähligen anderen Fahrgäste nun unseren ersehnten Heimweg antreten? Der Verkehr in der Unterführung stand praktisch still. Ich tat, was alle anderen taten und begann in Richtung der nächsten Haltestelle zu laufen. In schnellem Schritt, als würde ich von den Demonstranten – die ich übrigens nirgends sah – selber gehetzt, ging ich die vierspurige Straße entlang, über die riesige Kreuzung und auf der anderen Seite mitten auf der leeren Straße weiter. In hackigen Büroschuhen, nach einer ermüdenden Arbeitswoche war das eine recht unwillkommene sportliche Aktivität.

Auf der anderen Seite der Unterführung standen einige Leute auf dem schmalen Bürgersteig, genau dort, wo die Fahrzeuge wieder auftauchten. Mir wurde schnell klar, dass diese auch auf ihre Busse warteten und hofften sie hier anhalten zu können. Keine schlechte Idee, wenn die Busfahrer auch so dachten. Vorsichtshalber fragte ich jemanden, ob die Busse wirklich anhielten. Ja, sie hielten. Die Leute zeigten den Fahrern einfach mit hochgehobenen Händen an, dass sie einsteigen wollen, und so klappte das. Ich stellte mich dazu, wartete unruhig und prüfte jeden näher kommenden Busse nach der Nummer: 71, 454, 501, 68, 111, und und und, aber keine 484. Mehr und mehr Menschen sammelten sich an, wirbelten mit den Armen in der Luft herum, rannten zu ihren Bussen, hämmerten an die Scheiben, wenn es sein musste. Zwischendrin radelten thailändische Gastarbeiter zu zweit auf klapperigen Fahrrädern, Mopeds schlängelten sich vorbei, Autos hupten. Wartende Leute berichteten Angehörigen übers Handy, fragten herum. Dann kam ein junger Kerl mit einem Einkaufswagen und rief laut immer wieder: „Frische Brezeln! Drei für 10 Schekel! Frische Brezeln, jemand…?“ Es wurde langsam dunkel, die 484 lies weiter auf sich warten. Ich hatte sie wohl verpasst und musste mich jetzt gedulden. Die Kreuzung, an der ich den Shuttle Bus hätte nehmen können war schließlich auch gesperrt. Das war also keine Alternative. Ich drehte mir eine Zigarette zum Chillen. Der Brezeltyp kam auf mich zu und fragte, ob es eine Frechheit sei, um eine Zigarette zu bitten. Ich sagte nein, ob er denn drehen könne. Er lächelte cool und meinte mit einem verschmitzten Lächeln, Tabak könne er nicht drehen nur andere Sachen. „Ach Bürschchen“, dachte ich bei mir, „Ich bin im Berlin der 70er Jahre aufgewachsen, du machst auf mich keinen Eindruck.“ Dann drehte ich ihm eine Zigarette, denn ich hatte ja nichts Besseres zu tun. Danach kaufte ich ihm auch ein paar Brezeln ab. Ich ahnte, dass ich so schnell nichts zum Essen bekommen würde.

Gegen zwanzig nach acht wurde ich wieder aufmerksamer. Dem Zeitplan nach musste der nächste Bus demnächst kommen. Mit den ganzen Staus war er natürlich nicht pünktlich zu erwarten, aber aufpassen sollte ich schon. Wieder fuhren 1er und 71er und 178er und ich-weiß-nicht-was vorbei. In alle möglichen Richtungen fuhren sie, nach Bat Yam und Modiin, nach Rischon Lezion und Beit Schemesch, nicht aber der 484er nach Mevasseret. Langsam machte sich in mir der Unmut breit. Geduldig war ich lange genug gewesen. Um Viertel vor neun erklärte ich Nuun am Handy ich würde jetzt irgendwo anders in die Nähe fahren, und er müsse mich dann halt abholen.

Wenige Minuten später stieg ich in einen beliebigen Bus, der zum zentralen Busbahnhof von Tel Aviv fährt ein. Von dort würde ich den Bus nach Jerusalem nehmen. Der Bus war voll und stickig, ich setzte mich auf die Treppe, umgeben von asiatischen Gastarbeiterinnen, Soldaten, älteren Leuten und wer sonst noch abends in der Innenstadt in Bussen herumfährt. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis wir ankamen. Genug Zeit jedoch, um mir in Erinnerung zu rufen, dass der zentrale Busbahnhof von Tel Aviv einer der chaotischsten Plätze ist, die es überhaupt gibt. Sogar Bangkok wirkt harmlos im Vergleich dazu. Als ich die Sicherheitskontrolle passiert hatte, wurde mir ein wenig mulmig. Das Gebäude ist ein enormes Labyrinth: Sieben Stockwerke – zum Teil unter der Erde -, mit unzähligen Rolltreppen und Fahrstühlen verbunden, Hunderte von Geschäften in verwundenen Gängen und offenen Hallen. Als er in 1993 eröffnet wurde, war er der größte Busbahnhof der Welt. Das muss man sich einmal klarmachen, denn ganz Israel hat insgesamt ein Viertel der Einwohnerzahl von Neu-Delhi, eine Stadt, in der weit mehr busgefahren wird. Und wenn ich schon mal bei Bangkok bin, dort leben etwa gleich viel Menschen, wie in ganz Israel. Heute noch ist er der zweitgrößte Busbahnhof weltweit. Die Anzahl der Reisenden ist in Tel Aviv jedoch vergleichsweise verschwindend klein. Dafür ist der Tel Aviver Busbahnhof aber einer der faszinierendsten Orte, wie man aus diesem Artikel entnehmen kann. Die Unkonventionalität und der kreative Geist der Israelis lebt sich hier so richtig aus und bringt interessante Projekte in den ungenutzten Flächen hervor. Aber auch die Schattenseite des Größenwahns, der zu diesem Bau geführt hat, und der modernen Gesellschaft sind leider nicht zu übersehen. Es gibt irgendwo in diesem monströsen Bauwerk zum Beispiel einen geheimen Zweite-Hand-Markt, an dem Leute nicht selten ihre gestohlenen Fahrräder oder andere Sachen wieder finden. Wenn man es schafft den Verkäufer davon zu überzeugen, dass man der eigentliche Eigentümer ist, bekommt man es auch relativ problemlos wieder zurück. Die Polizei will hier niemand haben, das wäre schlecht für das Geschäft. Es ist ein echter Geheimtipp. Also, bitte nicht weiter erzählen, es sei denn, Ihr kennt jemanden, dem etwas gestohlen worden ist in Tel Aviv.

Nun stand ich irgendwo in einer Ecke dieses kolossalen Wirrwarrs und hatte keine Ahnung, wo die interstädtischen Busse abfahren oder wie ich dort hinkommen sollte. Schilder mit Pfeilen in alle Richtungen fand ich überall. Als erstes nahm ich eine Rolltreppe nach oben, denn ich erinnerte mich, dass die entsprechende Plattform in einem der oberen Stockwerke war. Oben war kein Mensch, nur ein langer Korridor mit Glaswänden und Türen, die zu Haltestellen führten und an der gegenüberliegenden Wand Bänke. Also wieder runter. Die Rolltreppe war außer Betrieb, wie auch viele andere. Noch eine Rolltreppe hinunter – diese wurde mehr benutzt und funktionierte. „Sie sind im 4. Stock“, hieß es auf einer Tafel. Wieder unzählige Schilder und Pfeile, überall Rolltreppen und Gänge, in denen irgendwelche Waren vor den verschiedenen Läden ausgestellt waren. Hier ein paar runde Kleiderständer, da irgendwelches Spielzeug, woanders Zeitschriften oder irgendein Klimbim. Ein paar Mal fuhr ich verschiedene Rolltreppen hoch und runter, ging unmerklich von einem Stockwerk ins andere, denn auch schräge Übergänge gibt es. Immer wieder fand ich mich an irgendwelchen Toiletteneingängen oder Sackgassen, vor verschlossenen Türen oder Aufzügen, die mir nur Angst machten. (Man stelle sich vor hier in einem Aufzug stecken zu bleiben, oder ausversehen in das Stockwerk der Fledermäuse zu gelangen. Ein guter Anfang für einen gelungenen Horrorfilm).

Informationsschalter waren nicht besetzt. Inzwischen war es nach neun. Ich entschied einfach dorthin zu gehen, wo sich am meisten Menschen hin bewegten, obwohl nur noch sehr wenige unterwegs waren. Dort fand ich mich in einer Art Rondell von dem Gänge, Treppen und Rolltreppen scheinbar planlos in alle Richtungen führten, mit Schildern bestückt, die alle dasselbe kund zu tun schienen. Auf dem Fußboden lagen Plastiktüten und Kartons verstreut. Einer der Ladeninhaber war anscheinend gerade dabei neue Ware auszupacken. Da um diese Zeit keine Käufer mehr durch die Gänge laufen, sondern nur solche, die wirklich irgendwohin fahren, meinte er wohl es sei o.k. sich auszubreiten, als wäre er in seinem privaten Lager. Ich fand endlich jemand, den ich fragen konnte. Dieser glotzte mir direkt ins Gesicht, wobei er viel zu nahe kam, war dann aber sehr freundlich und wies mich tatsächlich zu dem langen, breiten Korridor im sechsten Stock mit dem Bahnsteig, von dem die Busse in alle Richtungen Tel Aviv verlassen.

Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich von diesem Busbahnsteig abgefahren war. Der Bahnhof war gerade eröffnet worden, die Fußböden glänzten, ebenso die Fensterscheiben, es roch noch synthetisch frisch. An vielen blanken Ladenfassaden und Schaufenstern stand „In Kürze öffnet hier…“. Es war ein Samstagnachmittag, die ersten Busse begannen ihre Schicht nach der Wochenendpause. Es war genauso leer, wie jetzt, aber ich erinnere mich, dass mir alles sehr sehr hell vorkam. Die Farben der Schilder und Leuchtanzeigen funkelten. Es ist mir deshalb so gut in Erinnerung, da es in krassem Gegensatz zu meiner eigenen Laune stand. Damals war ich ebenfalls auf dem Weg nach Hause, aber nach einer herzbrechenden Trennung, die mir damals wie das Ende aller Hoffnung erschien. Anstatt, dass mir dieser funkel-nagelneue Bahnhof Hoffnung auf einen frischen Start in die Zukunft gegeben hätte, vermittelte er mir nur trostlose Befremdlichkeit. Schließlich war er fast menschenleer und vollkommen unüberschaubar.

Am letzten Donnerstagabend passte die inzwischen etwas trostlose und verwahrloste chaotische Atmosphäre des Busbahnhofs allerdings sehr gut zu meiner Stimmung. Ich wollte nur nach Hause. Um 21:30 saß ich endlich an meinem Brezel knabbernd, mit dröhnendem Kopf und schmerzenden Füßen im Bus auf dem Weg nach Jerusalem. Ende gut, alles gut. Ich wollte schon lange mal etwas über diesen Busbahnhof schreiben.

Hier noch einmal der Artikel „Ein graues Wunder“ in DIE ZEIT: http://www.zeit.de/2015/12/tel-aviv-israel-zentraler-busbahnhof

Von gealterten kleinen Prinzen und Dirigentinnen

Lobgesang

Musik ist gut für die Seele, am besten live. Je mehr, desto besser.
Letzten Monat ließ ich mich von einem Konzert mit Chor und Orchester verwöhnen. In der Henry Crown Halle des Jerusalem Theaters war der Stuttgarter Chor Laudamus Te beim Jerusalemer Oratorio Chor zu Gast. Gemeinsam mit dem Symphonieorchester gaben Sie Mendelsohn zum Besten, den 42. Psalm und Symphonie Nr. 2 „Lobgesang“. Es müssen insgesamt wohl etwa 150 Sänger gewesen sein, die sich auf der Bühne hinter dem Orchester drängten. Die Darbietung war davon nicht beeinträchtigt. Wer dem Konzert in der Liveübertragung im Radio folgte, dem war das natürlich sowieso egal. Ich saß in der dritten Reihe und hatte das Privileg von dort aus die Violinistinnen und Dirigentinnen aus erster Nähe zu beobachten.

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Ich und Du

Ich bin eher ein häuslicher Typ, halte mich von Menschenansammlungen fern. Shopping gehe ich nur, wenn ich keine Wahl habe. Sogar Musik Veranstaltungen sind mir oft zu stressig, weil mich das ganze Menschen Durcheinander nervt. Trotzdem habe ich mich neulich dazu überreden lassen zu einer Art Mitsing-Konzert zu gehen und das um eine Zeit, zu der mir normalerweise schon die Augen zufallen. Skeptisch und relativ müde verließen wir die Wohnung. „Wir müssen nicht hingehen, wenn du nicht möchtest“ sagte Nuun verständnisvoll aber doch etwas enttäuscht. „Doch, ich möchte“, versuchte ich mich selber zu überzeugen, „vielleicht tut es mir gut. Wir müssen ja auch mal raus und etwas anderes tun, als immer nur Arbeiten.“ Das klang schon wahrer. So standen wir gegen 22h in einer relativ geordneten und ruhigen Schlange – was für israelische Verhältnisse nicht unbedingt die Regel ist – am Eingang der Yellow Submarine. Das Musiklokal war knallvoll mit Menschen im Alter von 30 und älter; auch viel älter, erstaunlich viel älter! Sie saßen um eng beieinander stehende Tische herum und der Saal war mit Stimmengewirr gefüllt. Unsere Freunde erwarteten uns an einem Tisch direkt an der Bühne. Oh oh, na das fängt ja gut an!

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Kinderstimme

In der Oberschule fragte einmal einer unserer Tutoren ob es etwas gäbe ohne dass wir nicht leben könnten. Mit für mich damals un-charakteristischer Selbstsicherheit hob ich die Hand und sagte: „Musik!“ Ich war die Einzige, die die Hand gehoben hatte und jetzt erntete ich auch noch verständnislose Blicke. Meine Mitschüler konnten sich mit dieser Antwort nicht identifizieren und der Lehrer war unzufrieden, weil es nicht das war, worauf er abgezielt hatte. Er hatte gehofft materialistische Antworten zu bekommen, damit er sie dann entkräften konnte.

Ich stand dazu, dass ich mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen kann und das stimmt bis heute. Musik ist wohl der größte Launen-Beeinflusser – dicht gefolgt vom Wetter, aber weitaus mehr differenziert und eindringlich.

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