Meine Mamas Lieblingsboutique

Die Läden meiner Kindheit – Dieses reizende Erzählprojekt im Teestübchen Trithemius ist voll mit wunderbarer Alltags-Nostalgie. Ich wünschte, ich könnte da mitreden, habe aber leider so gut wie gar keine solche Kindheitserinnerung. Als Berliner Stadtkind gingen wir zu Bolle nebenan und damit hatte sich die Sache. Kleidung kauften wir bei C&A, Schuhe am liebsten bei Salamander, denn da gab’s den Lurchi …. außerdem zogen wir sowieso alle paar Jahre in eine andere Gegend und lebten nie irgendwo lange genug, als dass in mir Nostalgie aufkommen könnt. 

Über die einzige Erinnerung, die sich bei mir über längere Zeit einprägte, habe ich letztes Jahr schon einmal geschrieben, denn sie wurde an einem unerwarteten Ort wieder lebendig. Ich habe es für dieses Projekt noch einmal ein wenig umgeschrieben und aktualisiert:

Meine Mamas Lieblingsboutique

Stoffe der Blusen und Schals streifen mir sanft über meine Schultern und mit den bloßen Händen erwidere ich  zögernd ihre neugierigen Berührungen. Ich darf hier nicht alles anfassen. Diese Sachen gehören mir nicht. Und was einem nicht gehört, darf man nicht ohne zu fragen anfassen. Außerdem könnten die edlen Kleider in dieser exklusiven Boutique schmutzig oder kraus werden vom vielen Anfassen.

Ich muss wohl um die 8 oder 10 Jahre alt gewesen sein, als ich so Stunden in der kleinen Lieblingsboutique meiner Mutter in Berlin verbrachte und ihr beim Auswählen der Garderobe für besondere Anlässe zusah. Wie diese Boutique hieß, weiß ich nicht mehr und auch nicht wo sie genau war.

Aber ich erinnere mich, dass es relativ dunkel war und selbst für eine Modeboutique relativ klein. Überall hingen Kleidungsstücke, Schmuck, Taschen. Schuhe standen zwischendrin, Schals waren dekorativ dazu platziert, der Tresen war gleichzeitig eine Vitrine voll Anstecknadeln und anderen Accessoires. Sogar Hüte und Haarschmuck fehlten nicht. Mir schien, dass es hier alles gab, was eine Frau begehrt, um sich schick zu machen. Alles wirkte sehr romantisch und verspielt, Blumen oder Kerzen – die meine Mutter so liebte – standen zur Dekoration in der ohnehin schon leicht überladenen Boutique. Zweifelsohne handelte es sich jedoch bei jedem Artikel um sorgfältig erlesene, edle Stücke.

Vor allem erinnere ich mich gut an das Gefühl, wenn wir gemeinsam dort waren, meine Mama und ich. Dort war sie die schönste Frau, die wichtigste Person in ihrem Leben, nicht Mutter und nicht Ehefrau, nicht Hausfrau und nicht Sekretärin. Sie war dort ganz Frau in all ihrer sanften und unbestechlichen Weiblichkeit, in all der Schönheit der Schöpfung, die nur einer Frau innewohnen kann.

Sie drehte sich vor dem Spiegel, mal in diese Farbe gehüllt und mal in eine andere, mal mit dieser Kette beschmückt und mal mit einer anderen. Gemeinsam bewunderten wir sie, die Inhaberin der Boutique und ich. Alle Aufmerksamkeit galt meiner Mama und die Inhaberin brachte ihr immer wieder neue Kleider oder Röcke mit passenden Blusen, dazu Tücher, Taschen und allerhand Accessoires, die ihre Erscheinung noch vollkommener machen sollten. Sie hatte unglaublich viel Geduld, diese Inhaberin. Sogar ich als kleines Mädchen konnte spüren, wie sie auf alle Wünsche meiner Mutter einging und sie zufriedenzustellen suchte. Sie selber fand Genugtuung darin. Und sie hatte ein Auge und Gefühl dafür, wie die weibliche Schönheit in ihrer Kundin hervorzubringen sei.

Deshalb liebte meine Mutter gerade diese Boutique. Nicht nur fand sie dort immer das, was sie suchte, sie fühlte sich auch in guten Händen. Sie fühlte sich im Mittelpunkt, alle Aufmerksamkeit gehörte ihr. Ich schaute zu, denn hier war sie die vollkommenste Frau auf der Welt.

Als ich voriges Jahr ein Kleid für eine Hochzeitsfeier suchte, wurde ich an dieses Erlebnis erinnert. Der bloße Gedanke an lärmende Einkaufszentren mit ihren riesigen Kleidungsketten und überlaufenen Klamotten-Boutiquen ermüdete mich. Der Markenwahn, der die globalisierte Menschheit ergriffen hat, lässt mich kalt. Bis zu den letzten Tagen vor der großen Feier schob ich den Kleiderkauf hinaus; bis zum letzten Samstag vor dem Ehrentag der Familie, als ich von ‚HANUTKA‚ , einem Zweite-Hand-Laden in Abu-Gosh erfuhr – oder wie man heute sagt: eine Vintage-Boutique.

Hier, zwischen Humus Restaurants und Baumaterial Handlungen fand ich eine kleine, feine Boutique mit einer großherzigen Inhaberin, die in mir die Erinnerung an die Lieblingsboutique meiner Mama wiedererwachen lies. Hanita sprach mich mit meinem Vornamen an und fragte nach meinen Vorlieben bevor sie anfing mir ein Kleid nach dem anderen zu bringen. Sie ließ sich Zeit, suchte passende Stücke, betrachtete sie an meinem Körper und fügte Accessoires hinzu. Sie zeigte sich begeistert, sagte aber auch wenn ihr etwas nicht gefiel. Dies sei nicht weiblich genug oder jene Farbe mache mich blass. Sie fand Genugtuung darin und sie hatte ein gutes Auge dafür, was zu mir passt.

Ich musste dort wohl zwei Stunden verbracht haben. Irgendwann hatte sie uns Kaffee bereitet. Am Ende hatte ich natürlich viel mehr gekauft, als ich wollte oder brauchte.

Inzwischen ist sie mit ihrem Laden nach Tel Aviv umgezogen. Das ist sehr schade. Aber ich denke in einem kleinen arabisch-israelischen Dorf, das nur samstags mit Touristen überströmt wird, findet sich wohl doch nicht genug Kundschaft für diese Art von Shop. In Tel Aviv ist es ein Renner, denn Vintage ist inn. Ob sie wohl immer noch so herzlich mit ihren Kundinnen ist und auf sie eingeht? Wer weiß, die Zeit verändert alles.

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8 Gedanken zu “Meine Mamas Lieblingsboutique

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