Es ist ein Junge!

So lautete die freudige WhatsApp Nachricht. Sofort begannen wir die Tage zu zählen. Diese Nachricht  bedeutete, dass wir uns in 8 Tagen einen Tag frei nehmen müssen, denn genau dann wird die Brith Milah gefeiert, was natürlich im Laufe des Tages geschieht. Mit dieser Zeremonie wird der neue Erdenbürger offiziell in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen. Die hebräische Bezeichnung besagt, dass damit ein Bündnis eingegangen wird, nämlich ein Bündnis mit Gott. Auf Deutsch sagt man nur Beschneidung.

Die glücklichen jungen Eltern sind religiös. Ich mag sie, denn sie sind nicht aufdringlich religiös oder hochnäsig religiös. Es sind liebe, aufgeschlossene Menschen, beide im Lehrberuf tätig. Die Mutter arbeitet mit schwer erziehbaren Kindern und der Vater lehrt an einer Schule für Jugendliche, die aus dem staatlichen Schulwesen entweder ausgestiegen oder heraus geflogen sind. Dass er religiös ist sieht man ihm nur daran an, dass er eine Kipppah auf dem Kopf trägt, aber keine schwarze Kleidung und keine komische Frisur. Sie trägt nur Röcke bis über die Knie und ihr Haar hat sie immer bedeckt. Hüte sind nicht hip und auch Kopftücher sieht man wenig. Die modernen religiösen Frauen tragen ihr Haar in einer Art Turban hochgebunden und mit Blumen, Schleifen oder Kettchen geschmückt. Es erinnert mich immer an die Nofretete und das kann sehr elegant aussehen.

Die Zeremonie findet in einem Saal statt. Davon gibt es in Israel unzählige, denn alle wichtigen Feste werden in großem Rahmen mit vielen Gästen gefeiert. Der gewählte Saal ist einer von fünf Festsälen in diesem Gebäude in Jerusalem. Man muss aufpassen, dass man die richtige Festlichkeit erwischt und nicht ausversehen bei einer fremden Hochzeit oder Bar Mitzwa landet. Merken würde das jedoch kaum jemand, denn die meisten Gäste kennt man sowieso nicht. Am Eingang steht der blau-weiss geschmückte, für meinen Geschmack etwas kitschige Tisch, der auf dem Bild zu sehen ist. Entlang der Seitenwand sind Tische mit allerhand leckeren Appetitanregern aufgestellt, junge Köche stehen daneben und braten Fleisch-Häppchen, die sie auf kleinen Tellerchen überreichen. An der Längswand ist ein Podium mit einem DJ und auf der gesamten linken Seite sind festlich gedeckte Tische angeordnet. Der Platz in der Mitte bleibt frei. Bei Abendveranstaltungen ist dort die Tanzfläche.

Der Saal füllt sich langsam. Der Großteil der Gäste ist ebenfalls religiös. Man trifft Verwandte und Bekannte, die man meist nur auf solchen Anlässen trifft, tauscht sich aus über dies und das: der hat geheiratet, die ist schon wieder schwanger, der hat einen neuen Job und die ist gerade auf Reisen in Indien… Man sucht sich einen Tisch, probiert hier und da ein Häppchen, trinkt ein wenig Saft – Alkohol gibt es in den Mittagsstunden kaum, nur süßen Wein. Kinder flitzen zwischen den Tischen herum und naschen die blau–weißen Süßigkeiten. Mutter und Baby halten sich im Hintergrund, ihre eigene Mutter und Schwestern immer um sie herum. So geht es mindestens eine Stunde.

Als der Mohel erscheint finden sich die Männer auf dem freien Platz in der Mitte ein. Sie fangen an Segen und Gebete zu singen. In einem Halbkreis stehen sie um den prachtvollen, gepolsterten Stuhl und wiegen sich andächtig hin und her. Manche schließen die Augen. Gesang und Murmeln wechseln sich ab und dann hebt der stolze Opa die Stimme über Allen. Er hebt den Kopf, andere heben die Hände, im Saal ist es sonst ruhig geworden. Dann sammeln sich alle um den großen Stuhl, die Mama übergibt ihren kleinen Prinz dem Mohel. Gebannte Stille tritt ein, während er den Jungen auf den gepolsterten Stuhl legt, den Segen spricht und der Name des Kindes bekannt gegeben wird. Lange Sekunden vergehen und dann zerbricht das zarte Schreinen des Jungen die Stille. Die Frauen wischen sich die Tränen aus den Augen, die Männer senken die Köpfe und kämpfen mit den selben. Schnell wird die Wunde verbunden und schon kehrt der Knabe in die Arme der Mutter zurück, die ihn liebevoll an sich drückt und zu beruhigen versucht. Manchmal gibt man den Kleien ein Tröpfchen Wein auf den Schnuller. Mutter und Mutters Mutter kümmern sich um ihn und bald schläft er wieder.

Nun ist es Zeit zum Feiern. Der DJ lässt Musik ertönen. Das Essen wird serviert. Kinder rennen wieder von Tisch zu Tisch. Gegen Ende des Festmahls nimmt der junge Vater das Mikrofon, bedankt sich bei den Gästen und sagt ein paar Worte über die Bedeutung dieses doch eigentlich etwas grausamen Brauches und warum sie den Namen gewählt haben. Leider kann ich davon nur Fetzen aufnehmen, es ist einfach zu laut im Saal.

Meine Aufmerksamkeit gilt dem Vater der Mama, der nun auf dem thronartigen Stuhl sitzt. Er ist ein Cohen. Zu Zeiten des jüdischen Tempels waren die Cohen die höchsten Diener Gottes und führten heilige Rituale durch. Sie hatten einen besonderen Stand in der Gesellschaft. Bei religiösen Juden ist das bis heute von Bedeutung. Deshalb steht man jetzt Schlange um einen Segen vom Cohen zu erhalten. Einer nach dem Anderen stellt sich ihm vor und bittet um einen Segen für seine Kinder, oder für Gesundheit oder Wohlstand oder eine gute Ehe oder oder oder. Der Cohen legt dem jeweiligen Anfrager dann die Hand auf den Kopf und redet irgendwelche Segensworte. „Der Segen hat ganz besondere Kraft“, sagt meine Tischnachbarin „Erstens ist er der Großvater und dann auch noch Cohen! Man sagt dass so ein Segen ganz besonders wirkungsvoll ist. Warum gehst Du nicht auch und lässt dich segnen, oder hole dir einen Segen für deine Tochter“.

Ich glaube nicht daran. Ich glaube es ist nicht der Segen selbst, der den Menschen Kraft gibt, sondern die Tatsache, dass sie daran glauben. Der Glaube ist des Menschen Motor, nicht die Religion und schon gar nicht die verschiedenen Rituale oder Zeremonien, die im Namen der Religion durchgeführt werden. Diese helfen nur den Glauben zu stärken, geben ihm quasi seine Gültigkeit. Auch vereinen diese Symbole die Menschen in Ihrem Glauben, so dass sie sich darin bestätigt und dazugehörig fühlen. Problematisch wird es, wenn Symbole und Rituale eine größere Wichtigkeit erhalten als das, was sie eigentlich symbolisieren.

Bei Anlässen, wie diesem, kann ich nicht umhin mir Gedanken über diese Themen zu machen. Normalerweise endet das mit mehr Fragen als Antworten. Warum Beschneidung? Hätte man nicht ein etwas ‚humaneres‘ Ritual finden können? Aber vielleicht soll es eine unwiderrufliche, stätige Erinnerung daran sein, dass der Mensch ein einerseits grausames und zugleich schwaches Wesen ist. Deshalb tut er gut daran, an eine starke, intelligente, gütige aber gerechte allmächtige Identität zu glauben, die den Mensch geschaffen hat. Sonst läuft er Gefahr zu sehr an sich selbst oder an das, was er geschaffen hat zu glauben und es zu vergöttern. An Gott glauben ist eigentlich eine gute Sache – sofern dieser wirklich gut ist. Mit Religion habe ich so meine Probleme. Genauso, wie ich mit allem ein Problem habe, was mich in einen unflexiblen Rahmen zwingt.

Nach fast drei Stunden verlassen wir den Saal. Die Verabschiedungen allein haben noch einmal fast eine halbe Stunde gedauert, denn man muss noch einmal den Familienangehörigen gratulieren und mit den entfernteren Verwandten besprechen, wann man sich wohl auf der nächsten Festlichkeit treffen wird und wo.
Auf dem Tisch am Eingang ist lediglich die weisse Decke verblieben.

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11 Gedanken zu “Es ist ein Junge!

  1. Liebe Ruth,
    ja, der Tisch wirkt etwas kitschig aber das war das Einzige, was ich persönlich so empfand. Ich danke Dir für die Beschreibung des Brith Milah auch wenn ich mir den Namen wahrscheinlich nicht merken können werde. Ich fühle mich, als hätte ich still teilnehmen und teilhaben dürfen an dieser Familienfeier, das Mäuschen sozusagen, das still staunt. Das fand ich ganz wunderbar. Solche Rituale geben Menschen Sicherheit und in ein stabiles Gemeinschaftsgefüge geboren zu werden, bewahrt vor Einsamkeit. Ich wünsche Dir einen harmonischen Abend, liebe Grüße von
    Andrea

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Andrea, vielen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar. Ich freue mich wirklich, dass ich es geschafft habe Dir das Gefühl zu vermitteln dabei gewesen zu sein. Ausserdem ist das ein ganz tolles Kompliment für mich und meine Schreibweise 🙂
      Alles Liebe
      Ruth

      Gefällt 1 Person

      1. Ich kann nur sagen, ich bin immer tooootal neugierig (beim reisen interessieren mich immer mehr die Menschen als irgendwelche Must-see-Bauwerke) und freu mich so über Deine ausführlichen Berichte, die das auch gefühlsmäßig so wunderbar wiedergeben. Ich bin echt glücklich, auf Dich und Deinen Blog gestossen zu sein.
        Dir auch alles liebe
        von Andrea

        Gefällt 1 Person

  2. Ich fand das eine sehr sehr schöne Beschreibung. Nicht weil ich mit dem Thema an sich irgendwie verbunden wäre, sondern weil die Art und Weise des Erzählens mich in den Bann gezogen hat. Normalerweise habe ich ein Problem mit Beiträgen, die sehr lang ausfallen, und mich überkommt über kurz oder lang das Bedürfnis der Langatmigkeit und der Wunsch das Lesen zu beenden. Nicht so hier. Von vorne bis hinten hatte ich das Bedürfnis weiter zu lesen. Ich werde diesem Blog folgen….eben aus diesem Grund.
    Das Thema an sich: Ich habe so meine Probleme mit Religionen. Bin selbst Katholik und das gilt auch für die Religion, der ich zugehörig bin. Ohne hier jetzt auszuufern…..ich habe etwas in mir, das sich sträubt gegen Zwänge. Auch gegen den Zwang etwas glauben zu sollen/müssen, was ich mir nicht aus Überzeugung ausgesucht habe. Noch mehr, wenn doch arge Zweifel daran bestehen, dass dem so ist, was mir da zwangsweise nahe gebracht wird. Und im hier geschilderten Fall habe ich erst recht so meine Bedenken, wenn an einem kleinen Menschen ein Glaubensinhalt vollführt wird, ohne dass er die Möglichkeit hat, darauf Einfluss zu nehmen oder gar selbst zu entscheiden.
    Nichts desto weniger möchte ich irgendjemandem vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat. Wie sein Glauben zu sein hat. Den das würde meiner Überzeugung widersprechen, dass jeder für sich selbst entscheiden können muss, was er tut oder lässt. Punkt.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen, vielen Dank für diesen wunderbaren und schmeichelhaften Kommentar! Du bist mir zuvor gekommen, den ich hatte heute Morgen in Deinem Blog herumgestöbert und einiges sehr Interessantes gefunden. Bin aber noch nicht dazu gekommen, mich dazu zu äußern.
      Ich bin absolut kein Freun von Religion, vor allem je mehr sie institutionalisiert wird. Allerdings habe ich auch meinen Respekt davor. Ich denke der Mensch braucht gewisse Zeremonien und gewisse Rahmen im Leben, da er sich sonst leicht verloren fühlt. Für mich sind viele Bräuche abartig, aber ich habe auch gemerkt wie sehr sie den Zusammenhalt von Familien und sozialen Gruppen fördert. Ich denke wir, die diese Rahmen nicht ertragen, sind eher die Ausnahme, die moisten Menschen brauchen Richtlinien und Grenzen und für Viele ist die Vielfalt der Möglichkeiten und der Verfall von klaren Wertvorstellungen eher beunruhigend und schwierig.
      Werde mich bei Deinem Blog noch sehen lassen 🙂 Frohes 2016! Ruth

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